Wer hat, dem wird gegeben

(C) Miriam Mone
In Österreich ist das Vermögen ungleicher verteilt als in den USA. Das führt zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problemen, für die es eine einfache Lösung gäbe.
Dollbepackt mit tollen Sachen, die das Leben schöner machen, hinein ins Einfamilienhaus. Mit einem Kofferraum voller Lebensmittel vor dem Eigenheim symbolisiert die Zott-Familie die Mittelschicht. Allein: Das ist Quatsch. Die Mittelschicht besitzt keine Immobilie. Die kann sie sich nicht leisten. Wer zur Zott-Familie gehören will, muss es ins obere Drittel der Vermögensverteilung schaffen.

Die Mitte, von der Politiker*innen immer gerne sprechen, besitzt ein Nettovermögen von 83.000 Euro. Das könnten ein Auto und Rücklagen für die Rente sein. Aber sicherlich kein Haus. „Der Wohlfahrtsstaat ist das Vermögen der breiten Mitte“, fasst Matthias Schnetzer, Ökonom in der Abteilung Wirtschaftswissenschaften und Statistik bei der Arbeiterkammer Wien, im Podcast von Arbeit&Wirtschaft die Situation zusammen.

Eine Wirklichkeit, die bei vielen noch nicht angekommen ist. Einerseits wegen solcher Zerrbilder wie aus der Zott-Werbung, die sich mit einem catchy Jingle ins Gehirn gebrannt hat; und andererseits, weil es zur Vermögensverteilung noch nicht allzu lange verlässliche Daten gibt.

In den Jahren 2017 und 2018 fand eine zuverlässige Erhebung durch die Europäische Zentralbank (EZB) und die Oesterreichische Nationalbank statt: die sogenannte Household Finance and Consumption Survey (HFCS). Sie basiert auf Befragungen, deren Teilnahme freiwillig ist. Die Ergebnisse neigen dazu, massiv zu streuen. Denn zum einen wäre es ein extrem glücklicher Zufall, bei einer Befragung eine*n der hyperreichen Österreicher*innen ans Telefon zu bekommen. „Selbst wenn ich sie in die Stichprobe ziehe, ist die Wahrscheinlichkeit der Teilnahmeverweigerung bei dieser Erhebung relativ groß“, gibt Matthias Schnetzer weiter zu bedenken.

In Österreich hyper-ungleich

Für Daten, die der Realität näherkommen, müssten die erhobenen Werte mit statistischen Instrumenten angepasst werden. Grundlage sind Informationen über Hyperreiche aus mehreren wissenschaftlichen Studien. In Österreich sieht die Wirklichkeit laut Jakob Kapeller, Professor für Sozioökonomie an der Universität Duisburg-Essen, aktuell so aus: „Das reichste Prozent hat einen Anteil von 39 Prozent am Gesamtvermögen. Die oberen zehn Prozent haben etwa 66 Prozent des Gesamtvermögens. Im internationalen Vergleich ist das Vermögen in Österreich sehr ungleich verteilt.“

Im Schnitt besitzt das reichste Prozent ein Nettovermögen von 12,5 Millionen Euro. Also das 150-Fache des Durchschnitts. Geradezu dramatische Ausmaße nimmt die Ungleichverteilung an, betrachtet man sie vom unteren Ende der Vermögenspyramide. „Die untere Hälfte der Bevölkerung hat typischerweise nichts“, erklärt Kapeller.

Nichts. In einem der reichsten Länder der Welt ist das Vermögen so verteilt, dass die Hälfte der Bevölkerung keine signifikanten Rücklagen und keine Sicherheiten hat. Die Tatsache, dass diese Menschen bisher nicht als arm galten – obwohl sie keinerlei Vermögen haben – liegt ausschließlich an ihrem Einkommen. Die Einkommensverteilung ist in jedem Land etwas weniger ungerecht als die Vermögensverteilung. Die Schere geht weniger weit auf.

Durchschnittsvermögen oberstes Prozent in Euro, AK Wien, November 2020

Jede Diskussion wird abgedreht

Hintergrund ist, dass jede und jeder in Österreich irgendein Einkommen hat. Und sei es die Notstandshilfe. Ohne Vermögen kann man überleben, ohne Einkommen nicht. Auch kulturell gibt es einen Unterschied. In Österreich werden enorme Einkommensunterschiede mit der erbrachten Leistung legitimiert. Mit der lässt sich extremes Vermögen aber nicht erklären.

