Im vierten Kriegswinter stehen Gewerkschaften in der Ukraine zunehmend unter Druck

Lieferanten gehen während eines Stromausfalls im Zentrum von Kiew an einem laufenden Stromgenerator unter einem riesigen ukrainischen Kriegs-Slogan vorbei. Symbolbild: Die Rechte von Arbeitnehmer:innen in der Ukraine stehen zunehmend unter Druck. Die Gewerkschaften stehen vor großen Herausforderungen.
Der Alltag läuft auch im Ausnahmezustand weiter: Ukrainische Gewerkschaften müssen auch in Kriegszeiten die Rechte von Arbeitnehmer:innen wahren. | © Sergei SUPINSKY / AFP
Vier Jahre nach Ausbruch der russischen Invasion stehen die Gewerkschaften in der Ukraine vor mehreren Herausforderungen: In Kriegszeiten für Arbeitnehmer:innenrechte einzustehen und politischen Angriffen standzuhalten.
Wohnungen, in denen es so kalt wird, dass sich Eiszapfen im Inneren bilden: Im vierten Kriegswinter, den viele als den „härtesten aller Zeiten“ bezeichnen, ist das für Menschen in der Ukraine zur traurigen Realität geworden. Russische Angriffe richten sich gezielt gegen Heizkraftwerke, Umspannwerke und andere Teile der Energieinfrastruktur. Immer wieder fällt der Strom aus, die Fernwärme bricht zusammen, ganze Wohnviertel bleiben ungeheizt. Der Krieg trifft schon lange nicht nur Soldat:innen an der Front, sondern die Menschen in ihrem Alltag – und auch Beschäftigte in Betrieben, Spitälern und Schulen.

Der Krieg ist somit in allen Poren der Gesellschaft angekommen, sagt auch Svitlana Telukha. Die Historikerin stammt aus Ochtyrka im Osten der Ukraine und ist 2023 nach Deutschland gekommen. Dabei vermische sich die Zuversicht auf Frieden mit der Sorge um die Nachwirkungen: „Wir hoffen, dass alles ein Ende haben wird. Aber wir wissen auch, dass die Ukraine alleine ist und wir die Konsequenzen nach dem Kriegsende tragen werden“, so Telukha.

„Eine der schwierigsten Zeiten für Gewerkschaften“

Die Ukraine ist damit in einem Zustand zwischen Hoffnung und Ungewissheit. Während der Krieg weiterhin tobt, geraten auch Arbeitnehmer:innenrechte zunehmend unter Druck. Für die ukrainischen Gewerkschaften bedeutet das eine doppelte Belastung: Sie unterstützen ihre Mitglieder in einer humanitären Ausnahmesituation und müssen gleichzeitig arbeitsrechtliche Verschlechterungen abwehren, die im Schatten des Krieges beschlossen werden.

Seit Februar 2022 gilt in der Ukraine das Kriegsrecht, Streiks sind damit faktisch ausgesetzt und Versammlungen nur eingeschränkt möglich. Das erschwert die gewerkschaftliche Arbeit erheblich, sagt Aleksandr Skiba, Vorsitzender der Freien Gewerkschaft der Eisenbahner im Depot Darnytsia im Interview mit Arbeit&Wirtschaft: „Wir sind in einer der schwierigsten Zeiten für Gewerkschaften, weil wir nicht in der Lage sind, auf Entscheidungsprozesse der Regierung einzuwirken.“

Wir sind in einer der schwierigsten Zeiten für Gewerkschaften,
weil wir nicht in der Lage sind,
auf Entscheidungsprozesse der Regierung einzuwirken. 

Aleksandr Skiba, Vorsitzender der Freien Gewerkschaft der Eisenbahner

Dabei wäre gerade jetzt gewerkschaftlicher Widerstand wichtig. Kurz nach Beginn des russischen Angriffs beschloss das ukrainische Parlament arbeitsrechtliche Sondergesetze: bis zu 60 Stunden Wochenarbeitszeit, erleichterte Kündigungen und eingeschränkte Kollektivvertragsbindung. Offiziell sollten diese Maßnahmen die Wirtschaft stabilisieren. Kritiker:innen sehen darin jedoch einen langfristigen Umbau zulasten der Beschäftigten.

