Wohnen mit Stolz

In Döbling thront die „Burg des Volkes“. Der bald 90 Jahre alte Karl-Marx-Hof mit seinen gigantischen Dimensionen war in vielerlei Hinsicht zukunftsweisend. Zeit, wieder stolz auf den Gemeindebau zu sein.
Einen Kilometer lang ist der Karl-Marx-Hof in Wien-Heiligenstadt. Seine bald 90-jährige Geschichte und jene des Roten Wien werden dauerhaft in einem Museum gezeigt, das im Gemeindebau selbst untergebracht ist. Der Waschsalon Nummer 2 im ersten Stock beherbergte einst Wannen und Duschen. Lilli Bauer, Journalistin, und ihr Mann Werner T. Bauer, bei der Österreichischen Gesellschaft für Politikberatung und -entwicklung tätig, kuratieren und begleiten die Einrichtung seit dem Start 2010. Im Erdgeschoß wird der Waschsalon Nummer 2 nach wie vor seinem Namen als Ort des Wäschewaschens gerecht.

Spurensuche und TV-Traumata

Nach den aufwendigen Recherchen für das Onlinelexikon www.dasrotewien.at, das die beiden auf die Beine gestellt haben, suchten die Bauers 2005 nach einer Ausstellungsfläche für einen Teil der zutage geförderten Fundstücke. Gefunden wurden die desolaten Räumlichkeiten des ehemaligen kommunalen Bades. Zu Beginn der 1930er-Jahre waren private Badezimmer weder üblich noch baulich leistbar – die zwei Badeanlagen mit insgesamt 20 Wannen und 30 Duschen waren äußerst fortschrittlich. Bürgerliche Gegner der Gemeinde Wien nannten diese Sanitäranlagen „Luxusausstattung“.

Tatsache ist: Jede(r) vierte WienerIn wohnt in einem Gemeindebau.

Einige wenige Duschen blieben für MieterInnen ohne Bad – ab 1945 wurde nachgerüstet – bis in die 1990er-Jahre in Betrieb, weiß Lilli Bauer. Sie erforscht seit 15 Jahren das Rote Wien und seine Gemeindebauten. Erzählt sie über den Karl-Marx-Hof, wird deutlich, wie sehr er ihr ans Herz gewachsen ist. Er ist die Wahlheimat, auch wenn die gebürtige Innsbruckerin in einem Altbau in Margareten wohnt. Verärgert schildert sie die Mitte September gezeigte Szene einer „Vorstadtweiber“-Folge: Nico (Nina Proll) wohnt temporär bei ihrem Vater im Karl-Marx-Hof, Wohnung im Hochparterre. Also, pfui! Ihre Freundinnen zeigen sich amüsiert-schockiert, die dort Ertappte peinlich betreten. Was Bauer generell vermisst: „Mir fehlt der Stolz der hier wohnenden Menschen – leider wird das Leben im Gemeindebau oft abwertend gesehen.“ Pralles Reality-TV sorgt seinerseits für Hohn, vermittelt es doch eine eigene Spezies am äußeren Rand. Tatsache ist: Jede(r) vierte WienerIn wohnt in einem Gemeindebau.

Fakten zum Karl-Marx-Hof
In den Jahren 1926 bis 1930 nach Plänen des Architekten und Oberstadtbaurats Karl Ehn mit damals 1.382 Wohnungen für rund 5.000 BewohnerInnen errichtet. Neben 88 Ledigen-Zimmern (später zu Wohnungen vereint) gab es u. a. 125 Zimmer-Küche-Wohnungen als kleinste Einheiten und nur eine Wohnung, die über drei Zimmer, zwei Kammern plus Küche verfügte. Von 156.027 Quadratmetern wurden nur insgesamt 18 Prozent verbaut, um Spiel- und Grünflächen zu gewährleisten. Der weltweit längste zusammenhängende Wohnblock wurde aus über 24 Millionen Ziegeln gebaut.

Es werde Licht und luftig

1923: Mittels Wohnbausteuer werden binnen einer Dekade rund 65.000 Wohnungen gebaut.
Als nunmehr selbstständiges Bundesland legt Wien 1922 den Grundstein für ein menschenwürdiges Leben. Zu Reformen im Gesundheits- und Bildungswesen gesellt sich 1923 ein Bauprogramm. Die Losung „Licht, Luft und Sonne“ wird zur Kampfansage an muffige, dunkle und schimmlige Mietskasernen mit Gangklo und gemeinschaftlicher Wasserentnahmestelle. „Eine Bassena ist nicht romantisch“, räumt Lilli Bauer mit einem beliebten Klischee auf. Mittels Wohnbausteuer (indirekte Steuer, aber progressiv ausgestaltet: geringe Miete schafft kleinen Prozentsatz und umgekehrt) werden binnen einer Dekade rund 65.000 Wohnungen gebaut. Bauer: „Die teuersten 0,5 Prozent der Wohnungen haben dabei 45 Prozent der gesamten Wohnbausteuer erbracht.“