Entsprechend unterschiedlich werden Einkommen und Vermögen politisch behandelt. Kapeller: „Die Einkommensverteilung ist genauer erforscht und wird politisch anders behandelt. Arbeitslose müssen sich melden und werden genau gescannt und registriert. Beim Vermögen ist das anders. Der Kapitalmarkt, Erbschaften und Schenkungen sind nicht transparent. Von Stiftungen ganz abgesehen.“

Vermögen ist nicht nur da, es generiert auch weiteres Vermögen. Habe ich Vermögen,
ist die Chance groß, dass es auch wächst.

Jakob Kapeller, Professor für Sozioökonomie

Ein Problem, das auch Franziska Disslbacher, Referentin für Verteilungsfragen in der Abteilung Wirtschaftswissenschaften der AK Wien, ausmacht. Sie fordert: „Wir brauchen zuerst mal ein umfassendes Vermögensregister, um tatsächlich ein besseres Verständnis der Verhältnisse zu bekommen.“

Das oberste politische Ziel beim Einkommen ist es, dass jede*r Bürger*in einen Job hat. Entsprechend müsste es bei der Vermögenspolitik darum gehen, Eigentums- und Machtkonzentrationen zu verhindern, um das Machtgefälle in der Gesellschaft zu minimieren. Während aber die Vermeidung von extremer Armut ein akzeptiertes politisches Ziel sei, ist es die Verhinderung extremer Eigentumskonzentration – obwohl dies nur die zweite Seite der gleichen Medaille sei – jedoch nicht.

Der „Matthäus-Effekt“

Dieser politische tote Winkel führt dazu, dass Vermögen zu mehr Vermögen führt: der sogenannte „Matthäus-Effekt“. Benannt nach einem (verkürzten) Zitat aus dem gleichnamigen Evangelium: „Wer hat, dem wird gegeben.“ Im Neuen Testament ist damit übrigens kein materieller Besitz gemeint, sondern Glauben. Das Zitat wird damit ins Gegenteil verkehrt. Der Volksmund trifft es passender: „Es regnet immer dorthin, wo es schon nass ist.“

An Immobilien lässt sich das auch sehr leicht erklären. Wer eine Wohnung besitzt, muss keine Miete zahlen. Wer keine Miete zahlt, kann sich eine zweite Wohnung finanzieren. Wer Mieteinnahmen hat, kann Geld auf dem Finanzmarkt anlegen. Wer Kapitalerträge hat, hat genug Sicherheiten, um eine eigene Firma zu gründen. Kapeller: „Vermögen ist nicht nur da, es generiert auch weiteres Vermögen. Habe ich Vermögen, ist die Chance groß, dass es auch wächst. Es liegen selbstverstärkende Effekte vor.“ Beim Einkommen ist das bekanntlich anders.

Aktuell wird das Problem der steigenden Ungleichverteilung durch die Corona-Pandemie verstärkt. In der Geschichte führten große Krisen typischerweise dazu, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich schloss. Bei COVID-19 ist das Gegenteil zu befürchten. „Die Corona-Krise trifft Vermögenswerte zurzeit nicht. Durch die Konsumzurückhaltung ist dem Geld sogar noch langweiliger als sonst. Es sucht nach Anlagemöglichkeiten und treibt so die Preise für Finanzanlagen oder Immobilien nach oben. Bis zu einem gewissen Grad sehen wir eine so massive Entkopplung von Real- und Finanzwirtschaft wie noch nie“, erläutert Kapeller.

Ärmere werden härter getroffen

Eine Krise wie die Corona-Pandemie trifft die untere Hälfte in der Vermögenspyramide besonders hart. Denn es sind Menschen, die ohnehin prekär beschäftigt sind und ein niedriges Einkommen haben, denen die Existenzgrundlage genommen wird. Denn sie arbeiten in Firmen, die jetzt geschlossen sind. Im Tourismus, Dienstleistungs- und Gastgewerbe. Wer Vermögen hat, ist in solchen Situationen resilienter.

Die Lösung für jede*n Einzelne*n wäre, selbst ins obere Drittel vorzustoßen. Statistisch betrachtet sei es am wahrscheinlichsten, dies durch eine Erbschaft zu erreichen, erklärt Kapeller. Der Effekt einer Erbschaft auf das Privatvermögen sei überdurchschnittlich hoch und die geerbte Summe korreliere mit dem Standing, das man hinterher in der Vermögenspyramide einnehmen würde.

Neben emotionalen Dingen ist das größte Problem an so einer Erbschaft jedoch, dass sie an Menschen gehen würde, die nur scheinbar nicht reich seien. Als Beispiel führt Kapeller das Kind reicher Eltern an, das bis zur Erbschaft eben nur vom eigenen Einkommen leben müsste, grundsätzlich aber natürlich eine familiäre und finanzielle Sicherheit hätte. „Man kann auch mit Finanzspekulationen oder Unternehmertum reich werden. Aber die Wahrscheinlichkeit ist gering“, fasst er die Durchlässigkeit bei der Vermögensverteilung zusammen.

