Wie geht es weiter bei MAN? Über die Macht der vielen

Es geht hoch her beim Betriebsratstreffen bei MAN in Steyr: „Ich brauche keine Judikatur – ich will wissen, was ich meinen Leuten sagen soll!“, ruft einer.
Foto (C) Markus Zahradnik
Im MAN-Werk in Steyr verdichten sich die Entwicklungen vergangener Jahrzehnte: ein fundamentales Machtungleichgewicht zwischen einem übermächtigen Unternehmer und einer Arbeiter*innenschaft, der nur die Macht der vielen bleibt.
Es ist 13 Uhr. Alois Stöger hat 59 mal 84 Zentimeter Platz, um die Zukunft von 2.300 Menschen zu erklären. 2.300 Individuen, die wissen wollen, was passiert, wenn „der Wolf“ kommt. In den kommenden zwei Stunden kollidieren Paragrafen mit Identitäten, knallt abstrakte Macht auf konkrete Ohnmacht.

Ein gutes Dutzend Männer sitzt hufeisenförmig in einem schmucklosen Raum im ersten Stock eines Fabriksgebäudes der Volkswagentochter MAN Truck & Bus in Steyr. Sie stellen den Arbeiterbetriebsrat. Alles Männer, die teils seit Jahrzehnten im Werk arbeiten und nicht von Kolleg*innen, sondern ihrer „Mannschaft“ oder ihren „Leuten“ sprechen. Manche stützen den Kopf auf der Faust ab oder verschränken die Arme vor der Brust. Von Alois Stöger, dem Leitenden Sekretär für Sozialpolitik bei der Gewerkschaft PRO-GE, hören sie das, was sie teils wissen, teils ahnen, teils das, was Hoffnung macht. Auf einer Flipchart verdeutlicht Stöger die Ausgangslage.

Seit im Herbst vergangenen Jahres die Nachricht die Runde machte, das MAN-Werk in Steyr, ihr Werk, solle geschlossen werden, ist die Verunsicherung groß. Seit 1914 werden am Standort Fahrzeugteile produziert, seit 1989 unter dem Dach von MAN. Ein Traditionsstandort, an dem über die Jahrzehnte nicht nur Fahrzeugteile, sondern Identitäten geformt wurden.

Gegen eine Übernahme, für eine ungewisse Zukunft

Das Werk wirtschaftet profitabel, die Auftragslage ist so gut wie seit Jahren nicht. Aber die Lohnkosten in Polen sind geringer. Mit Ende 2023 sollte der Standort nach Krakau verlegt werden. Im Frühjahr folgte das Angebot des ehemaligen Chefs des austro-kanadischen Automobilzulieferers Magna, Siegfried Wolf: 1.250 der insgesamt 2.300 Beschäftigten – 1.900 Fixangestellte und 400 Leasingarbeiter*innen – könnten übernommen werden, die Verbliebenen hätten Nettolohnkürzungen von bis zu 15 Prozent zu akzeptieren. Ansonsten sei hier in Steyr Schluss. Im April lehnte die MAN-Belegschaft das Angebot in einer Urabstimmung mit 64 Prozent ab. Und stimmte damit für eine ungewisse Zukunft.

Wolf kaufte das Werk trotzdem, ohne Deal. Der Standort ist zunächst gesichert. Die Verunsicherung unter den Beschäftigten ist dennoch groß, in ihren Reihen bleiben viele Fragen offen. Auch weil Wolf „ein Spieler“ ist, weiß Stöger.

Für die Zusammenkunft an diesem Dienstag Ende August sammelten die Betriebsrät*innen Fragen ihrer Mannschaft. Meist geht es darum, wie es weitergeht, wenn „er“ kommt, wenn „der Wolf“ kommt. Wie viele können bleiben? Kommen die Lohnkürzungen trotzdem? Was passiert, wenn ich mich weigere, einen neuen Vertrag zu unterschreiben? Stöger macht klar: „Er muss euch mit allen Rechten und Pflichten übernehmen.“ An den bestehenden Verträgen wird der neue Eigentümer nicht rütteln dürfen. Er rate jedem davon ab, einen neuen Vertrag zu unterschreiben.

In den Reihen der Betriebsrät*innen traut man dem nicht. Die Angst, über den Tisch gezogen zu werden, ist groß. „Ich weiß nichts, ich weiß nur, dass ma des Göd wegnehmen wollen“, ruft einer in den Raum. Rund 150 Beschäftigte hätten – wider besseres Wissen und auf Druck von oben – bereits einen neuen Vertrag unterschrieben. Seit gestern sind die MAN-Mitarbeiter*innen aus dem dreiwöchigen Betriebsurlaub zurück und wollen für alle Eventualitäten gerüstet sein, wollen „Rechtssicherheit“. Für sich selbst, für ihre Mannschaft und für ihre Familien. Sie wollen Antworten auf Fragen, für die keine Flipchart der Welt ausreicht.

