Essay: Schein oder Sein? Das ist eine gute Frage

Inhalt

  1. Seite 1 - Aktive Politik für gutes Leben
  2. Seite 2 - Gute Arbeit, faire Verteilung
  3. Seite 3 - Gleiche Chancen auf ein gutes Leben?
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Über Statussymbole drücken Menschen wohl am deutlichsten aus, wie gut es ihnen geht. Doch wie wichtig ist für die Menschen jener Besitz,den die Werbung so gerne verkaufen möchte? Welche Rolle spielt das Einkommen, die Arbeit selbst – und was macht sonst das gute Leben aus?

Leeres Versprechen

Denn leider besteht kein Zweifel mehr daran, dass das Versprechen, „unseren Kindern wird es einmal besser gehen“, längst nicht mehr erfüllt wird. Die damit verbundene Hoffnung, dass es auch immer mehr Kindern immer besser gehen möge, ist in noch weitere Ferne gerückt. Ja, und dies trifft auch auf Österreich zu, eines der reichsten Länder der Welt. Denn nach wie vor werden Bildungschancen vererbt, setzt sich also die soziale Selektion fort. Das lässt sich nicht nur seit Jahren in den jeweiligen Untersuchungen wie der PISA-Studie nachlesen. Eine Zahl dazu: Mehr als die Hälfte der Kinder von Eltern mit Uniabschluss studieren selbst. Hingegen besuchen gerade einmal fünf Prozent der Kinder von Eltern ohne akademischen Abschluss eine Uni.

Erbschaften manifestieren die bestehende Ungleichheit, ja, verschärfen sie sogar noch weiter.

Von gleichen Chancen auf ein gutes Leben kann keine Rede sein. Schlimmer noch: Wer schon hat, bekommt immer mehr. Besser gesagt: Erbschaften manifestieren die bestehende Ungleichheit, ja, verschärfen sie sogar noch weiter. Konkret ausgedrückt: Die untere Hälfte in der Einkommensverteilung erbt vielleicht ein Auto oder ein Sparbuch, und die obere Mitte erbt vielleicht ein Eigenheim. In Zahlen: 124.000 Euro beträgt das durchschnittliche Erbe der unteren 90 Prozent, bei den Top 10 sind es 828.000 Euro und beim obersten Prozent sind es 3,4 Millionen Euro. Somit herrscht ein Kreislauf, in dem jene, denen es ohnehin schon gut geht, sich darauf verlassen können, dass das auch so bleibt – während jene, denen es verhältnismäßig schlechter geht, selbst bei großer Leistungsbereitschaft nicht oder nur unter großen Anstrengungen vom Fleck kommen. Denn es ist eben gerade nicht die eigene Leistung, die einen voranbringt – leider!

Auf Status gebaut

Was hat all dies mit Statussymbolen zu tun? Nun, unser ganzes Wirtschaftssystem hat sich rund um sie konstruiert, ja sogar die Vorstellungen von Wohlstand sind um sie herum gebaut. Warum? Nun, es sind gerade die Vermögenden, an denen sich die Industrie orientiert, denn mit ihnen lässt sich natürlich erst mal viel Geld verdienen. Wirklich funktionieren kann das System aber nur, wenn auch die breite Masse die Statussymbole haben will und sie sich vor allem leisten kann.

Es sind gerade die Vermögenden, an denen sich die Industrie orientiert, denn mit ihnen lässt sich natürlich erst mal viel Geld verdienen.

Die Globalisierung hat genau dies möglich gemacht – allerdings um den Preis der Ausbeutung von Mensch und Natur. Das wiederum führt dazu, dass neue Statussymbole gesucht werden, was wiederum die Industrie anspornt, sie auch der breiten Masse zugänglich zu machen. Ein Kreislauf also.

Der Besitz der Dinge soll aber nicht nur die Menschen glücklich machen, sondern auch den Wohlstand der Gesellschaft absichern und vergrößern, also mehr Menschen glücklich machen.

Besitz ist gutes Leben?

Der Besitz der Dinge soll aber nicht nur die Menschen glücklich machen, sondern auch den Wohlstand der Gesellschaft absichern und vergrößern, also mehr Menschen glücklich machen. Einfach ausgedrückt: Brummen die Unternehmen, verkaufen sich die Produkte, das wiederum bringt Wachstum, was wiederum Jobs mit sich bringt – und unterm Strich bringt all das ein gutes Leben für immer mehr Menschen. Man könnte sagen: Unser ganzes Wirtschaftssystem und die verbreiteten Vorstellungen von Wohlstand bauen darauf auf, dass die oberflächliche Behauptung auf die große Masse umgelegt wird, wonach der Besitz bestimmter Dinge ein gutes Leben ausmache. Doch es wird auch immer deutlicher, dass dieses System seine vielfältigen Versprechen nicht mehr einhalten kann.

Voraussetzungen schaffen

Sich etwas leisten können: Diese Formulierung drückt wohl sehr gut aus, wonach sich viele Menschen sehnen. Aber was es konkret ist, das sie sich dann leisten wollen, das hängt zweifellos von den individuellen Vorlieben ab. Auf all diese Bedürfnisse kann die Politik freilich keine Antwort bereithalten. Es ist auch nicht das Ziel gewerkschaftlicher Politik, dass sich alle den berühmten Porsche leisten können. Sehr wohl aber kann sie gute Rahmenbedingungen schaffen: in Form eines guten Gesundheitssystems, in Form einer guten Arbeitsmarktpolitik, in Form eines fairen Steuersystems, in Form eines guten Bildungssystems, durch Regeln für Märkte, durch gute und leistbare öffentliche Dienstleistungen. Sprich, die Voraussetzungen dafür schaffen, dass ihre wichtigsten Anliegen auch erfüllt werden können: Gesundheit, ein gutes soziales Netz, ein gutes Zuhause, eine intakte Umwelt, gute Arbeitsbedingungen, ein gutes Einkommen und ein gutes Gleichgewicht von Arbeit und Freizeit – ob da nun Haus, Auto und Boot dazugehören oder vielleicht etwas ganz anderes.

Von
Sonja Fercher
Chefredakteurin
Arbeit&Wirtschaft

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 8/19.

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Über den/die Autor*in

Sonja Fercher

Sonja Fercher

Sonja Fercher ist freie Journalistin und Moderatorin. Seit 2014 ist sie Chefredakteurin der A&W (Print), für ihre Coverstory zum Thema Start-ups erhielt sie im Juni 2018 den Journalistenpreis von Techno-Z. Sie hat in zahlreichen Medien publiziert, unter anderem in Die Zeit, Die Presse und Der Standard. Von 2002 bis 2008 war sie Politik-Redakteurin bei derStandard.at. Für ihren Blog über die französische Präsidentschaftswahl wurde sie im Jahr 2008 mit dem CNN Journalist Award - Europe ausgezeichnet.