Die Ungleichverteilung kann zu einem Problem werden. Disslbacher dazu: „Der Vermögensforscher Martin Schürz spricht von ‚Überreichtum‘. Er meint damit, dass manche Menschen so viel Vermögen haben, nämlich Beträge in Millionen- und Milliardenhöhe, dass es demokratische Strukturen zersetzen kann.“ Weil sich mit dem Besitz nämlich auch die Macht konzentriert. Es ist Multimilliardär René Benko, der an „Kurier“ und „Krone“ beteiligt ist. Es ist Dietrich Mateschitz, der mit diversen Medienprojekten seine politische Agenda unters Volk bringen kann. Es ist Familie Glock, die sich politische Nähe erkauft.

Keine Mehrheiten für Erbschaftssteuer

„Das Vermögen der Reichen liegt im seltensten Fall neutral auf dem Girokonto“, führt Schnetzer aus, „sondern sie versuchen, ihr Vermögen einzusetzen, um vorteilhafte Rahmenbedingungen zu schaffen.“ Ein Beispiel dafür sei das Thema der Erbschaftssteuer. Die sollte grundsätzlich nur auf Erbschaften über eine Million Euro anfallen. Das betrifft nur einen verschwindend geringen Prozentsatz der Bevölkerung. In der Debatte sei aber oft so getan worden, als würde eine Erbschaftssteuer jeden treffen.

Disslbacher sieht darin einen Indikator dafür, wie reiche Menschen Einfluss auf die Debatte nehmen: „Wie die Erbschaftssteuervorschläge derzeit gestaltet sind, würden sie 96 bis 97 Prozent der Haushalte gar nicht treffen. Es gibt stabile Mehrheiten für die Besteuerung von Vermögen, aber nicht für die Erbschaftssteuer. Das ist ein Beispiel dafür, wie sehr der Diskurs von der Lebenswirklichkeit der Österreicher*innen entkoppelt ist.“ Nicht nur gesellschaftlich, auch wirtschaftlich sei die Ungleichverteilung schädlich. Wäre das Geld gerechter verteilt, würde das Nachfrage, Konsum und Unternehmensgründungen ankurbeln. Eine Volkswirtschaft zahle für Ungleichverteilung also einen hohen Preis.

Das Vermögen der Reichen liegt im seltensten Fall neutral auf dem Girokonto.

Matthias Schnetzer, Ökonom in der AK Wien

In der Geschichte gibt es davon eine Ausnahme, wie Kapeller erklärt: „Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte man es für mehrere Jahrzehnte geschafft, diesen Effekt einzufangen. Über hohe Spitzensteuersätze beim Einkommen, Arbeitszeitverkürzungen, die Errichtung des Wohlfahrtsstaates und über stärkere Regulierung von Firmen, Vermögen und internationalem Kapitalmarkt. Die Erfahrung zeigt: Es geht auch politisch, und man muss nicht auf die Krise warten.“

Es ist also eine Frage des politischen Willens. Kapeller formuliert es so: „Wir sind ein extrem reiches Land, aber die Hälfte der Bevölkerung hat nichts. Das kann man als Fairnessproblem dia-gnostizieren, man kann aber auch sagen: Das ist halt der Lauf der Dinge.“ Zu den Lösungen, die sich bereits in der Nachkriegszeit bewährt haben, könne noch über eine Finanzmarktregulierung nachgedacht werden.

Idee: die Reichen besteuern

Und natürlich mit einer Vermögenssteuer. Sie könnte das Problem beenden, dass das Steuersystem in Österreich nur extrem milde umverteilt. Und der soziale Frieden hängt eben auch an der Frage, wie stark sich Menschen mit extrem hohem Einkommen und Vermögen an öffentlichen Aufgaben beteiligen. Gerade, weil eine Krise vor allem ärmere Haushalte besonders stark trifft. Es ist eine Frage der Solidarität.

Entsprechend müsse das Vermögen der Mittelschicht, der Wohlfahrtsstaat, weiter ausgebaut werden, erklärt Disslbacher: „Weil das öffentliche Vermögen, das Vermögen der vielen, so wichtig ist, geht es darum, es auszubauen: mehr öffentlicher Wohnbau, mehr und bessere Kinderbetreuungseinrichtungen, mehr öffentliche Investitionen um Beschäftigung zu stabilisieren, um einige Beispiele zu nennen.“

Wer eine Vermögenssteuer wirklich zahlen müsse, sei Definitionssache, erklärt Kapeller. Belaste sie Menschen mit einem Nettovermögen von mehr als einer Million Euro, seien das gerade einmal die oberen vier Prozent. „Mit einer Vermögenssteuer kann ich ein substanzielles Einkommen erzielen, dabei aber nur eine extrem geringe und leistungsfähige Bevölkerungsgruppe belasten.“
Der öffentliche Sektor tue sich leichter, großflächige Umbauten durchzuführen. Den Wandel der Industrie hin zu mehr Nachhaltigkeit beispielsweise. Würde die Vermögenssteuer ausschließlich für ein solches Ziel verwendet werden, das der ganzen Bevölkerung nützt, könne die Politik auch mit deutlich mehr Unterstützung rechnen.

