Weg von der Wegwerfgesellschaft

Illustration (C) Natalia Nowakowska
Abfall fällt nicht einfach an, Abfall wird gemacht. Aus Bequemlichkeit und für Profit. Abfall kann aber auch verwertet werden und einen Jobmotor in Gang setzen.
Mit einhundert Euro Kaufpreis steigt die Lebensdauer einer neuen Waschmaschine um ein Jahr. Wer nur dreihundert Euro in eine neue Waschmaschine investieren kann, wird das drei Jahre später wieder tun müssen. Die Industrie will das so. Nicht nur bei der Waschmaschine, bei praktisch allen elektronischen Geräten, ob Haushalt oder Unterhaltung, sind Sollbruchstellen eingebaut. Was kaputt wird, wird weggeworfen und ersetzt. Die Märkte für Haushaltsgeräte sind weitgehend gesättigt – kurze Produktlebenszyklen helfen Herstellern, Umsatz- und Gewinnziele zu erreichen.

Re-Use: Produkte länger am Leben erhalten (z. B. durch Reparatur)
Recycling: Rohstoffe aus Produkten zurückgewinnen
Produkte länger am Leben erhalten, meist durch einfache Reparaturen – Ideen und Initiativen dazu werden unter dem Schlagwort Re-Use zusammengefasst. Im Gegensatz dazu zielt Recycling darauf ab, Rohstoffe aus Produkten zurückzugewinnen. Prinzipiell ist Re-Use dem Recycling vorzuziehen, da Recycling zur Aufbereitung mehr Ressourcen benötigt. Konkret an einem Beispiel bedeutet das: Lieber ein Mehrweg-Glas, das öfter verwendet werden kann, als das Recycling eines Einweg-Glases. Beiden gemeinsam ist jedoch: Es muss sich rechnen, aber wie?

Alle Wege sollen in die Kreislaufwirtschaft führen

Recycling funktioniert dort, wo für geordnete Rückgabe gesorgt ist. Mülltrennung im eigenen Müllraum, Glascontainer ums Eck. Dahinter stehen natürlich wirtschaftliche Interessen, in Österreich durch das De-facto-Monopol von ARA.

Bei Elektronikgeräten fehlen diese einfachen Rückgabemöglichkeiten und der vergleichbare Kreislauf meist bzw. hat sich die Rückgabe von Altgeräten im Rahmen der Elektroaltgeräteverordnung noch nicht richtig am Markt etabliert. Hersteller haben zudem dafür gesorgt, dass viele Geräte gar nicht mehr repariert werden können. Ihr Wegwerfdatum ist damit programmiert und im Businessplan des Herstellers gewissermaßen kalkuliert.

Die Ziele lauten: Produkte energieeffizienter, leichter reparierbar, langlebiger und nachrüstbar gestalten.

Das schreit nach Handlungsbedarf – und diesen Aufschrei hat die EU-Kommission schon 2015 gehört. Mit einer Strategie zur Kreislaufwirtschaft („Closing the loop“) will die EU-Kommission auf ökologischer Ebene Maßnahmen setzen. Die Ziele lauten: Produkte energieeffizienter, leichter reparierbar, langlebiger und nachrüstbar gestalten. Recyclingquoten sollen erhöht und Abfallmengen reduziert werden. Besonders Einweg-Plastikprodukten wurde der Kampf angesagt – das „Plastiksackerl-Verbot“, populistisch von Staatssekretärin Edtstadler als österreichischer Erfolg angepriesen, lässt sich darauf zurückführen.

Der Weg zu Mehrwegsystemen

Das Mehrwegsystem der Milchflasche kommt wieder zurück.
Ein System, das über Jahrzehnte Abfallmengen reduziert hat, war das Mehrwegsystem der Milchflasche. Erfreulich: Das kommt als solches wieder zurück. In Kooperation mit Greenpeace stellt die Molkerei Berglandmilch auf ein Mehrwegsystem mit Ein-Liter-Glasflaschen  um. Investiert werden dazu acht Millionen Euro an zwei Standorten in Österreich.

Nina Tröger ist Konsumforscherin und Referentin in der Abteilung KonsumentInnenpolitik der AK Wien. Sie bewertet die Rückkehr der Milch in der Mehrwegflasche positiv: „Aus ökologischer Perspektive ist das absolut wünschenswert. Der Handel ist derzeit eher skeptisch und argumentiert, dass es für Konsumentinnen und Konsumenten zu mühsam sei. Das glaube ich nicht – denn beim Bier funktioniert das einwandfrei.“

Weg mit dem Technologieabfall

Auf eine besonders kurze Nutzungsdauer im Verhältnis zu den verarbeiteten Rohstoffen kommen alle Smartphones, Tablets, Laptops, PCs und dergleichen. Einer aktuellen Studie zufolge werden beispielsweise Handys im Schnitt ca. 2,7 Jahre genutzt. Die fortschreitende Digitalisierung bindet immer mehr seltene und äußerst wertvolle Rohstoffe.

Die deutsche Rohstoffagentur DERA hat den zu erwartenden Rohstoffbedarf von 42 Zukunftstechnologien analysiert: Der Bedarf an Rohstoffen wird bis 2035 explodieren (Lithium: +1700 %, Seltene Erden: +270 %, Tantal: +320 %, Germanium: +100 %). Ein großes Potenzial liegt hier im Recycling – derzeit liegt die Recyclingquote dieser Stoffe noch unter einem Prozent.

Egal ob Mehrweg, Reparatur oder Recycling – Bedingung dafür ist, dass es einfach zugängliche Möglichkeiten gibt, die Güter entsprechend abgeben zu können.

