Standpunkt: Geschätztes Sprachrohr

Sonja Fercher
Chefredakteurin
Arbeit&Wirtschaft

Wir werden keinen Richter brauchen: Mit diesem sehr österreichischen Spruch lässt sich wohl am besten zusammenfassen, weshalb es in Österreich gerade in kleinen Betrieben oftmals keinen Betriebsrat gibt. „Das machen wir uns schon miteinander aus“ … „Ich kann eh immer mit dem Chef reden“: Das hörte auch ich sehr oft, wenn Bekannte von Konflikten im Betrieb erzählten und ich die Frage stellte, warum sie denn keinen Betriebsrat gründen. So überzeugt die Ablehnung des Betriebsrats da oftmals war, so schnell änderte sich die Perspektive, wenn der oder die Betreffende in ein Unternehmen wechselte, in dem es einen Betriebsrat gab. Dann nämlich waren sie begeistert davon, welche Vorteile der Betriebsrat etwa in Betriebsvereinbarungen zusätzlich erkämpft hatte.

Arbeitgeber und ihre MitarbeiterInnen haben unterschiedliche Interessen.
Die Skepsis bei Beschäftigten in kleinen und mittleren Betrieben kommt freilich nicht von ungefähr. Denn in der Tat haben so manche Arbeitgeber keine große Freude mit der Idee eines Betriebsrats. Hier muss allerdings von jenen abgesehen werden, die grundsätzlich etwas gegen die Mitbestimmung ihrer Beschäftigten haben – diese sind oftmals auch nicht in den kleineren Betrieben zu finden. Nein, auch viele ChefInnen von Klein- und Mittelbetrieben haben Vorbehalte, weil auch sie der Meinung sind, dass man mit ihnen doch reden könne. Das mag ja auch wirklich so sein. Was diese Haltung allerdings übersieht: Arbeitgeber und ihre MitarbeiterInnen haben unterschiedliche Interessen. Sich dessen nicht bewusst zu sein führt dazu, dass es noch schwieriger wird, wenn ein Konflikt ausbricht. Dieser nimmt schnell persönliche Züge an, statt zu einer Suche nach einer Lösung auf der sachlichen Ebene zu werden.

Wichtige Vermittlerrolle

BetriebsrätInnen können dazu beitragen, dass so manche Konflikte gar nicht erst entstehen.
Genau in dieser Situation können BetriebsrätInnen eine wichtige Vermittlerrolle einnehmen. Vor allem aber können sie dazu beitragen, dass so manche Konflikte gar nicht erst entstehen. Denn sie haben ein offenes Ohr für die Anliegen der Beschäftigten und können somit auf so manches Problem aufmerksam machen, bevor es zu einem großen Problem wird – und mit den Beschäftigten wie mit den Arbeitgebern darüber nachdenken, wie Lösungen aussehen könnten.

Das Interessante ist, dass nicht nur Beschäftigte es zu schätzen wissen, wenn sie einmal in den Genuss einer Firma mit Betriebsrat gekommen sind. Auch Arbeitgeber selbst sehen Betriebsräte positiv, wenn sie mit ihnen zu tun haben, wie eine Forba-Untersuchung zeigt. Die Argumente sind bemerkenswert: Die Einbindung des Betriebsrats führe zu mehr Engagement der MitarbeiterInnen; oder: der Betriebsrat helfe dabei, die Arbeitsleistung zu verbessern.

Die Einbindung des Betriebsrats führt zu mehr Engagement der MitarbeiterInnen; der Betriebsrat hilft dabei, die Arbeitsleistung zu verbessern.

Der Betriebsrat verkommt zum Ins­trument der Arbeitgeber, könnte man nun unken. Natürlich, bisweilen gibt es entsprechende Versuche. Es ist für Betriebsräte jedenfalls eine Herausforderung und sie sind gut beraten, sich nicht zum Sprachrohr der Firmen für Sparpläne zu machen. Wie ein Betriebsratsmitglied mir erzählte, ist das Problem Folgendes: Informieren sie nicht, regiert die Gerüchteküche. Hier die richtige Balance zu finden ist sicher eine Herausforderung. Allerdings bemühen sich die BetriebsrätInnen redlich, ihrer Aufgabe als Sprachrohr der Beschäftigten gerecht zu werden.

Als Sprachrohr richten sie sich allerdings nicht nur an ihre direkten Arbeitgeber. Eine große österreichische Errungenschaft besteht darin, dass nach wie vor 95 Prozent der Beschäftigten von Kollektivverträgen erfasst sind. Auf sozialpartnerschaftlicher Basis können BetriebsrätInnen so manche Innovationen vorantreiben, wie das Beispiel der Energiewirtschaft zeigt, über das wir in der Reportage „Sprachrohr und PionierInnen“ berichten.

Kurzum: Richter braucht es bei Konflikten am Arbeitsplatz hoffentlich wirklich nicht allzu oft. Sehr wohl aber profitieren alle Seiten davon, wenn es einen Betriebsrat gibt. Deshalb an dieser Stelle auch einmal ein großes Dankeschön an alle, die sich für die Interessen ihrer KollegInnen einsetzen!

Von
Sonja Fercher
Chefredakteurin

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 3/19.

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Über den/die AutorIn

Sonja Fercher

Sonja Fercher

Sonja Fercher ist freie Journalistin und Moderatorin. Seit 2014 ist sie Chefredakteurin der A&W (Print), für ihre Coverstory zum Thema Start-ups erhielt sie im Juni 2018 den Journalistenpreis von Techno-Z. Sie hat in zahlreichen Medien publiziert, unter anderem in Die Zeit, Die Presse und Der Standard. Von 2002 bis 2008 war sie Politik-Redakteurin bei derStandard.at. Für ihren Blog über die französische Präsidentschaftswahl wurde sie im Jahr 2008 mit dem CNN Journalist Award - Europe ausgezeichnet.