Reportage: Neue Mittelschicht, oder was?

Mario Heralic will zwar noch nicht aufgeben, zweimal aber sei es für die Gastronomenfamilie mit zwei Kindern in den letzten Monaten wirklich extrem knapp geworden.
(C) Markus Zahradnik
Viele Menschen, die bis dato gut bezahlte Jobs hatten und wenige finanzielle Sorgen, stellt die Corona-Pandemie erstmals vor ernste Probleme. Drei Betroffene haben uns Einblicke in ihr Leben gegeben und erzählt.
Nur mehr Kartoffeln zu essen, so fühle sich Armut an, erzählt Olivia. Die Studentin hätte niemals gedacht, einmal selbst betroffen zu sein, und sie ist damit nicht allein. Durch die Pandemie stehen einige Menschen nun erstmals in ihrem Leben vor ernsthaften finanziellen Problemen. „Wir erleben derzeit, wie die COVID-19-Pandemie zu einem Anstieg der sozialen Ungleichheit und zu vermehrter Armut in Österreich führt“, sagt Ruth Schink von der Volkshilfe.

Blickt man genauer auf die Zahlen, wirken diese relativ entspannt. Das verfügbare Haushaltseinkommen in Österreich sank im Schnitt um nur ein bis zwei Prozent. Durch Maßnahmen wie den Kinderbonus, die aufgestockte Notstandshilfe und den einmaligen Aufschlag aufs Arbeitslosengeld verbuchten einige sogar einen Zuwachs. Trotzdem warnen Expert*innen und NGOs. Die Anfragen bei Sozialberatungen der Caritas sind um 70 Prozent gestiegen. Viele aufgeschobene Mieten wurden ab April fällig und Zuschüsse enden.

Die Armutskonferenz definiert Armut als Mangel an Möglichkeiten beziehungsweise Verwirklichungschancen. Als Armutsschwelle gilt ein Einkommen von 1.286 Euro für einen Einpersonenhaushalt. Über eine Million Österreicher*innen verdienen unter dieser Grenze. Vielen ist dabei gar nicht bewusst, dass sie gefährdet sind. Kein Geld und damit weniger Möglichkeiten zu haben ist nicht nur stigmatisierend, sondern macht nachweislich krank, einsam und es beeinflusst die eigene Zukunft. Wer einmal an diesem Punkt angelangt ist, kämpft oft lange mit den Folgen.

Olivia, 24, Studentin

Seit sie 16 Jahre alt ist, arbeitet Olivia. Von der Gastronomie über das Verkaufen von Kleidung bis hin zum Sommerkino. Zuerst neben der Schule, dann neben dem Kolleg an der Grafischen in Wien. Sie verdient mit diesen Minijobs mal mehr und mal weniger, kommt aber immer über die Runden. In den Ferien arbeitet sie Vollzeit, um sich Geld zur Seite zu legen. Besonders mit saisonaler Arbeit bei Punschständen finanziert sie ihr Leben. „Plötzlich war alles weg“, erzählt Olivia, während sie in einem Wiener Park sitzt. Kurz vor der Pandemie beginnt die 24-Jährige noch einen Job in einer Bar, verliert diesen wieder, da dem Inhaber das Risiko zu groß ist. Olivia bleibt optimistisch: Es werden andere Jobs kommen, und die Pandemie wird wieder verschwinden, denkt sie. Doch sie findet keine Arbeit. Richtig eng wird es rund um Weihnachten. „Ich hatte meine Ersparnisse komplett aufgebraucht und bekam keine Unterstützung vom Staat.“ Das Arbeitsamt bearbeitet ihren Antrag über Monate. Auch der auf Schüler*innen-Beihilfe wird abgelehnt. Beim Einkauf im Supermarkt fragt sie sich nun: Geht sich das noch aus?