Egal ob Mehrweg, Reparatur oder Recycling – Bedingung dafür ist, dass es einfach zugängliche Möglichkeiten gibt, die Güter entsprechend abgeben zu können. So, wie es bei Papier, Glas, Altmetall schon mehr recht als schlecht funktioniert.

Vom Wegwerfen zu Re-Use

Größere politische Schritte, im Sinne der EU-Kommission Geräte länger nutzbar und einfacher reparierbar herzustellen, gab es bereits in mehreren Ländern: Frankreich hat mit einem Gesetz den vorsätzlich geplanten Verschleiß unter Strafe gestellt. Die Schwierigkeit besteht allerdings dabei, den Herstellern diese Manipulation nachzuweisen. Das hat in Frankreich bereits zu Klagen gegen Apple und Epson geführt.

Erste Schritte in Europa:

  • Frankreich stellte den vorsätzlich geplanten Verschleiß gesetzlich unter Strafe.
  • Schweden führte eine Chemiesteuer ein und halbierte die Mehrwertsteuer auf Reparaturen.
  • Graz rief ein Projekt zur finanziellen Förderung von Reparaturen ins Leben.
Schweden hat die Mehrwertsteuer auf Reparaturen halbiert, eine „Chemiesteuer“ soll vor allem elektronische Geräte verteuern. Das macht eine längere Nutzung attraktiver.

Nina Tröger kann von einem erfolgreichen Projekt in Graz berichten: „Die Stadt Graz fördert Reparaturen zu 50 Prozent, bis zu einem Betrag von 100 Euro. Das Budget von 50.000 Euro wurde bereits ausgeschöpft und auf 80.000 Euro erhöht.“

Das ist ein Paradebeispiel für Re-Use. Geräte, die zuvor einfach weggeworfen worden wären, werden von Fachleuten kostengünstig repariert und von ihrer Besitzerin oder ihrem Besitzer wiederverwendet oder als Gebrauchtgeräte verkauft. Re-Use kann aber auch bedeuten, defekte Elektrogeräte selbst wieder in Gang zu bringen. Bei manchen Geräten reicht schon der Austausch einer einfachen Sicherung, um sie wieder zum Leben zu erwecken. Das kann man auch lernen, z. B. in sogenannten Reparaturcafés. Die wichtigste und erste Lektion ist bei allen Geräten gleich: Als ersten Schritt den Stecker ziehen und das Gerät vom Stromkreis nehmen. Das ist garantiert lebensverlängernd.

Auf dem Weg zu Jobs, Jobs, Jobs

Reparaturen, Re-Use und Recycling können den massiven Ressourcenverbrauch eindämmen. Besonders spannend: Es ergeben sich damit auch Chancen für den Arbeitsmarkt.

In Summe könnte das EU-weite BIP um 7,9 Milliarden Euro steigen. Das zeigt die Studie „A Longer Lifetime for Products: Benefits for Consumers and Companies (Längere Lebensdauer von Produkten: Vorteile für KonsumentInnen und Hersteller), die im Auftrag des europäischen Parlaments durchgeführt wurde.

Durch Reparaturen, Re-Use und Recycling ergeben sich Chancen für den Arbeitsmarkt:
laut Schätzungen 70 Jobs pro 1.000 Tonnen wiederverwerteten Abfall
Das bedeutet: 200.000 neue Jobs, die europaweit geschaffen werden können. Auf Österreich heruntergebrochen, könnten allein für die Reparatur von Waschmaschinen 150 neue Jobs geschaffen werden – und Waschmaschinen sind nur ein kleiner Teil der Haushaltsgeräte. Für die Textilbranche werden 1.400 neue Jobs, für die Baubranche gar 18.000 neue Jobs geschätzt. Das belgische Reparaturnetzwerk berechnet 70 Jobs pro 1.000 Tonnen wiederverwerteten Abfall. Alles unter der Annahme, dass eine entsprechende Aufbereitung und Wiederverwertung erfolgt, von der wir derzeit noch weit entfernt sind. In der Berechnung nicht berücksichtigt sind zudem Jobverluste, die zum Beispiel im Handel oder in der Herstellung drohen.

In Österreich gibt es bereits erste Re-Use-Jobs. In der Regel handelt es sich um sozioökonomische Betriebe, die beispielsweise Langzeitarbeitslosen neue Perspektiven geben. Schade, dass die Bundesregierung gerade diesen Betrieben Förderungen kürzt.

Fazit

Es gibt vielversprechende Visionen, es gibt Studien, es gibt immer mehr Nachfrage unter KonsumentInnen dafür, Re-Use, Recycling und Mehrwegsysteme zu etablieren. Es fehlt nur der politische Wille, gegen den Widerstand von Herstellern und Handel diese auch umzusetzen und uns auf dem Weg weg von der Wegwerfgesellschaft weiterzubringen. Die Gesellschaft und die Umwelt würden von weniger Abfall profitieren und der Arbeitsmarkt vielen Menschen neue Chancen geben.

Weiterführende Artikel auf dem A&W-Blog

Rohstoffpolitik: Mehr Verantwortung in Elektronik-Lieferketten Die Kreislaufwirtschaft als Jobmotor?

 

Über den/die AutorIn

Michael Mazohl

Michael Mazohl

Michael Mazohl studierte Digitale Kunst an der Universität für Angewandte Kunst Wien. Als Fotograf und Journalist arbeitete er für österreichische und internationale Zeitungen und Magazine, so auch seit Jahren für die Arbeit&Wirtschaft. Seit November 2018 ist er Chefredakteur (Online) der Arbeit&Wirtschaft.