Arbeiten im Einzelhandel: Und das Lächeln bleibt trotzdem

Sabine Grossensteiner steht in der Mitte ihres Teams. „Mitarbeiter:innen trauen sich heute generell mehr als früher“, ist REWE-Konzernbetriebsrätin Sabine Grossensteiner (in der Mitte) überzeugt.
„Mitarbeiter:innen trauen sich heute generell mehr als früher“, ist REWE-Konzernbetriebsrätin Sabine Grossensteiner (in der Mitte) überzeugt. | © Markus Zahradnik
In der Corona-Pandemie wurden sie als Held:innen gefeiert, doch im Berufsalltag weht ihnen ein immer rauerer Wind entgegen: Wie es Beschäftigten im Einzelhandel geht.
High Noon im Handel: Um 17:15 Uhr in einer Filiale der Drogeriemarktkette Müller in Wien-Meidling unweit des Bahnhofes wuselt es. Menschen eilen zwischen Büro und Feierabend in das zweigeschoßige Geschäft für letzte Besorgungen. Müller bietet neben Kosmetika und Parfums auch Spielzeug, Haushalts- und Schreibwaren an. Die meist großräumigen Filialen – knapp über 100 sind es in Österreich – folgen auch beim Sortiment dem Motto „Klotzen, nicht kleckern“. Die Mitarbeiter:innen sind hier besonders gefordert. „So, Problem gelöst, was?“, sagt eine Verkäuferin und schmunzelt eine zufriedengestellte Kundin an, die gerade ein bestimmtes Parfum gesucht und gefunden hat. Den Überblick bewahren und auch in Stresszeiten Kund:innen zufriedenstellen ist beim Arbeiten im Einzelhandel ganz normal.

Mindestbesetzung und Umsatzzuwächse

Aus Sicht der Gewerkschaft GPA gilt es, die Arbeitsbedingungen zu verbessern: Eine Forderung ist u. a. eine Mindestbesetzung in den Filialen – besonders bei erwartbaren hohen Auslastungszeiten und bei Rabattaktionen. Die Mitarbeiter:innen in den Geschäften würden eine große Verantwortung schultern – und es sind immerhin rund 430.000 Menschen. Etwa 53 Prozent dieser Angestellten arbeiten im Einzel-, 35 Prozent im Groß- und 12 Prozent im Kfz-Handel. 71 Prozent der Beschäftigten sind weiblich, die Teilzeitquote ist mit 42,5 Prozent traditionell hoch. Zudem werden im Handel derzeit rund 20.000 Lehrlinge ausgebildet.

Der Sektor ist der zweitgrößte Arbeitgeber innerhalb der marktorientierten Wirtschaft. Der Einzelhandel verbuchte laut AK in den vergangenen Jahren Umsatzzuwächse, 2024 waren es plus 3,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Vor allem der Einzelhandel mit Lebensmitteln, Computern, Foto- und Elektrogeräten sowie medizinischen Produkten läuft demzufolge gut. Rückläufig ist hingegen der Verkauf von Möbeln sowie Bau- und Heimwerkerbedarf.

Arbeiten im Einzelhandel: Hohe Belastung im Team

Sind Filialen personell dünn besetzt, hat das schnell Auswirkungen auf die Teams vor Ort. Die Belastung im Job ist generell hoch und wird bei Verkaufsspitzen wie rund um Weihnachten noch höher. Viele Beschäftigte berichten laut GPA über mangelnde Mitsprache bei der Arbeitszeitgestaltung und häufiges Einspringen. Und da fordern Wirtschaftsvertreter:innen eine weitere Liberalisierung der Öffnungszeiten. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts IFES unter fast 20.000 Handelsangestellten zeigt: 97 Prozent sind gegen eine Sonntagsöffnung.

Ein gesellschaftliches Umdenken ist notwendig.
Handelsangestellte verdienen Respekt.

