Soziologe Lessenich zur Impfreihenfolge: Soziale Kriterien statt Alter

Stephan Lessenich, neuer Direktor des Instituts für Sozialforschung, an seinem Institut in Frankfurt
(C) Frank Röth
Statt am Alter sollte man die Impfreihenfolge an sozialen Kriterien festmachen – national und global. Doch derzeit spielen 80 Prozent der Weltbevölkerung in dieser Rechnung keine Rolle, kritisiert Stephan Lessenich, künftiger Direktor des Instituts für Sozialforschung der Goethe Universität Frankfurt, im A&W-Interview.
Zur Person
Prof. Dr. Stephan Lessenich, geb. 1965, ist deutscher Soziologe und mit 1. Juli Direktor des traditionsreichen Instituts für Sozialforschung an der Frankfurter Goethe Universität. Er forscht hauptsächlich zu den Themen Demokratie und globale Ungleichheit.

Arbeit&Wirtschaft: In Deutschland wie in Österreich ist aktuell fast jede*r Vierte vollständig geimpft. In Kenia, Namibia und Vietnam liegt dieser Wert bei null Prozent. Überrascht Sie das?

Stephan Lessenich: Das kann einen nicht überraschen. Es ist zur Floskel geworden, dass Corona wie ein Brennglas wirkt und soziale Ungleichheiten aufzeigt, die ohnehin schon bestanden und durch die Pandemie noch mal verdeutlicht werden. In der Regel bezieht man das auf innergesellschaftliche Ungleichheitsstrukturen, dass etwa Pflegekräfte oder Logistik-Mitarbeiter*innen zu schlecht bezahlt werden. Aber genauso zeigt die Pandemie als Brennglas auch die krassen sozialen Ungleichheiten auf globalem Niveau. Und insofern kann es überhaupt nicht überraschen, dass die Impfraten zwischen westlichen Industriegesellschaften und den Weltregionen des globalen Südens so krass unterschiedlich sind.

Ist es in so einer historischen Ausnahmesituation wie der COVID-19-Pandemie nicht nachvollziehbar, erst mal vor der eigenen Haustür zu kehren?

Ja, das ist klar. In einer nationalgesellschaftlich verfassten Welt, in der Nationalstaaten für den Schutz ihrer Bürger*innen einstehen, ist es strukturell naheliegend, dass man erst mal versucht, die eigenen Leute zu versorgen. Zumal es in der Frühphase eines solchen Ereignisses auf der Hand liegt, zunächst einmal aufs eigene Wohl zu schauen. Aber zum Zeitpunkt der Frage nach der Impfstoffverteilung hat uns die Pandemie bereits ein Jahr lang begleitet, und hier war schon lange klar, dass sie in unterschiedlichen Weltregionen unterschiedlich stark zugeschlagen hat. Es war zu dieser Zeit bereits offensichtlich, wo Bedarf bestehen würde, um die Menschen frühzeitig gegen die weitere Verbreitung des Virus zu schützen.

Insofern würde ich sagen: Ja, zu Beginn war Notstandspolitik angesagt, und da ist es politisch naheliegend, erst mal auf die eigene Bevölkerung zu schauen. Aber dass man im nächsten Schritt, bei der Verteilung von Impfstoff, wieder nur national agiert und ganze Weltregionen völlig außer Acht lässt, ist alles andere als alternativlos. Das ist Teil unserer spezifischen Form der Vergesellschaftung, die darauf gepolt ist, unsere eigenen Interessen in den Mittelpunkt zu stellen.

Es wäre naheliegend, die Niedrigeinkommenshaushalte zuerst zu impfen und nicht nach Alterskohorten zu reihen. 

Soziologe Stephan Lessenich

Was wäre denn ein alternatives Kriterium, an dem man die Verteilung von Impfstoff ausrichten könnte?