Weihnachtsgeld, Akkordlohn, Überstunden, Zwickeltage, Altersteilzeit, Hacklerregelung. Zu allgemein, zu komplex, teilweise uneindeutig ist die juristische Lage, als dass es hier die eine Antwort gäbe. Es liegt im Wesen des Rechts, dass von konkreten Einzelfällen abstrahiert wird. Jurist*innen sehen genau darin die Stärke. Hier, im ersten Stock des MAN-Gebäudes, offenbaren sich die Tücken der Abstraktion.

Steyr: ein doppeltes Sinnbild

„Ich brauche keine Judikatur – ich will wissen, was ich meinen Leuten sagen soll“, beklagt einer, während sich der Paragrafendschungel im Raum weiter verdichtet. Die meisten der Betriebsrät*innen sitzen aufrechter, trommeln mit den Fingern auf den Tisch. Beim Sprechen steigt mit der Lautstärke auch der Armeinsatz. Gegenseitig aussprechen lässt man sich schon lange nicht mehr.

Am Ende ist das keine juristische,
sondern eine politische Frage. Eine Machtfrage. 

Alois Stöger, Gewerkschaft PRO-GE

Der Chef des Arbeiterbetriebsrates Helmut Emler bemüht sich um Ruhe: „Ja, Wolf ist ein beinharter Geschäftsmann. Aber er bringt Arbeit.“ Auf lange Sicht möglicherweise mehr als die bestehenden 2.300 Arbeitsplätze, hofft Emler. Er arbeitet seit 35 Jahren im Werk, schon unter Steyr-Daimler-Puch, und wirkt optimistischer als viele andere. „Wir haben hier schon alles Mögliche produziert, wir hatten Risiken und wir hatten Dramen – und trotzdem ist es immer irgendwie weitergegangen.“

Der Vorsitzende des Arbeiterbetriebsrates, Helmut Emler, arbeitet seit 35 Jahren im Werk. „Bisher ist es immer irgendwie weitergegangen“, meint er hoffnungsvoll.

Ringsherum rauchen die Schlote, rattern die Maschinen. Nicht nur die eigenen, auch die der benachbarten BMW-Werke, der ZF Steyr Präzisionstechnik oder der SMK Metall- und Kunststoffwaren. Steyr ist Sinnbild für eine selbstbewusste Arbeiter*innenschaft, aber ebenso für die sogenannten „Globalisierungsverlierer*innen“. Alle hier kennen die Geschichten von Unternehmen, die Lohnabhängige auf die Straße setzten und ihre Produktion wegen der geringeren Kosten ins Ausland verlagerten. In Steyr ist es nicht nur viel Kapital, sondern auch Vertrauen, das sich in den vergangenen Jahrzehnten verflüchtigte.

Stöger versucht es mit Metaphern. Mit dem Bild einer Fußballmannschaft. Wolf als Angreifer, die Beschäftigten in der Verteidigung. Wobei der Schiedsrichter die Unternehmer*innen bevorzugt: Eine Übernahme durch Wolf könne ein Betriebsrat nicht verhindern – „das ist im Kapitalismus nun mal so“. Aber er und seine Mannschaft könnten sich verteidigen. Verteidigen gegen einen Wolf, der weiß, was er tut: „Der hatte ein Jahr Zeit, das mit seinen Anwälten in allen juristischen Details durchzugehen. Das ist ein vehementes Machtungleichgewicht, und das nutzt er aus.“

„Am Ende ist das keine juristische, sondern eine politische Frage“, betont Stöger. „Eine Machtfrage.“ Zwischen einem, der juristisch und medial bestens gerüstet ist – und die andere Seite? Auch die hat Macht, die Macht der vielen – sie müsse diese nur zu nutzen wissen. Sich auf die Hinterbeine stellen, zusammenhalten. Sich organisieren. Das hätten die MAN-Arbeiter*innen im April schon einmal bewiesen, bekräftigt Stöger. Als sie Wolfs Übernahmeangebot ablehnten und ihn somit zwangen, das Werk samt bestehender Verträge zu übernehmen.

15 Uhr. Das für eine Stunde anberaumte Treffen geht nach zwei Stunden zu Ende. Viele Fragen scheinen nach wie vor ungeklärt. Früher hätten sie im Betriebsrat gerne ihre „MAN-Trikots“ getragen, sagt einer beim Hinausgehen. Wie es sich für eine Mannschaft gehört. Heute werde das Shirt kaum mehr getragen. Zu viel Vertrauen sei bereits in die Brüche gegangen.

Alois Stöger von der PRO-GE kämpft seit Monaten nonstop und unermüdlich für die Beschäftigten des MAN-Werks in Steyr.

Über den/die Autor*in

Johannes Greß

Johannes Greß, geb. 1994, studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien und arbeitet als freier Journalist in Wien. Er schreibt für diverse deutschsprachige Medien über die Themen Umwelt, Arbeit und Demokratie.