Mario Ferrari, Bundesgeschäftsführer GPA

Auch Übergriffe von Kund:innen auf Mitarbeiter:innen nehmen zu. Die GPA schlug im Sommer diesbezüglich Alarm. Davon ist in der Müller-Filiale im Meidlinger Einkaufszentrum zumindest in der Momentaufnahme zum Glück nichts zu bemerken. Die Einkäufer:innen sind geduldig und verhalten sich respektvoll. Erstaunlich ist, wie professionell die Mitarbeiter:innen vor Ort mit dem Tagesstress umgehen. An der Kassa im unteren Stock – hier sind Lebensmittel, Parfümerie und Drogerie – hat sich eine Schlange gebildet. Die Kassiererin nimmt einen nach dem anderen dran, freundlich und konzentriert, aber sichtlich müde von der Schicht.

Was sagen Beschäftigte?

Arbeit&Wirtschaft hat mit Arbeitnehmer:innen im Handel ausführlich über ihren Arbeitsalltag gesprochen. Damit sie frei reden können, wurde ihnen Anonymität zugesichert. Alle Beschäftigten berichten von Stress, Schwierigkeiten durch den Kund:innenkontakt, immer wieder auch von nicht verständnisvollen Chef:innen und unbezahlter Arbeitszeit – etwa bevor das Geschäft in der Früh öffnet bzw. nach der Abrechnung am Abend. Betriebsrät:innen werden in diesem herausfordernden Umfeld als hilfreich angesehen, mehrmals äußerten Befragte aber Bedenken, zum Betriebsrat zu gehen, da sie als Folge eine negative Reaktion der Vorgesetzten befürchten. Geschätzt wird an der Arbeit unter anderem die gute Team-Zusammenarbeit und wenn der Austausch mit den Kund:innen positiv verläuft.

Teil der Beratung im Einzelhandel

E. ist Einzelhandelskauffrau in einer großen Drogeriekette in Wien. Kund:innenkontakt ist einer der Gründe, warum sie sich überhaupt für den Beruf entschieden hat. „Positive Rückmeldungen freuen mich einfach“, erklärt sie. E. ist sozial, kommunikativ, sie liebt es, mit Mitmenschen ins Gespräch zu kommen. Leider gäbe es aber immer wieder Situationen, in denen sie und ihre Kolleg:innen in der Filiale zu viel auf einmal schaffen müssten und die Kundschaft dann unruhig werde. „Es gibt einige Tätigkeiten neben meiner Hauptaufgabe, die Kassa zu bedienen: Ware verräumen – schlichten, schlichten und nochmals schlichten“, so die Mittvierzigerin.

Dazu käme noch der sogenannte Aktivverkauf. Erkundige sich eine Kundschaft nach einem Shampoo, solle man gleich auch auf Conditioner aufmerksam machen. An der Kassa gilt es, auf Angebote hinzuweisen. Kontrolliert wird das durch sogenannte Mystery-Shopper, also Testkäufer:innen der Unternehmen, die die Performance der Beschäftigten im Nachgang nach festgelegten Kriterien bewerten. „Die bereiten mir mittlerweile keine Sorgen mehr, am Anfang schon, da ist das ungewohnt“, so E. Kritik seitens der Kundschaft würde sie durchaus treffen – „etwa, wenn man hört, man ist zu langsam, obwohl man sich eh schon so anstrengt“. Sie habe über die Zeit ein dickeres Fell bekommen. E. erinnert sich an eine Kollegin, der die Missgunst der Kundschaft zu viel wurde. Regelmäßig seien am Ende des Tages Tränen geflossen. Irgendwann habe die Kollegin aufgegeben und gekündigt.

Betroffene ernst nehmen

„Mitarbeiter:innen gehen ganz unterschiedlich mit Vorfällen um“, betont Sabine Grossensteiner, Konzernbetriebsrätin bei der REWE Group. „Als Betriebsrat muss man dann individuelle Lösungen finden. Ist es möglich, dass eine Mitarbeiterin Aufgaben mit weniger Kund:innenkontakt übernimmt? Braucht eine Mitarbeiterin psychologische Beratung, kann sie an ihrem Arbeitsplatz weiterarbeiten? Auf jeden Fall geht es darum, die Mitarbeiter:innen ernst zu nehmen und ihnen zuzuhören.“

In der REWE Group arbeiten laut Grossensteiner die meisten Betriebsrät:innen selbst in den Filialen, sie bekämen den Alltag hautnah mit. „Das hilft“, betont sie.