Ich finde es schon nationalgesellschaftlich betrachtet interessant, dass man nicht auf die Idee gekommen ist, statt in Altersgruppen zu kategorisieren, soziale Kriterien in Anschlag zu bringen. Die Sozialepidemiologie weiß seit Langem, dass sich Menschen mit weniger Ressourcenausstattung am ehesten infizieren, die schwersten Verläufe haben und die gravierendsten Langzeitfolgen davontragen. Schon innergesellschaftlich wäre es also naheliegend, die Niedrigeinkommenshaushalte zuerst zu impfen und nicht nach Alterskohorten zu reihen.

Dasselbe gilt in globaler Perspektive. Das soll nicht heißen, man solle nur nach Bruttoinlandsprodukt pro Kopf impfen, dann wären Deutschland und Österreich als Letzte dran. Aber eine Mischkalkulation wäre ein gangbarer Weg: die eigene Bevölkerung zu bedienen, aber darüber hinaus nicht zu vergessen, dass man in einer Beziehung zum Rest der Welt steht.

Es ist nicht nur normativ beschämend, sondern aus funktionaler Sicht auch kurzsichtig, große Weltregionen außen vor zu lassen, weil sich das Virus dort ungehindert verbreitet und Mutationen entstehen, die irgendwann auf Europa und Nordamerika zurückschlagen werden.

In einem Beitrag in der „Süddeutschen Zeitung“ schreiben Sie dazu, als „vulnerabel“ gelten nur die, die auch als solche wahrgenommen werden…

Wir sind – abseits unserer basalen, grundsätzlichen Verwundbarkeit als Menschen – nicht alle gleich verwundbar. Es gibt Verwundbarere und weniger Verwundbare. Das ist keine biologische Kategorie, keine natürliche Verteilung von Verwundbarkeit, sondern eine politische Kategorie: Es gibt soziale Ungleichheiten der Verwundbarkeit. Sowohl innergesellschaftlich als auch zwischengesellschaftlich hat die Pandemie gezeigt, dass Verwundbarkeit politisch bestimmt wird. Es ist eine sozialpolitische Entscheidung, ob jemand zu den Verwundbaren zählt oder nicht. Zum Beispiel, indem man die Impfreihenfolge am Alter festmacht und nicht an sozialen Kriterien.

Sowohl innergesellschaftlich als auch zwischengesellschaftlich hat die Pandemie gezeigt, dass Verwundbarkeit politisch bestimmt wird.

Soziologe Stephan Lessenich

Global gilt dasselbe: Wir entscheiden in den reichen Gesellschaften, wer jetzt weltweit als verwundbar zu gelten hat. Das sind anscheinend zunächst wir selbst in Europa und Nordamerika – aber 80 Prozent der Weltbevölkerung spielen in dieser Rechnung überhaupt keine Rolle.

Inwiefern ist diese Rechnung genau die Fortschreibung dessen, was sie als „Externalisierungsgesellschaft“ beschreiben, also, dass wir im globalen Norden zu großen Teilen auf Kosten des globalen Südens leben?

Was wir in den letzten eineinhalb Jahren erleben, ist für mich eine Bestätigung: dass wir Staatsbürger*innen der reichen Gesellschaften auf Kosten von Staatsbürger*innen der ärmeren Gesellschaften leben. Weil wir derzeit – ob wir das wollen oder nicht – in der privilegierten Position sind, uns impfen lassen zu können. Für 70 bis 80 Prozent der Weltbevölkerung wird das im Laufe des Jahres sicher nicht der Fall sein. Insofern stellen wir uns da besser als andere. Vor allem aber können wir uns besserstellen, weil andere schlechtergestellt werden. Weil wir uns den Impfstoff aneignen, gehen die anderen leer aus.

Das zeigt, dass sich hier fest verankerte Ungleichheitsstrukturen und -mechanismen auf globaler Ebene wieder neu ins Werk setzen. Seit Hunderten von Jahren ist es so, dass der kolonialisierende, imperiale Westen sich privilegierte Lebenschancen aneignet. Als machtvolle Akteure der Weltgesellschaft sind westliche Industriegesellschaften seit langer Zeit in der Lage gewesen, für ihre Bevölkerung relative Privilegien zu sichern – und das machen sie heute wieder. Insofern muss ich sagen: Ja, das ist ein weiterer Beleg für die Externalisierungspraktiken westlicher Industriegesellschaften und letztlich auch für den Externalisierungshabitus von Bürger*innen westlicher Gesellschaften.