Zwei-Klassen-Belegschaft

Laut Arbeitsrechtsanwalt Vitaliy Dudin zeigen sie den „klar neoliberalen Kurs“ der Regierungspartei. Teile der Reformagenda würden außerdem über akute Kriegsnotwendigkeiten hinausgehen, erklärt er in einem Interview mit nd.aktuell. Besonders umstritten sind sogenannte Null-Stunden-Verträge, also Arbeit auf Abruf ohne geklärtem Stundensatz. Sie garantieren nur ein Mindestkontingent an Arbeit und könnten laut Dudin prekäre Beschäftigung ausweiten und eine Zwei-Klassen-Belegschaft fördern. Gleichzeitig sind die Handlungsspielräume der Gewerkschaften minimal, wie Aleksandr Skiba betont: „Um gegen solche Entscheidungen vorzugehen, bleibt nur der Weg über Gerichte. Das kostet aber Ressourcen und die Verfahren dauern mehrere Monate.“

Die Föderation der Gewerkschaften der Ukraine (FPU) als größter Dachverband des Landes sowie einzelne Branchengewerkschaften wie die Bau- und Industriegewerkschaft Profbud versuchen dennoch, handlungsfähig zu bleiben. Wasyl Andrejew, Präsident der fast 60.000 Mitglieder starken Profbud betont gegenüber nd.aktuell, Gewerkschaften agierten im Krieg nicht nur als Interessenvertretungen, sondern auch als soziale Stützen der Gesellschaft. Zu Beginn der Invasion stellte die FPU etwa ihre Erholungsheime als Unterkünfte für Binnenvertriebene zur Verfügung. Branchengewerkschaften organisierten Hilfslieferungen, unterstützten mobilisierte Mitglieder und halfen bei der Durchsetzung offener Lohnansprüche.

„Neue Eskalationsstufe“

Im Juni 2025 erreichte der Konflikt zwischen Gewerkschaften und Regierung eine neue Dimension: Das Haus der Gewerkschaften in Kiew, Sitz der FPU, wurde von Sicherheitskräften besetzt und beschlagnahmt. Offiziell wird mit Korruptionsvorwürfen argumentiert. Gewerkschaftsvertreter sprechen von politischem Druck und einer weiteren Schwächung des organisierten Arbeitnehmer:innenlagers.

Bereits zuvor wurde der FPU-Vorsitzende Grigoryi Osovyi vorübergehend festgenommen. Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) erklärte in einer Stellungnahme, ein „Kampf gegen Gewerkschaften“ sei nicht mit europäischen Werten vereinbar. Sozialdialog, Kollektivverträge und Koalitionsfreiheit seien Grundpfeiler einer demokratischen Gesellschaft – auch in Krisenzeiten.

„Gigantischer Wiederaufbau“

Mit Blick nach vorne geht es um mehr als aktuelle Notmaßnahmen, sollte es zu einem Ende des Krieges kommen. Der Wiederaufbau der Ukraine wird Milliarden kosten und Jahre dauern. In Teilen der ukrainischen Gewerkschaftsbewegung gebe es die Hoffnung, nach dem Krieg könne man wieder für Arbeits- und Menschenrechte eintreten. Profbud-Präsident Andrejew zufolge werden dann Arbeitsbedingungen, Kollektivvertragsstrukturen und Mitbestimmung neu verhandelt werden.

We stand firm with Ukraine.

For a just and lasting peace.

For a strong and sovereign Ukraine in a strong and sovereign Europe.

The future of a secure and prosperous Ukraine lies in the EU.

Joint statement with @eucopresident.consilium.europa.eu & @vonderleyen.ec.europa.eu: link.europa.eu/gnFkVT

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— Roberta Metsola (@president.europarl.europa.eu) 24. Februar 2026 um 09:13

Eisenbahngewerkschafter Aleksandr Skiba teilt diese Hoffnung nicht. „Der Krieg wird ein Land mit einer völlig ruinierten Wirtschaft zurücklassen. Etwa eine Million Menschen werden von der Front zurückkehren und in einen Arbeitsmarkt eintreten, der von oligarchischen Strukturen geprägt ist“, sagt Skiba. Am wichtigsten sei deshalb, dass die Gewerkschaften in den kommenden Jahren ihre „Relevanz“ zurückgewinnen, wie Skiba betont. Ob es ihnen gelingt, sich in einer neu geordneten Ukraine als starke Stimme für die Beschäftigten zu behaupten, wird entscheidend für die Zukunft des Landes sein.

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Über den/die Autor:in

Dennis Miskić

Dennis Miskić ist freier Journalist aus Wien. Er schreibt vor allem über Politik, Rechtsextremismus und Zivilgesellschaft in (Süd-)Osteuropa.

Foto: © Zoe Opratko

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