Was sie beobachtet, ist, dass der Tonfall von Kund:innen über die Jahre rauer wurde – und die Gewalt gegenüber Mitarbeiter:innen im Handel häufiger. Laut einer Umfrage unter 1.513 Handelsangestellten und Mitgliedern der GPA, veröffentlicht im Sommer 2025, hat fast jede:r Zweite im Handel bereits Gewalt am Arbeitsplatz erlebt – beinahe jede:r Zehnte sogar im vergangenen Jahr. Gewalt am Arbeitsplatz wird dabei von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) definiert als „jede Handlung oder jedes Verhalten, das von gesellschaftlich akzeptierten Normen abweicht und im Zusammenhang mit der Arbeit dazu führt, dass eine Person bedroht, beleidigt, psychisch oder physisch verletzt wird“.

“Mitarbeiter:innen gehen unterschiedlich mit Vorfällen um.
Da muss man individuelle Lösungen finden.“

Sabine Grossensteiner, Konzernbetriebsrätin REWE Group

Gewalt am Arbeitsplatz

Rund 53 Prozent der Befragten beobachteten eine Zunahme von Gewalt am Arbeitsplatz in den vergangenen fünf Jahren. Am häufigsten mussten die Befragten Folgendes erleben: 58,6 Prozent wurden schon einmal angeschrien oder eingeschüchtert; 57,8 Prozent wurden an ihrer Arbeitsstelle beschimpft oder beleidigt; 37,6 Prozent wurden im Job bedroht oder eingeschüchtert; 34,6 Prozent waren mit Hänseleien oder Verspottung konfrontiert.

„Es braucht ernsthafte Prävention, klare Abläufe im Betrieb, aber auch ein Umdenken in der Gesellschaft“, sagt der Bundesgeschäftsführer der Gewerkschaft GPA, Mario Ferrari, zu den besorgniserregenden Ergebnissen. „Denn die Kolleg:innen haben sich Respekt für ihre Arbeit verdient, das betrifft die Kund:innen, aber auch die Kultur im Betrieb selbst.“ Die Gewerkschaft GPA habe hier konkrete Forderungen, „etwa ein Recht auf Supervision, das garantiert, dass schnell und unbürokratisch psychologische Hilfe geleistet wird, sollte es zu Vorfällen kommen“, so Ferrari. „Wir fordern aber auch eine Mindestbesetzung der Filialen, etwa bei Rabattaktionen, sowie eine:n Gewaltschutzbeauftragte:n ab 20 Beschäftigten.“ Es gehe aber auch um ganz grundsätzliche Dinge, etwa zu enge Gänge oder zu kleine Kassenbereiche, die Konsument:innen wiederum in Stresssituationen bringen würden.

Arbeiten im Einzelhandel bedeutet Showdown an der Kassa

Gestresste Kund:innen sind die größte Sorge von B. Der junge Mann mit Migrationshintergrund arbeitet in einem Supermarkt in Wien. Er ist vor allem für Lieferungen verantwortlich und schlichtet die Ware. Aber manchmal muss er an der Kassa aushelfen: „Das ist oft schwer“, sagt er und runzelt die Stirn. „Am Anfang war ich den Wartenden zu langsam, und sie forderten gleich: ‚Zweite Kassa, bitte!‘“ An das Multitasking galt es sich zu gewöhnen: Kassieren, gleichzeitig mit den Menschen plaudern, immer höflich bleiben, auch wenn viel los ist – und auch, wenn die Kund:innen selbst ungeduldig sind.

47 Prozent der Menschen, die im Einzelhandel arbeiten, haben bereits Gewalt erlebt.
47 Prozent der Menschen, die im Einzelhandel arbeiten, haben bereits Gewalt erlebt.

„Es gibt gute Leute, aber auch schlimme“, sagt B. Stress und Unfreundlichkeit könnten auch ganz schnell andere Dimensionen annehmen: „Manche Kund:innen sind rassistisch.“ Zweimal habe B. schon dezidiert rassistische Übergriffe ihm gegenüber erlebt. Er selbst blieb dabei ruhig und reagierte nicht darauf. Die Vorfälle beschäftigen ihn bis heute.

