Standpunkt: Retro ist hier gar nicht schick!

Sonja Fercher
Chefredakteurin
Arbeit&Wirtschaft

Es ist zwar bald 20 Jahre her, und doch werde ich diese Bilder nie vergessen: Bis auf die Straße standen die Leute, die Wohnung war oftmals im 4., 5. oder gar 6. Stock. Immer wieder blieb mir die Luft weg, wenn ich endlich in der Wohnung stand. Denn so manche Unterkunft hatte die Bezeichnung Wohnung kaum verdient. Üblich waren Gangklos, die nur aus Löchern im Boden bestanden. In einem hatte ein Bastler gar eine Klobrille an der Wand montiert. All das geschah im Februar 2001 in Paris, wo ich ein Auslandssemester absolvierte.

Verzweifelte Kreativität

Ein Mangel an Kreativität herrschte jedenfalls nicht, um möglichst viel aus den wenigen Quadratmetern zu machen. Immer in Erinnerung wird mir jene Dusche am Gang bleiben, in der auch gleich ein Geschirr- und Besteckkorb eingebaut war, den man per Seilzug bedienen konnte. Dabei musste man froh sein, dass die Dusche nicht im öffentlichen Schwimmbad nebenan stand.

Ein Mangel an Kreativität herrschte jedenfalls nicht, um möglichst viel aus den wenigen Quadratmetern zu machen.

Die Mieten waren gesalzen, der Andrang groß, entsprechend viele Unterlagen musste man vorlegen, um überhaupt erst in Betracht gezogen zu werden. Wer wie ich Studentin war, noch dazu aus dem Ausland, musste die Gehaltszettel der Eltern vorlegen. Und doch waren wir zweifellos privilegiert im Vergleich zu den vielen anderen Wohnungssuchenden. Die verschärfte Bedingung: Die Metro streikte, weshalb ich zu Fuß durch die Stadt hirschte und immer verzweifelter wurde – bis ich dann endlich ein WG-Zimmer fand, so teuer auch dieses dann letztlich war. Wie oft dachte ich mir: Wie gut es uns doch in Wien geht!

Wenn ich heute die Meldungen und bisweilen Horrorberichte vom Wiener Wohnungsmarkt lese, bin ich immer wieder fassungslos. Nie hatte ich es für möglich gehalten, dass Entwicklungen wie diese auch hier Einzug halten könnten. Denn anders als in Paris hielt man in Wien die Tradition des sozialen Wohnbaus hoch. Übrigens machte man in Paris damals schon Leerstände und Immo-Spekulationen für diese Missstände mitverantwortlich. Die Themen waren also bekannt, also hoffte ich, dass man in Wien alles daransetzen würde, um zu verhindern, dass es jemals so weit kommt. Leider sollte ich unrecht behalten.

Die Waschsalons sind zurück, freute sich vor einigen Jahren ein Freund von mir. Erneut stieg in mir eine Erinnerung aus Paris auf, wo es diese an fast allen Ecken gibt. Wenn man zu Hause eine Waschmaschine stehen hat, mag man die Vorstellung reizvoll finden, auch mal in einen Waschsalon zu gehen. Dort, wo eine Waschmaschine bei aller Kreativität keinen Platz mehr in der Wohnung findet, bleibt einem aber gar nichts anderes übrig – und angenehm ist das keinesfalls. Egal, wo ich beim Thema Wohnen hinschaue: Retro ist hier ganz und gar nicht schick. So waren in den historischen Wiener Gemeindebauten Einrichtungen wie die Waschküchen ein enormer Fortschritt für die Menschen. Wenn Wohnungen nun wieder so klein werden, dass darin eine Waschmaschine keinen Platz hat, oder wenn sich Menschen keine Waschmaschine leisten können, so ist dies nichts anderes als ein Rückfall in alte, viel schlechtere Zeiten.

Außer Rand und Band

Keine Frage, man hat in Wien erkannt, dass etwas geschehen muss – spät, aber doch. Das Problem aber ist, dass der Markt inzwischen außer Rand und Band ist, und das keineswegs nur in Wien. Dazu kommt, dass es auf Bundesebene sichtlich nur wenig politischen Willen gibt, daraus Konsequenzen zu ziehen – und zwar keineswegs nur bei Türkis und Blau, die eine klare Politik zugunsten der Immo-Wirtschaft gemacht haben.

Der Wohnungsmarkt ist kein Markt wie jeder andere. Besser gesagt: Er darf es deshalb nicht sein, weil Wohnen ein Grundbedürfnis von Menschen ist.

Was vor allem fehlt, ist die Einsicht: Der Wohnungsmarkt ist kein Markt wie jeder andere. Besser gesagt: Er darf es deshalb nicht sein, weil Wohnen ein Grundbedürfnis von Menschen ist. Genau deshalb müsste folgendes Thema auf der politischen Tagesordnung ganz oben stehen: Wie kann der Wohnungsmarkt so reguliert werden, dass möglichst viele Menschen in gutem Wohnraum zu leistbaren Preisen leben können?

Von
Sonja Fercher
Chefredakteurin
Arbeit&Wirtschaft

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 9/19.

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Über den/die AutorIn

Sonja Fercher

Sonja Fercher

Sonja Fercher ist freie Journalistin und Moderatorin. Seit 2014 ist sie Chefredakteurin der A&W (Print), für ihre Coverstory zum Thema Start-ups erhielt sie im Juni 2018 den Journalistenpreis von Techno-Z. Sie hat in zahlreichen Medien publiziert, unter anderem in Die Zeit, Die Presse und Der Standard. Von 2002 bis 2008 war sie Politik-Redakteurin bei derStandard.at. Für ihren Blog über die französische Präsidentschaftswahl wurde sie im Jahr 2008 mit dem CNN Journalist Award - Europe ausgezeichnet.