Reportage: Wissen ist kostbar

Wie die Sozialwirtschaft haben die privaten Bildungseinrichtungen in den KV-Verhandlungen um eine 35-Stunden-Woche gekämpft. Wer mit hohem Einsatz Wissen teilt, verdient entsprechenden Lohn und Erholungszeit. Ein Lokalaugenschein in Wien-Floridsdorf.

Inhalt

  1. Seite 1 - Wertvolles Wissen
  2. Seite 2 - 35 Stunden bei vollem Lohn
  3. Seite 3 - Integration durch Bildung
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Die Aufgabe von Ausbilder Josef Trautenberger ist es, nicht nur Technik zu unterrichten, sondern auch Menschen zu formen. Deswegen gibt es gemeinsame Regeln für ein gutes Auskommen.

35 Stunden bei vollem Lohn

Während Ausbilder Josef Trautenberger bei Jugend am Werk unter den Kollektivvertrag für die Sozialwirtschaft (SWÖ) fällt, gilt für ähnliche Institutionen wie bfi, Mentor oder Volkshochschulen der Kollektivvertrag für private Bildungseinrichtungen (BABE, Berufsvereinigung der ArbeitgeberInnen privater Bildungseinrichtungen). „Diese zwei Kollektivverträge sind wesensverwandt. Das heißt, im Idealfall können wir uns immer gegenseitig pushen“, sagt Nerijus Soukup, Betriebsratsvorsitzender des Bildungs- und Beratungsinstituts Mentor. Gemeinsam mit Senad Lacevic, dem Betriebsratsvorsitzenden bei den Wiener Volkshochschulen, ist er Verhandlungsleiter im Kollektivvertrag für private Bildungseinrichtungen (BABE) auf der ArbeitnehmerInnenseite. Auch die Hauptforderung deckt sich mit dem Kollektivvertrag für die Sozialwirtschaft: die Einführung einer 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich.

Bei mir geht es nicht mehr ums Geld, sondern eher darum, einen Sinn in der Arbeit zu finden und auch mehr Freizeit zu haben. 

Josef Trautenberger, Kfz-Technik-Ausbilder

Denn die Lage in der Erwachsenenbildungsbranche ist keineswegs rosig. „Viele TrainerInnen sind Frauen, und die meisten arbeiten als Teilzeitkräfte“, erklärt Soukup. „Dass die meisten relativ wenig verdienen, ist jetzt schon besorgniserregend – doch in Zukunft wird sich das auch noch negativ auf die Pensionen auswirken.“

Dementsprechend begehrt sind die Vollzeitjobs bei den privaten Bildungseinrichtungen. „Viele hätten gerne mehr Geld, um besser über die Runden zu kommen. Aber vor allem die Teilzeit muss besser bezahlt werden“, fordert Soukup.

Kollege und VHS-Betriebsratsvorsitzender Senad Lacevic verdeutlicht: „Deshalb ist die Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich so ein wichtiges Thema – für Teilzeitkräfte würde sie eine saftige Gehaltserhöhung bedeuten.“

Die Bezahlung war nicht die Hauptmotivation für Josef Trautenberger, zu Jugend am Werk zu wechseln. In seinen zwölf Jahren als Werkstattleiter hat Trautenberger gut verdient, das Doppelte gegenüber seinem jetzigen Gehalt als Ausbilder für Kfz-Technik. „Bei mir geht es nicht mehr ums Geld, sondern eher darum, einen Sinn in der Arbeit zu finden und auch mehr Freizeit zu haben.“ Der Deutsch-Wagramer ist passionierter Sportler, läuft und radelt. „Mit 27 Jahren habe ich das Rauchen aufgegeben und als Ausgleich mit dem Laufen begonnen, ab 35 habe ich intensiv trainiert.“

Seine Marathon-Bestzeit beträgt 3:02 Stunden, aber eigentlich hoffte er auf eine noch bessere Leistung: „Meine Halbmarathon-Bestzeit ist 1:22 Stunden, ich dachte, ein Marathon unter drei Stunden wäre möglich, aber das ist sich leider nicht ausgegangen.“ Auch im Beruf war er ehrgeizig: Der Mechaniker besuchte zahlreiche Fortbildungen, dem Werkstattmeister folgte der Werkstattleiter.

Von der MA 48 werden ausrangierte Fahrzeuge zur Verfügung gestellt. Deshalb können die Autos in kleinste Teile zerlegt werden, um die Technik von Grund auf zu studieren.

Doch die Arbeit „schaukelte sich immer mehr auf, und es wurden ständig Höchstleistungen verlangt“, erinnert sich Trautenberger. „Ich bin aus dem Büro nicht mehr in die Werkstatt rausgekommen, habe nur mehr Bildschirme angestarrt, Zahlen beobachtet und geschaut, dass alles läuft.“ Besonders die Monats- und Jahresabschlüsse waren immer mit viel Stress verbunden. Diesem Druck zu entkommen, etwas anderes zu machen war sein Ziel: Im Herbst 2017 bewarb sich Trautenberger auf eine Annonce von Jugend am Werk und war überzeugt, mit 57 Jahren keine Chance zu haben, trotz seiner Qualifikationen und der inzwischen absolvierten Ausbildung als Lebens- und Sozialberater.

Von ursprünglich 15 Lehrlingen wurden immerhin fünf innerhalb eines Jahres an Firmen vermittelt.

Den Job hat er freilich bekommen und neben seiner Arbeit auch noch die Trainerausbildung bestanden: Das Unterrichten fiel ihm am Anfang eher schwer: „In der ersten Unterrichtsstunde war ich sehr nervös, und ich war froh, als sie dann vorbei war.“ Auf Nutzfahrzeuge spezialisiert, musste der ehemalige Werkstattleiter auch sein Wissen über Autos auf den neuesten Stand bringen. „In unserem Fach ist es wichtig, immer am Laufenden zu bleiben. Außerdem gehören Geduld, soziale Kompetenz und die Bereitschaft, Neues zu lernen, dazu“, erklärt Trautenberger.

Seine Arbeit wird durch eine Supervision begleitet, die schwierige Fälle in einer kleinen Gruppe bespricht und reflektiert. Doch über gravierende Probleme in der Gruppe kann der Ausbilder zum Glück nicht klagen – es gibt Unaufmerksamkeit, Jugendliche, die „nicht richtig mitarbeiten wollen“, und bisweilen stören manche den Unterricht. Trautenberger begegnet dem Ungemach mit Ruhe.

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