Wir können uns besserstellen, weil andere schlechtergestellt werden. Weil wir uns den Impfstoff aneignen, gehen die anderen leer aus.

Soziologe Stephan Lessenich

Sie schreiben, ein bedeutender Teil dieses Externalisierungshabitus ist ein kollektives „Nicht-Wissen-Wollen“ …

Ja, um diesen Externalisierungsmechanismus immer neu ins Werk zu setzen, müssen große Teile des globalen Südens beständig abgehängt und ausgeschlossen werden. Das kann nur funktionieren, wenn große Teile der Bevölkerung im Norden das auch akzeptieren. In Gesellschaften wie Deutschland oder Österreich herrscht ein hoher Bildungsgrad vor und Massenkommunikationsmittel sind leicht zugänglich. Viele der Sachverhalte, über die wir hier sprechen, sind wohl bekannt oder könnten wohl bekannt sein. Das bedeutet, ein Bestandteil dieses gesamten Reproduktionsmechanismus muss sein, dass große Mehrheiten von diesen Ungleichheiten und ihrer eigenen Privilegiertheit nichts wissen wollen. Würde man anfangen, wissen zu wollen, müsste man auch anfangen, sich normative, moralische Fragen zu stellen: Warum geht es uns hier so gut, während es anderen so schlecht geht? Geht es uns hier so gut, weil es anderen so schlecht geht?

Der zweite entscheidende Punkt ist: Wir, in den reichen Gesellschaften, müssen auch nicht wissen. Zu unserer Privilegienstruktur gehört es, uns über diese keine Gedanken machen zu müssen, sondern sie einfach ausleben zu können.

Würde man anfangen, wissen zu wollen, müsste man auch anfangen, sich normative, moralische Fragen zu stellen: Warum geht es uns hier so gut, während es anderen so schlecht geht? Geht es uns hier so gut, weil es anderen so schlecht geht?

Soziologe Stephan Lessenich

Sie wechseln mit 1. Juli als Direktor an das traditionsreiche Institut für Sozialforschung der Goethe Universität Frankfurt. Die hessische Wissenschaftsministerin Angela Dorn meinte unlängst: „Wie relevant die Arbeit des Instituts für Sozialforschung ist, war selten so offensichtlich wie zurzeit.“ Inwiefern trifft das zu?

Das trifft völlig zu. Wir unterhalten uns gerade über eine globale Krise, in der sich die massiven globalen Ungleichheiten nicht nur spiegeln, sondern verfestigen und verstärken. In so einer historischen Konstellation – mit den Ländern des globalen Nordens als dominante Akteure in einem globalen Kapitalismus – ist kritische Theorie, kritische Gesellschaftsanalyse natürlich gefragt. Und vielleicht auch gefragter als vor 20 oder 30 Jahren. Die Aufgabe kritischer Theorie ist es, zu zeigen, wie durch die Einrichtung unserer Gesellschaft Not und Elend erzeugt werden und es aber alternative Entwürfe geben könnte – zu zeigen, die Verhältnisse müssten nicht so sein. Dadurch ist kritische Theorie immer politisch, weil sie sagt, es gäbe die Möglichkeit, Dinge anders zu gestalten – und sie weist dann darauf hin, dass es starke Interessen in der Gesellschaft gibt, die verhindern, dass das, was möglich wäre, auch wirklich in die Welt gebracht wird.

Über den/die Autor*in

Johannes Greß

Johannes Greß, geb. 1994, studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien und arbeitet als freier Journalist in Wien. Er schreibt für diverse deutschsprachige Medien über die Themen Umwelt, Arbeit und Demokratie.