„Immer im Hinterkopf zu haben, dass das Geld knapp wird, ist wahnsinnig anstrengend.“ Am Ende des Monats isst Olivia irgendwann nur noch Kartoffeln. Mehr kann sie sich nicht mehr leisten. Oft geht sie auch zu ihrer Mutter, die für sie kocht. „Ein Luxus, wie mal eine Pizza zu bestellen, war für mich nicht mehr drinnen“, so Olivia. Täglich sucht sie nach Jobs, die sie am Wochenende oder neben dem Kolleg machen kann. Über Weihnachten sitzt die Studentin allein in der WG und kämpft mit den ersten psychischen Folgen. „Man verliert den Boden unter den Füßen. Ganz plötzlich hast du keine Sicherheit mehr wie in deinem ganzen Leben zuvor. Du schaffst es nicht mehr, deine Rechnungen zu bezahlen, und es ist extrem unangenehm, darüber zu reden.“ Währenddessen wird es für sie immer schwieriger, sich auf das Studium zu konzentrieren. Ihre Mutter beruhigt sie, sie könne notfalls zu ihr in die Zwei-Zimmer-Wohnung ziehen. „Es fühlte sich an, als wäre ich in einem endlosen Tunnel. Da ist kein Ende in Sicht.“

„Ein Luxus, wie mal eine Pizza zu bestellen, war für mich nicht mehr drinnen“, erzählt Olivia. Bald konnte die Studentin sogar die Miete nicht mehr zahlen.

Als Olivia die Miete nicht mehr bezahlen kann, leiht sie sich Geld von ihrer Schwester und bezieht Unterstützung von der Caritas. So kann sie weiter studieren und kommt langsam wieder auf die Füße. Aus ihrem Antrag auf Mindestsicherung scheint nun vielleicht doch etwas zu werden, meint sie, und ein paar Minijobs ergaben sich auch. Diesen Sommer hat sie einen im Sommerkino in Aussicht. „Es geht bergauf. Gott sei Dank!“, sagt Olivia und lächelt.

Mario Heralic, 49, Gastronom

Vor der Bar türmen sich die Klopapierrollen. Eine Leiter lehnt an der Wand. Dazwischen hantiert Mario Heralic mit der Espressomaschine, die laut zischt. Der Kaffee, den es sonst im Lokal gebe, sei längst ausgeraucht, erzählt er. Er musste also neuen kaufen. Seit über einem halben Jahr ist das Restaurant Marks in der Neustiftgasse im siebten Gemeindebezirk geschlossen. Heralic bezeichnet sich selbst immer nur als Kellner und nie als Chef, Gastronom oder Inhaber. Sein Lokal lebt von der Stammkundschaft und von den Weihnachtsfeiern. Normalerweise legt er sich in dieser Zeit ein gutes Polster an. Zusammen mit seiner Frau, Orsolya Szita, hat er zwei Kinder. Sie eröffnete im Oktober letzten Jahres mit einer Partnerin eine nachhaltige Drogerie in der Zollergasse, direkt um die Ecke. Wie halten sich die beiden über Wasser?

„Aktuell befinden wir uns in einer Extremsituation. Mit zwei Kindern ist das nicht immer so einfach“, erzählt Heralic – und dass sie auch an das Ersparte gehen mussten. Ans Aufgeben denke er aber nie. Wobei. Zweimal sei es wirklich sehr knapp gewesen: als die versprochenen Unterstützungen vom Staat nicht kamen. Da habe er sich gefragt, wie es weitergehen soll. Mittlerweile funktioniere das aber gut. „Finanziell können wir uns nicht beschweren, was das Lokal betrifft.“ Privat habe er jedoch kein Einkommen seit sechs oder sieben Monaten. Denn die meisten Unterstützungen vom Staat gelten dem Unternehmen. „Ich müsste das Geld ja wieder zurückgeben.“ Nur durch den Härtefallfonds habe er wenigstens etwas bekommen. Heralic wolle nicht sudern, meint er, sondern sich auf das Positive konzentrieren: zum Beispiel darauf, dass er richtig viel Zeit für seine Kinder hatte und sich sein Körper endlich einmal von den Strapazen der Gastronomie erholen konnte. Zwischen 60 und 100 Stunden hatte er zuvor gearbeitet. Jetzt freue er sich auf die Öffnung und vor allem auf die Gäste. „Der Schmäh muss endlich wieder rennen!“, sagt er und zeichnet Muster in den Cappuccino-Schaum.

