Ungleichheit mit System

Bildung soll Kindern gleiche Chancen ermöglichen: Dieser Anspruch wurde in Österreich schon jetzt nicht erfüllt. Türkis-Blau verstärkt die Selektion.
Öffentliche Schule, Alternativschule oder gar Eliteschule? Höhere Schule oder Lehre? Gymnasium oder Neue Mittelschule? Schon früh zerbrechen sich Eltern den Kopf, wo sie ihren Nachwuchs hinschicken, um der Tochter oder dem Sohn eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Dass Kinder in Österreich gute Chancen haben, wenn sie sich nur genug anstrengen: Dieses Bild war schon bisher falsch, und doch hält es sich beständig. Die traurige Wahrheit ist vielmehr, dass schon bei den Kleinsten der Gesellschaft Spaltung Alltag ist.

In Österreich hängt wie in kaum einem anderen europäischen Land der Bildungsgrad der Kinder von dem ihrer Eltern und dem sozialen Umfeld ab.
Denn in Österreich hängt wie in kaum einem anderen europäischen Land der Bildungsgrad der Kinder von dem ihrer Eltern und dem sozialen Umfeld ab. Der „Erfolg“ wird regelrecht vererbt: Haben die Eltern nach der Pflichtschule keinen weiteren Abschluss gemacht, schließen nur 7 Prozent ihrer Kinder eine Hochschule ab. Bei einem Lehrabschluss werden 16 Prozent der Kinder AkademikerInnen, bei einer Matura 34 Prozent und bei einem Hochschulabschluss 57 Prozent.

Ein Grund dafür liegt aus Sicht der Arbeiterkammer darin, dass die Verantwortung für den Lernerfolg der Kinder in Österreich hauptsächlich bei den Eltern liegt, während die Schule vergleichsweise wenig ausgleicht. Das wird umso mehr zum Problem, wenn die SchülerInnen nicht in sozial gut durchmischten Klassen- oder Schulgemeinschaften sind. Eine Konzentration schlechter gestellter SchülerInnen verschlechtert die Lernergebnisse deutlich, zeigt die aktuelle Forschung zum Thema.

Bis zu vier von fünf Volksschulen in den größeren Städten haben keine ausgewogene soziale Durchmischung.
Eine Analyse der Statistik Austria hat ergeben: Österreichweit und über alle Schultypen für die 6- bis 14-Jährigen hinweg gehen in jede sechste Schule überdurchschnittlich viele Kinder, deren Eltern nur in der Pflichtschule waren. Bis zu vier von fünf Volksschulen in den größeren Städten haben keine ausgewogene soziale Durchmischung.

Selektion statt Chancen für alle

Maßnahmen, um der Ungerechtigkeit im Bildungssystem entgegenzuwirken, sucht man im türkis-blauen Regierungsprogramm vergebens. Vielmehr setzt sie wieder auf stärkere Selektion: Mit den geplanten Tests in der dritten und vierten Volkschulklasse als Vorauswahl für den AHS-Zugang wird das Schulsystem noch selektiver. Auch an den Gymnasien und damit an der frühen Trennung der SchülerInnen hält man wider besseres Wissen fest. Denn wie nicht zuletzt die Pisa-Studien zeigen, ist die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen ein wichtiger Schlüssel zu mehr Chancengerechtigkeit. Die rot-schwarze Koalition setzte deshalb auf den Ausbau der Neuen Mittelschule. So recht vorangekommen ist man schon damals nicht, zu groß waren die Widerstände in der ÖVP. Türkis-Blau setzt nun wieder auf die trennende Schule.

Dass es auch anders geht, zeigen die skandinavischen Länder. Dort werden schwache Schüler von Beginn an stärker gefördert. Schlechte Leistungen in Mathematik oder Sprachen werden früh bemerkt und in intensivem Kleingruppenunterricht verbessert. Hierzulande heißt es gerne, der hohe Anteil von MigrantInnenkindern in den Klassen sei schuld an den schlechteren Leseleistungen österreichischer SchülerInnen. Eine Kritik, aus der versucht wird politisches Kapital zu schlagen. Doch der Vorwurf kann mit einem Blick nach Nordeuropa widerlegt werden. In Schweden oder Finnland sind viele SchülerInnen ebenfalls nicht mit der Landessprache aufgewachsen. Dank individueller Förderung macht man dies wett.

Umfassende Investitionen in frühe Bildung und eine bessere soziale Durchmischung an den Schulen können für mehr Chancengleichheit sorgen.

Lösungen für mehr Chancengleichheit liefern die AutorInnen einer OECD-Studie, die die Bildungssysteme einem Ländervergleich unterzogen. Der Einfluss des sozialen Hintergrunds auf die Schulauswahl und den Erfolg lasse sich reduzieren: Umfassende Investitionen in frühe Bildung und eine bessere soziale Durchmischung an den Schulen sind dafür notwendige Grundvoraussetzung, so die OECD-ExpertInnen.

Ungerechte Mittelverteilung

Ein erneuter Blick in die Statistik zeigt: Jede sechste Schule in Österreich kann ihre Kinder aufgrund der Lernumgebung nicht fördern. Ein Problem dabei ist die Verteilung der Mittel, denn diese funktioniert momentan nach dem „Gießkannenprinzip“, wie AK-Experte Philipp Schnell kritisiert. Eine IHS-Studie bestätigt: Genau jene Schulen mit besonderen Herausforderungen, medial gerne als „Brennpunktschulen“ tituliert, erhalten im Vergleich zu privilegierten Schulen viel zu wenig Mittel.

Die Arbeiterkammer hat ein Chancen-Index-Modell entwickelt, bei dem Schulen mit großen Herausforderungen mehr finanzielle Zuschüsse erhalten sollen.