„Der Green Deal bräuchte 1.000 Milliarden pro Jahr, um umgesetzt werden zu können. Ein Drittel davon sieht der Green Deal der EU auch vor. Eine Vermögenssteuer könnte ein weiteres Drittel liefern. Kann ich eine Vermögenssteuer mit einem konkreten Ziel verknüpfen, gäbe es dafür auch eine größere Akzeptanz“, rechnet Kapeller vor.

Was die Klimakrise damit zu tun hat

Gerade der Green Deal könnte eine Möglichkeit sein, wohlhabende Menschen fairer an den gesamtgesellschaftlichen Kosten zu beteiligen. Denn vermögende Haushalte tragen durch einen ungleich höheren CO2-Fußabdruck überdurchschnittlich zur Klimakrise bei, wie die Arbeit „Carbon and inequality: From Kyoto to Paris“ der Ökonomen Lucas Chancel und Thomas Piketty belegt. Disslbacher bringt eine weitere Idee in die Diskussion mit ein: „Immer mehr Vermögensforscher*innen schlagen vor, tatsächlich eine Grenze einzuziehen bei einem Absolutbetrag, um Vermögen an der Spitze so zu beschränken.“ Schließlich kann sich niemand mit zwanzig Milliarden Euro auf dem Konto etwas kaufen, was er sich nicht auch mit zehn Milliarden Euro kaufen könnte.

Fünf Fakten zum Thema

1 / Das reichste Prozent der Österreicher*innen besitzt 39 Prozent des Gesamtvermögens. Damit liegt Österreich in Europa auf Platz zwei bei der Ungleichverteilung. Lediglich in Holland besitzen die Hyperreichen noch ein wenig mehr. In den USA, dem Mutterland des modernen Kapitalismus, besitzt das oberste Prozent „nur“ 35 Prozent des Gesamtvermögens.

2 / In Österreich besitzen 320 Menschen (Milliardäre und Multimillionäre) ein Drittel des Gesamtvermögens – und damit so viel wie die ärmsten 7,2 Millionen Menschen zusammen. Die untere Hälfte der Österreicher*innen hat beinahe nichts. Aufsummiert halten sie gerade einmal drei Prozent des Gesamtvermögens. Dabei handelt es sich meist um ein Auto.

3 / Die Ungleichverteilung wächst. Denn Vermögen generiert Vermögen. Seit der Wirtschaftskrise 2008 und 2009 wächst das Vermögen reicherer Menschen doppelt so schnell wie das von ärmeren. Wer durchschnittlich eine Million Euro investiert hat, bekam acht Prozent Rendite. Wer 250.000 Euro investiert hatte, nur vier Prozent. Für die meisten Menschen utopische Summen, aber ein Indikator dafür, warum die Ungleichverteilung so schnell wächst.

4 / Ein statistischer Trick kann deutlich machen, wie viel Geld die reichsten zehn Prozent besitzen. Stellt man alle Österreicher*innen nach ihrem Vermögen geordnet in einer Reihe auf, besitzt die Person in der Mitte rund 80.000 Euro. Würde man das Gesamtvermögen jedoch einfach durch die Zahl der Österreicher*innen teilen, müsste jede (!) Person 270.000 Euro besitzen.

5 / In Österreich gab es bereits eine Erbschafts- und eine Vermögenssteuer. Die auf Vermögen wurde 1994 abgeschafft, die auf Erbschaften 2008. Seitdem speisen sich 80 Prozent der Staatseinnahmen aus Löhnen und Gehältern.

Über den/die Autor*in

Christian Domke Seidel

Christian Seidel hat als Tageszeitungsjournalist in Bayern und Hessen begonnen, besuchte dann die bayerische Presseakademie und wurde Redakteur. In dieser Position arbeitete er in Österreich lange Zeit für die Autorevue, bevor er als freier Journalist und Chef vom Dienst für eine ganze Reihe von Publikationen in Österreich und Deutschland tätig wurde. Unter anderem sprang ein dritter Platz beim österreichischen Magazinpreis heraus.