Anders als die Gegner geunkt hatten, wurde der Bau keineswegs zum „eingestürzten Neubau“ – das sumpfige Gelände hatte Senkungen verursacht, deshalb steht u. a. der 12.-Februar-Platz auf Pfählen. Vielmehr wurde er als moderner Lebensraum geplant und realisiert. Vom ersten Spatenstich in der Hagenau – hier lagen Felder, die Gärtner von der Gemeinde gepachtet hatten – bis zur Vollendung wurde der Karl-Marx-Hof verunglimpft. Am 12. Oktober 1930 mit einem fulminanten Fest eröffnet, erleuchteten bereits am Vorabend unzählige rote Glühbirnen und Lampions die Fenster der „gewaltigsten Wohnstätte, die Europa besitzt“, wie das sozialdemokratische Kleinformat „Das Kleine Blatt“ schrieb.

Bildung für den neuen Menschen

„Das Rote Wien bemühte sich, einen neuen Menschen für eine neue Gesellschaft zu erschaffen“, erzählt Waschsalon-Kuratorin Lilli Bauer. „Freiwillige Angebote sollten den ArbeiterInnen die Möglichkeit geben, sich selbst zu verbessern.“ Dafür wurde etwa die Arbeiterbücherei geschaffen – der Bücherbestand bildete den Grundstock der heutigen städtischen Büchereien. „Karl May oder Hedwig Courths-Malerwaren verpönt, Marie Jahoda arbeitete dort als Ehrenamtliche.“ Die Verfasserin der Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ wohnte übrigens selbst im Gemeindebau. Im Ecklokal der Bücherei findet sich nunmehr der Pensio­nistInnenklub, das andere Ende stadteinwärts hat eine stattliche Rundung.

Da, wo jetzt eine Prothesen-Manufaktur ihren Sitz hat, befand sich ab 1929 auf drei Stockwerke verteilt die „Beratungsstelle für Inneneinrichtung und Wohnungshygiene“. Vom Architekten Ernst Lichtblau geleitet, wurde hier mittels Vorträgen, Beratungen und Mustermöbeln das neue Wohnen zelebriert. ArbeiterInnen konnten das schlichte, leichte, günstige und weitaus weniger voluminöse Mobiliar besichtigen, anfassen und testen.

Buchtipp: Peter Autengruber, Ursula Schwarz: Lexikon der Wiener Gemeindebauten

Was bei den Führungen im Waschsalon Nummer 2 für Heiterkeit sorgt, war ein wesentlicher Teil des sehr ernst gemeinten vielschichtigen Gesundheits- und Hygiene-Angebots im Karl-Marx-Hof: „Die Pflege und Wartung des Kindes“ entwickelte sich vor dem Hintergrund der hohen Säuglingssterblichkeitsrate und beinhaltete etwa regelmäßige Besuche in der Mutterberatungsstelle. Hier konnten sich Schwangere auch für das 1927 von Gesundheitsstadtrat Julius Tandler verwirklichte Säuglingswäschepaket anmelden, wurden Kinder untersucht und Mütter instruiert.

Modernes Heizen und Waschen

Wie modern die Infrastruktur des Karl-Marx-Hofes bereits vor 90 Jahren war, zeigte sich neben der Zahnklinik und den beiden Kindergärten (noch heute in Betrieb) auch anhand der zwei Waschsalons mit „den modernsten elektrisch geheizten und betriebenen Wäschereimaschinen und Heißwasserspeichern … die Mühe eines Waschtages ist auf zwei Stunden zusammengedrängt …“ (aus „Das Kleine Blatt“). In der Heizkesselanlage der Gemeinschaftswaschküche wird heute Squash und Indoor-Golf gespielt.

„Früher wurden die BewohnerInnen angehalten, ihre Freizeit im Kollektiv zu verbringen. Dieser Trend ist gesamtgesellschaftlich zurückgegangen.“ Heute sei jeder froh, wenn er nach der Arbeit die Wohnungstür hinter sich schließen kann. Die Enge der Gemeindebauwohnungen wurde durch die Infrastruktureinrichtungen und integrierten Vereine (u. a. Arbeiter-Briefmarkensammler-Verein) kompensiert. Zwei Erstbewohnerinnen leben heute noch im Karl-Marx-Hof und haben speziell 2010 über ihre 80 Jahre Wohnerfahrung in Bürgerkrieg, Weltkrieg, Aufbau und einem neuen Jahrtausend berichtet. Damals beklagten sie den mittlerweile fehlenden Zusammenhalt. Auch Bauer ist sich sicher: „Wenn es Menschen gibt, die sich um gemeinschaftliche Aktivitäten wie zum Beispiel Flohmärkte kümmern, ist die Stimmung besser, und die BewohnerInnen achten eher auf ihren Lebensraum.“

Von
Sophia Fielhauer-Resei und Christian Resei
Freie JournalistInnen

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 9/19.

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