Von der Natur der Pflege

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Sehr viele Menschen wünschen sich, dass sie zu Hause altern und auch sterben können. Doch das ist nicht immer so einfach. Viel zu häufig fehlt dafür die nötige Unterstützung und auch die finanzielle Absicherung der pflegenden Angehörigen.
Dass sich Frauen um die Pflege kümmern, liege ja in der Natur, meinte Sozialministerin Beate Hartinger-Klein kürzlich und ließ damit zu Recht die Wogen hochgehen. Betrachtet man allerdings die Realität der Pflege, so muss man sagen: Da hat sie leider recht. Dass das nicht so sein muss, ja, dass das nicht so sein sollte, sei vorausgeschickt. Fakt ist: Bei der Pflege herrscht auf allen Seiten eine gewisse Realitätsverweigerung.

Pflege: Frauensache?

In erster Linie sind es Frauen, die sich um die Pflege kümmern.
Sieht man sich nämlich die Zahlen an, so geht man zumindest momentan in der Tat davon aus, dass es in der Natur der Sache liege, dass Frauen diese Arbeit übernehmen – auch wenn das nie so explizit ausgesprochen wird. Ist von der Pflege die Rede, so wird von den Beschäftigungspotenzialen für Frauen gesprochen, die ein Ausbau von Pflegeeinrichtungen biete. Betrachtet man die mobile Pflege, so sind es in erster Linie Frauen, die diese Jobs erledigen. Bei der 24-Stunden-Pflege sind es zudem hauptsächlich Migrantinnen. Ebenso passt ins Bild, dass die Bezahlung in diesen Berufen eher bescheiden ist – es ist eben ein Frauenberuf.

Pflege im Heim oder zu Hause?

Pflege im Heim oder zu Hause: Diese Frage sorgt auch oftmals für erhitzte Gemüter. In der Tat lässt sich darüber trefflich streiten. Diese Diskussion aber geht am Kern vorbei. Denn wo auch immer wir als Gesellschaft möchten, dass unsere SeniorInnen gepflegt werden: Wir müssen dafür mehr Geld in die Hand nehmen. Denn es ist unerträglich, dass gerade in diesem Bereich weiterhin davon ausgegangen wird, dass man Geld sparen könne, indem geradezu selbstverständlich Frauen diese Aufgaben übertragen werden.

Wir müssen für Pflege mehr Geld in die Hand nehmen.

In der Theorie zumindest wünschen sich sehr viele Menschen, dass sie zu Hause altern und auch sterben können. Ich persönlich wünsche das wirklich allen. Aber ich habe selbst erlebt, dass das manchmal schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit ist. Denn wer kann es sich schon leisten, die Wohnräume barrierefrei zu machen? Wer hat einen Hausarzt oder eine Hausärztin, der oder die zur Stelle ist, wenn es einmal brennt? (Derer gibt es viele, nur können sie nicht in allen Gegenden so schnell zur Stelle sein, wie es bisweilen nötig wäre.)

Bessere Unterstützung erforderlich

Und vor allem: Wer ist zur Stelle, wenn pflegende Angehörige eine Pause brauchen, wer unterstützt sie, wenn sie einmal ausgebrannt sind? Dass diese Themen in der Diskussion unterbelichtet sind, hat auch einen ganz einfachen Grund: Frauen halten vieles für selbstverständlich, was sie auf sich nehmen. Das ist durchaus praktisch, denn so wird gar keine ehrliche Debatte darüber nötig, wie hoch denn die wahren Kosten der Pflege wirklich sind. Zur Pflege zu Hause gehören auch die 24-Stunden-Pflegerinnen, die man ebenfalls aus Kostengründen aus dem Ausland holt. Schlimmer noch: Man überlässt sie oftmals zwielichtigen Agenturen, die Qualität der Arbeitsplätze ist diffus, was die Gefahr in sich birgt, dass sie ausgenutzt werden. Ganz zu schweigen von der schlechten Bezahlung. Der Vorteil auch hier: Es sind Frauen, die froh sind, dass sie hier besser verdienen als zu Hause; daher stellen auch sie sich kaum auf die Hinterbeine.

Wer ist zur Stelle, wenn pflegende Angehörige eine Pause brauchen, wer unterstützt sie, wenn sie einmal ausgebrannt sind?

Ob Ehefrauen, Töchter oder Schwiegertöchter, ob 24-Stunden-Pflegerinnen oder Mitarbeiterinnen in den mobilen Diensten: Sie brauchen nicht nur bessere Unterstützung für diese wahrlich anspruchsvolle und nervenaufreibende Tätigkeit (Stichwort Supervision), sondern auch eine Bezahlung, die dieser körperlich wie psychisch herausfordernden Tätigkeit entspricht. Und unsere SeniorInnen (bzw. auch wir selbst in der Zukunft) haben es verdient, dass sie die bestmögliche Betreuung bekommen, wenn sie pflegebedürftig sind. Und die Frage, was dieses „Bestmögliche“ ist, lässt sich nun einmal nicht pauschal beantworten: für die einen ist es zu Hause bei und von den Angehörigen, bei den Nächsten ist es die 24-Stunden-Pflege, bei wieder anderen ist es die mobile Pflege, und bei wieder anderen wird es ein Pflegeheim sein. Sie und jene Menschen, die sie jeweils pflegen, haben es auch verdient, dass sie dies unter guten Bedingungen machen können, und dazu zählt nun einmal auch eine angemessene Entlohnung.

Was es braucht, ist also eine ehrliche Diskussion über die Natur der Pflege und ihre Kosten. Dafür müssen wir uns auch ernsthaft Gedanken darüber machen, woher das Geld denn in Zukunft kommen soll. Ein guter Vorschlag: Man nehme es aus den Erlösen von wieder eingeführten Vermögenssteuern. Das hat nicht nur den Vorteil, dass man zusätzliche Mittel lukriert, um für eine angemessene Finanzierung der Pflege zu sorgen – und nebenbei auch für mehr Steuergerechtigkeit sorgt. Der angenehme Nebeneffekt ist, dass man dadurch Frauen nur wenig belastet, da sie von Vermögenssteuern nur wenig betroffen sind. Das wiederum wäre zumindest kurzfristig eine Entschädigung dafür, dass man sie im jetzigen System allzu selbstverständlich ausnutzt. Denn das ist leider momentan die Natur der Pflege.

Über den/die AutorIn

Sonja Fercher

Sonja Fercher

Sonja Fercher ist freie Journalistin und Moderatorin. Seit 2014 ist sie Chefredakteurin der A&W (Print), für ihre Coverstory zum Thema Start-ups erhielt sie im Juni 2018 den Journalistenpreis von Techno-Z. Sie hat in zahlreichen Medien publiziert, unter anderem in Die Zeit, Die Presse und Der Standard. Von 2002 bis 2008 war sie Politik-Redakteurin bei derStandard.at. Für ihren Blog über die französische Präsidentschaftswahl wurde sie im Jahr 2008 mit dem CNN Journalist Award - Europe ausgezeichnet.