Alina, 28, NGO-Koordinatorin

Alina wollte die Welt schon immer etwas gerechter machen. Darum studierte sie Politikwissenschaften und gründete einen Verein zur Flüchtlingshilfe mit. 2018 schloss sie sogar mit einem Doppelmaster ab. Um sich das leisten zu können, jobbt die Wienerin in der Gastronomie. Sie spricht fünf Sprachen und arbeitet im Ausland. Beim Berufseinstieg muss sie immer wieder ungewollt selbstständig oder unter prekären Umständen arbeiten. Pass auf dich auf, lass dich nicht ausbeuten, sagt ihr Umfeld, doch sie hat einen Plan. Ihr Großvater lebt in Mexiko und arbeitet dort als Dokumentarfilmer. „Für mich war es der nächste logische Schritt, nach Mexiko zu gehen.“ Zu Beginn des Jahres 2020 zieht sie um. Zuerst Kraft tanken, Intensiv-Spanischkurs und sich dann einen Job suchen. Doch Corona macht ihr jäh einen Strich durch die Rechnung.

Im März rät ihr das Außenministerium zur sofortigen Rückreise. In Wien hatte sie längst alle ihre Besitztümer verkauft und fragt sich, wo sie nun die Quarantäne verbringen soll. Eine Freundin, die zu der Zeit gerade in Deutschland festsitzt, überlässt ihr die Wohnung. Alina muss wieder von vorne anfangen und beantragt Mindestsicherung. Im Sommer macht sie einen Kurs über das AMS, der mehr Praxis in ihre Ausbildung bringen soll. Mit dem Ende des Kurses enden die Unterstützungen. Ein weiterer Antrag wird abgewiesen.

„Es zieht sich alles zusammen, und du bekommst so richtig Angst“, beschreibt Alina das Gefühl von Existenzängsten. Das Außenministerium hatte sie zu Beginn der Krise nach Österreich zurückgeholt – und damit
begann die mühsame Jobsuche von vorne.

Alina wohnt mittlerweile in einem WG-Zimmer, für das sie 400 Euro Miete bezahlen muss, und verzweifelt immer mehr. „Ich wusste, jetzt wird’s hart, weil ich kaum noch Ersparnisse hatte.“ Fünf Monate bekommt Alina keinerlei Unterstützung vom Staat. Sie kauft nun im Sozialsupermarkt ein, besorgt sich gratis Möbel im Internet und verkauft einfach alles, was sie besitzt. Freund*innen muss sie immer öfter absagen, weil ihr das Geld fehlt, etwas gemeinsam zu unternehmen. Alina will keine Hilfe von ihnen, sondern die sein, die anderen hilft. „Als sie mir die Hilfe regelrecht aufgezwungen haben, konnte ich sie annehmen.“

Wenn sie die Existenzsorgen beschreibt, zeigt sie auf ihren Magen, da habe sie es gespürt. „Es zieht sich alles zusammen, und du bekommst so richtig Angst.“ Die 28-Jährige bewirbt sich immer weiter für Jobs, sagt sich, dass das alles vorbeigehen werde. Schließlich bekommt sie einen Job in einer NGO zum Jahresbeginn. Gedanklich sei sie im Büro, sagt sie während des Gesprächs in ihrer Mittagspause. „Heute bin ich glücklich, in diesem Job gelandet zu sein und zu wissen, ich habe ein soziales Netz, das mich auffängt.“ Nun könne sie sich revanchieren. Für sie bleibt aber die Frage: Hat sie selbst etwas falsch gemacht, oder ist das System falsch?

Über den/die Autor*in

Eva Reisinger

Freie Journalistin und Autorin in Wien. Sie schrieb für den ZEIT-Verlag über Österreich, Feminismus & Hass. War Korrespondentin und lebt halb in Berlin und halb in Wien und erzählte euch, was ihr jeden Monat über Österreich mitbekommen müsst, worüber das Land streitet oder was typisch österreichisch ist.