Stabilisator Kurzarbeit

Illustration Kurzarbeit
Illustration (C) Natalia Nowakowska
Kurzarbeit statt Arbeitslosigkeit rettet Jobs und Existenzen. Aber auch Unternehmen profitieren von dem Modell – gerade dann, wenn wieder auf Normalbetrieb umgeschaltet wird.
Das Gebot der Stunde lautet: Arbeitsplätze erhalten! In dieser Situation den Job zu verlieren kann leicht zur Existenzbedrohung werden – besonders für Geringverdiener*innen, die mit ihren niedrigen Einkommen keine Chance haben, sich etwas für schwere Zeiten zur Seite zu legen.

Existenzen sichern, Perspektiven bieten

Ökonomin Franziska Disslbacher, Abteilung Wirtschaftswissenschaften der AK Wien, weist auf den gravierenden Einkommensunterschied zwischen Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit hin: „Ein wesentlicher Vorteil der Kurzarbeit ist, dass die Entlohnung höher ist als das Arbeitslosengeld.“ Und zwar zwischen 80 Prozent und 90 Prozent des Einkommens statt maximal 60 Prozent wie im Fall der Arbeitslosigkeit. Miete, Handy, Lebensmittel oder Medikamente müssen schließlich auch in der Corona-Krise bezahlt werden können. Das stützt zudem die Konsumnachfrage im wirtschaftlichen Kreislauf.

Ein wesentlicher Vorteil der Kurzarbeit ist, dass die Entlohnung höher ist als das Arbeitslosengeld. 

Franziska Disslbacher, Ökonomin, AK Wien

„Arbeitslosigkeit ist für die Betroffenen auch eine soziale und emotionale Belastung“, ergänzt Disslbacher. Die Perspektive, mit Kurzarbeit nach der Krise wieder in den vertrauten Job einsteigen zu können, gibt den Menschen hingegen Sicherheit. Das zeigen auch Erfahrungen aus der Finanzkrise 2008/09.

Bewährt in der Finanzkrise

„Kurzarbeit hat in der Finanzkrise 2008/09 einen wesentlichen Beitrag zur Stabilisierung der Beschäftigung geleistet“, erklärt Helmut Mahringer, Senior Researcher am WIFO.

Kurzarbeit hat in der Finanzkrise 2008/09 einen wesentlichen Beitrag zur Stabilisierung der Beschäftigung geleistet.

Helmut Mahringer, Senior Researcher, WIFO

Während nämlich das BIP um 3,8 Prozent schrumpfte, ging die Beschäftigung „nur“ um 1,5 Prozent zurück – die geleisteten Arbeitsstunden hingegen um 3,2 Prozent. Die Lücke zwischen Rückgang der Beschäftigung und stärkerem Rückgang der geleisteten Arbeitsstunden wurde von der Kurzarbeit geschlossen.

Unternehmen profitieren ebenso

Kurzarbeit bedeutet für die Betroffenen also zum einen ein höheres Einkommen und gleichzeitig auch bessere Perspektiven. Aber was heißt Kurzarbeit für die Unternehmen? „Wir dürfen nicht vergessen, dass auch die Unternehmer*innen, die ihre Beschäftigten in Kurzarbeit und eben nicht in die Arbeitslosigkeit schicken, erheblich von diesem Modell profitieren“, gibt Disslbacher zu bedenken.

Wir dürfen nicht vergessen, dass auch die UnternehmerInnen, die ihre Beschäftigten in Kurzarbeit und eben nicht in die Arbeitslosigkeit schicken, erheblich von diesem Modell profitieren. 

Franziska Disslbacher, Ökonomin, AK Wien

„Kurzarbeit ermöglicht ihnen beispielsweise das Aufrechterhalten der Organisationsstruktur, etwa die Arbeitsaufteilung in den Betrieben“, führt Disslbacher weiter aus. Der Regelbetrieb kann damit ohne kostspielige Neuorganisation wieder aufgenommen werden – und zwar mit den selben Mitarbeiter*innen wie zuvor.

Kurzarbeit hilft damit also Unternehmen beim Erhalt von betriebsspezifischem Wissen. „Das ist, einfach gesagt: Wissen, das sich Beschäftigte etwa in Bezug auf die Abläufe, Tätigkeiten, Maschinen oder die Software eines Betriebes im Laufe ihrer Tätigkeit angeeignet haben“, beschreibt Franziska Disslbacher.

Ein weiterer Aspekt: „Da die Mitarbeiter*innen beschäftigt bleiben, müssen bei Wiederaufnahme des Betriebes gar nicht erst neue Mitarbeiter*innen gesucht werden“, ergänzt Disslbacher. Das Recruiting selbst wäre für Unternehmen mit erheblichen Kosten verbunden. Einen Punkt führt Disslbacher noch an: „Wenn es dann wieder weitergeht, kann im Fall guter Auftragslage – also hoher Nachfrage – rasch wieder auf Vollzeit umgestellt werden.“ Die Mitarbeiter*innen kehren in ihre Jobs zurück, die Produktion kann schnell wieder anlaufen.

Auf die „Kleinen“ kommt es an

Helmut Mahringer sieht in der Kurzarbeit noch großes Potenzial. „Die Kurzarbeit muss stärker in kleinen Betrieben des Dienstleistungssektors genutzt werden. Bislang wurde sie überwiegend von größeren Industrieunternehmen in Anspruch genommen.“ Und er nennt ein weiteres Handlungsfeld: „Kurzarbeit ist ja kein Allheilmittel: In der derzeitigen Krise verlieren dennoch mehr Menschen ihre Arbeit. Besonders betroffen sind jene in instabilen Beschäftigungssituationen, beispielsweise Beschäftigte in der Saisonarbeit, aber auch EPUs.“

Die Kurzarbeit muss stärker in kleinen Betrieben des Dienstleistungssektors genutzt werden. 

Helmut Mahringer, Senior Researcher, WIFO

Zusammengefasst: Kurzarbeit hilft vielen Teilen der Wirtschaft und dabei, Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Und genau das ist das Gebot der Stunde.

Weiterlesen

FAQs zu Job und Corona

Über den/die AutorIn

Michael Mazohl

Michael Mazohl

Michael Mazohl studierte Digitale Kunst an der Universität für Angewandte Kunst Wien. Als Fotograf und Journalist arbeitete er für österreichische und internationale Zeitungen und Magazine, so auch seit Jahren für die Arbeit&Wirtschaft. Seit November 2018 ist er Chefredakteur (Online) der Arbeit&Wirtschaft.