Sabine Grossensteiner sieht generell beim Thema Übergriffe die Arbeitgeber:innen und die Kund:innen in der Pflicht: „Die Unternehmen kämpfen um jeden Kunden und jede Kundin, klar. Aber auch als Kundschaft muss ich mich gegenüber den Mitarbeiter:innen angemessen verhalten“, so die Betriebsrätin. Ein Anfang seien bestehende Plakate in den Filialen, die zu einem respektvollen Umgang aufrufen und Bewusstsein schaffen sollen. Abseits davon gebe es weitere Ideen zu Initiativen und gemeinsamen Kampagnen im Handel.

Entfaltungsmöglichkeit gesucht

Was B. noch Sorge bereitet, ist die langfristige Zukunft. Er kam vor circa fünf Jahren nach Österreich und ist dankbar für seinen Job, aber ihm würden die Weiterentwicklungsmöglichkeiten fehlen. Der soziale Austausch im Job gebe ihm persönlich nicht allzu viel, und er spüre die körperliche Belastung. „Aus- und Weiterbildung müssen im Handel stärker verankert werden, damit sich Beschäftigte weiterqualifizieren und neue Aufgaben übernehmen können – unabhängig von Alter, Beschäftigungsausmaß oder Filialgröße“, so GPA-Bundesgeschäftsführer Ferrari. Und: „Perspektiven entstehen dort, wo Beschäftigte in Entscheidungen einbezogen sind. Betriebliche Mitbestimmung ist dabei ein entscheidender Ansatz, etwa über Betriebsräte, die sicherstellen, dass Arbeitsbedingungen und Abläufe nicht über die Köpfe der Beschäftigten hinweg gestaltet werden.“

Wie sehen das die von Arbeit&Wirtschaft befragten Handelsangestellten? Für E. und B. sind die Betriebsräte präsent. Doch der junge B. zögert, bei beruflichen Anliegen den Betriebsrat hinzuzuziehen, aus Vorsicht, Vorgesetzte könnten das falsch verstehen. „Ich rede nur mit dem Chef!“

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🗣️ Fünf Beschäftigte erzählen, was diese Wochen für sie bedeuten – anonym, damit sie frei sprechen können.

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— Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 12. Dezember 2025 um 12:00

Für REWE-Konzernbetriebsrätin Sabine Grossensteiner spiegelt das nicht die Entwicklung im Handel per se wider. „Mitarbeiter:innen trauen sich heute generell mehr als früher“, ist sie überzeugt. „Wir bei der REWE Group haben zudem mittlerweile Betriebsratsmitglieder verschiedenster Nationalitäten, dadurch konnten etwa Sprachbarrieren abgebaut werden.“ Für Mario Ferrari können es „gerade die kleinteilige Struktur im Handel, aber auch die hohe Fluktuation der Beschäftigten“ sein, die die Vernetzung diesbezüglich erschweren. „Als Gewerkschaft GPA unterstützen wir, wo auch immer der Schuh gerade drückt!“

Die Schuhe der Verkäufer:innen im Müller in Wien-Meidling müssen mittlerweile auch schon etwas zwicken vom Hin und Her zwischen Regalen und Kassa. Die Uhr dreht sich Richtung Ladenschluss. Es wuselt nach wie vor. Weiterhin wird professionell und zuvorkommend gearbeitet. Mögen manche Augen schon müde wirken: Der Schmäh im Team rennt noch. Der Weihnachtseinkaufswahnsinn kann weitergehen.

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Über den/die Autor:in

Richard Solder

Richard Solder ist Arbeit&Wirtschaft-Chefredakteur. Davor leitete er die Redaktion des Magazins "Südwind". Journalistische Praxis sammelte er bei der Wiener Zeitung und als freier Journalist, u.a. für Gewerkschaftsmedien. Als externer Lehrbeauftragter gibt er sein Wissen an Studierende des Publizistik-Instituts der Universität Wien weiter, an dem er selbst auch studierte.

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