„Es bräuchte eine Basisfinanzierung für alle und zusätzliche Förderungen, die sich entlang des Grades der sozialen Herausforderung orientieren“, fordert Schnell. Dazu gehören zusätzliche LehrerInnen und SozialpädagogInnen ebenso wie die Nachmittagsbetreuung. „Wenn wir es schaffen wollen, dass benachteiligte Kinder faire Chancen haben, dann müssen Volksschulen besser ausgestattet werden“, fordert Schnell. Dazu hat die Arbeiterkammer ein Chancen-Index-Modell entwickelt. Dabei sollen Schulen mit großen Herausforderungen mehr finanzielle Zuschüsse erhalten.

Gerechtere Mittelverteilung

Basis für die Berechnung der Fördermittel ist der Bildungshintergrund der Eltern und die Alltagssprache der Kinder. Die Finanzierung für Volksschulen und Neue Mittelschulen würde rund 300 Millionen Euro pro Jahr betragen. Der zusätzliche Budgetbedarf für den Chancen-Index in der Volksschule beträgt rund 176 Millionen Euro. Dann würde Österreich bei Volksschulen so viel ausgeben, wie es dem OECD-Länderdurchschnitt, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, entspricht. Bildungsminister Heinz Faßmann begrüßte zwar den Vorschlag – die Umsetzung aber blieb er bislang schuldig. Das von der AK favorisierte Modell wird in den Niederlanden im Übrigen schon seit 25 Jahren erfolgreich angewandt. Auch in Hamburg und Dortmund macht man damit seit vielen Jahren positive Erfahrungen. So konnten beispielsweise bei der Pisa-Studie erhobene Kompetenzen verbessert werden.

Neun von zehn Eltern in Wien müssen am Abend nach der Schule mit ihren Volksschulkindern lernen, fast die Hälfte sogar täglich.
Ein weiteres Rezept, um der Spaltung der SchülerInnen entgegenzuwirken, sind Ganztagsschulen. Traditionell gibt es in Österreich mehrheitlich Halbtagsschulen, die eine Reihe an Nachteilen mit sich bringen. So muss sich der Unterricht auf den Kern des Lehrplans konzentrieren und kann Interessen im Freizeitbereich und soziales Lernen schwer einbeziehen. Nicht zuletzt werden Eltern vom Halbtagsschulsystem zu unfreiwilligen NachhilfelehrerInnen gemacht. Eine aktuelle Ifes-Umfrage für Wien zeigte: Neun von zehn müssen am Abend nach der Schule mit ihren Volksschulkindern lernen, fast die Hälfte sogar täglich. Erneut haben jene SchülerInnen einen Vorteil, deren Eltern ihnen aufgrund des eigenen Bildungshintergrunds helfen oder sich teure Nachhilfestunden leisten können.

Die AK setzt sich deshalb für einen Ausbau der „verschränkten Ganztagsschule“ ein, auch echte Ganztagsschule genannt. Das bedeutet, dass Unterricht, Üben, Sport und Freizeit über den ganzen Tag verteilt werden. Die rot-schwarze Regierung hatte dafür zusätzlich 750 Millionen Euro vorgesehen. Türkis-Blau hat diese nun gestreckt: Sie sollen nicht bis 2025 ausgegeben werden, sondern erst bis 2032. Dadurch steht jährlich nur mehr halb so viel Geld zur Verfügung, kritisiert die AK.

In Schweden und auch in Frankreich hat man damit gute Erfahrungen. In beiden Ländern ist Ganztagsbetreuung in der Pflichtschule der Normalfall. Gerade das schwedische Modell gilt als vorbildlich: FreizeitpädagogInnen verfügen nicht nur über ein hohes Ausbildungsniveau, sondern kooperieren eng mit den LehrerInnen und helfen bei den Hausaufgaben.

Wenn man all diese Baustellen bedenkt, nimmt es nicht wunder, dass Eltern schon einmal der Kopf zu rauchen beginnen kann. Um den Bildungs­dschungel im Land etwas zu lichten, hat die AK im Februar das Bildungs-Navi eingeführt. Jugendliche ab dreizehn Jahren und deren Vertrauenspersonen können sich dort effizient über die verschiedenen Möglichkeiten der Schul- und Berufsausbildung informieren. „Es läuft gut an, die Nachfrage ist jedenfalls da“, resümiert Schnell. Allerdings ist auch das nur ein Stützrad an einem schlecht gebauten Fahrrad. Wichtig wäre es, die systematische Ungleichbehandlung im Schulsystem endlich anzugehen.

Ergebnisse der Standardüberprüfung Mathe­matik, 4. Schulstufe (2018) im Überblick:
tinyurl.com/y2fdk59h
Chancen-Index:
www.chancenindex.at
AK Wien – Abteilung Bildungspolitik:
tinyurl.com/y4gslsa6

Von
Sonja Fercher
Chefredakteurin der Arbeit&Wirtschaft

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 4/19.

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Über den/die AutorIn

Sonja Fercher

Sonja Fercher

Sonja Fercher ist freie Journalistin und Moderatorin. Seit 2014 ist sie Chefredakteurin der A&W (Print), für ihre Coverstory zum Thema Start-ups erhielt sie im Juni 2018 den Journalistenpreis von Techno-Z. Sie hat in zahlreichen Medien publiziert, unter anderem in Die Zeit, Die Presse und Der Standard. Von 2002 bis 2008 war sie Politik-Redakteurin bei derStandard.at. Für ihren Blog über die französische Präsidentschaftswahl wurde sie im Jahr 2008 mit dem CNN Journalist Award - Europe ausgezeichnet.