Reinigungskräfte: Oft prekär und selten sichtbar

Viele Beschäftigte in der Reinigungsbranche leben prekär. Frauen kommen im Schnitt auf nur 1.200 Euro netto. Doch die Dunkelziffer jener, die gar nicht fix angestellt arbeiten, ist immens hoch.
(C) Markus Zahradnik
Reinigungskräfte erledigen einen wichtigen Job, Wertschätzung gibt es dafür kaum. Das drückt sich auch in der niedrigen Bezahlung aus. Und der Druck steigt. Über eine Branche, in der viele Menschen mit Migrationshintergrund und viele Frauen arbeiten. Kaum jemand traut sich hier, seine Stimme zu erheben und über die schwierigen Arbeitsbedingungen zu sprechen.
Es ist sieben Uhr morgens, im Erdgeschoss eines Wohnhauses in Wien-Donaustadt steht ein Putzwagen mit Wassereimer und Wischmopp. Der Boden ist bereits gekehrt und nass aufgewischt, nun geht es an die Feinarbeit. Herr P. muss alle Fensterbretter abwischen und dann die Stiegengeländer, Stockwerk um Stockwerk vom Keller bis zur sechsten Etage. Herr P. will weder seinen Namen noch sein Foto in einer Zeitung sehen, denn, das betont er mehrmals, er ist sehr froh, dass er diese Arbeit hat.

Vor sechs Jahren sei er aus Polen nach Österreich gekommen, erzählt der 31-Jährige. Dort habe er nur Gelegenheitsjobs gehabt, wie etwa als Pizzabote. Zunächst war er dann in Wien als Bauhelfer tätig. Eine schwere Arbeit sei das gewesen, erzählt er in gebrochenem Deutsch. Sehr viel schleppen habe er da müssen, und das meist im Freien. Seit fünf Jahren arbeitet er nun für eine Reinigungsfirma, die vor allem Wohnhäuser sauber hält. Diese Arbeit sei viel besser, meint Herr P.

Aber ja, leicht sei die Arbeit dennoch nicht. Um dieses Haus zu reinigen, darf er nicht länger als dreieinhalb, maximal vier Stunden brauchen. Danach ist das Nachbarhaus an der Reihe: Es ist ebenfalls ein großes Haus mit über 40 Parteien. Herr P. putzt jeden Tag woanders, „manchmal bin ich in drei Häusern, manchmal mache ich vier, wenn sie kleiner sind“. Herr P. arbeitet Vollzeit, für 40 Stunden in der Woche ist er angestellt. Auf seinem Konto landen dann im Monat rund 1.400 Euro netto. Damit ist er sehr zufrieden.

Zwei Drittel sind Frauen

Mit seiner Vollzeitstelle fällt Herr P. in der Reinigungsbranche aus dem Rahmen – oder auch nicht. Denn laut einer eben erschienenen Studie der Soziologin Bettina Stadler für die Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) ist der Anteil an Teilzeitbeschäftigten in dieser Branche besonders hoch – allerdings vorrangig bei Frauen. Sie arbeiten zu 62 Prozent nicht Vollzeit. Gleichzeitig ist der Frauenanteil in diesem Arbeitsfeld sehr hoch: In der Reinigung arbeiten zu 67 Prozent Frauen, nur ein Drittel sind Männer. Von den Männern sind allerdings nur 15 Prozent unter 36 Stunden pro Woche im Dienst der Sauberkeit unterwegs.

Man kann sich seinen Tag
nicht einteilen und hat auch
nicht wirklich Freizeit. 

Karin Sardadvar, Institut für Soziologie und Empirische Sozialforschung WU Wien

Und insofern ist Herr P. dann doch nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Auch sein Migrationshintergrund ist typisch für die Branche. Nur 32 Prozent der hier beschäftigten Frauen und 51 Prozent der Männer wurden in Österreich geboren, so Stadler, die sich dabei auf Angaben der Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung aus dem Jahr 2019 bezieht. Demnach sind rund 75.900 Personen in der Reinigung beschäftigt, wobei Stadler hier auch die Beschäftigten in Hausmeisterdiensten miteinrechnet.

Seit 26 Jahren ist Annette Ernst Reinigungskraft, seit Corona hat sie noch mehr Arbeit: wegen des ständigen Desinfizierens.

Hohe Dunkelziffer

Monika Rosensteiner ist die Vorsitzende des Bereiches Gebäudemanagement in der Verkehrs- und Dienstleistungsgewerkschaft vida. Ziehe man die Hausmeisterdienste ab, gebe es österreichweit an die 45.000 Reinigungskräfte, die offiziell, also angemeldet, arbeiten. Gerade im Reinigungsbereich ist die Dunkelziffer der undokumentiert Arbeitenden hoch, sie sind vor allem in Privathaushalten tätig. Ihre Zahl auch nur schätzen könne sie nicht, sagt die vida-Vertreterin. „Das kann man ja gar nicht kontrollieren.“ Aber ja, natürlich ist jede Fixanstellung mehr wünschenswert.

Jene, die zumeist als Arbeiter oder Arbeiterin und seltener als Angestellte beschäftigt werden, sind zumindest einigermaßen sozial abgesichert. Insgesamt leben allerdings viele der Betroffenen vor allem aufgrund der weit verbreiteten Teilzeitbeschäftigung prekär. Wie Stadler in ihrer Studie dokumentiert, verdienen Beschäftigte in der Reinigung monatlich netto 1.400 Euro (inklusive anteiligem Urlaubs- und Weihnachtsgeld), wobei Frauen im Schnitt auf 1.200 Euro und Männer auf 1.800 Euro kommen. Allerdings verdient ein Viertel der Frauen 700 Euro oder weniger und ein weiteres Viertel zwischen 700 Euro und 1.200 Euro. Nur ein Viertel der als Reinigungskräfte beschäftigten Frauen erhält mehr als 1.500 Euro im Monat.

Rosensteiner sieht mehrere Ursachen für die sehr niedrige Entlohnung. Einerseits gebe es in der Branche noch immer einen Stundenlohn, das habe den Beigeschmack von Tagelöhnerei und zeige eine niedrige Wertschätzung. Dieser beginnt bei 9,38 Euro. Die bekommt man in der Unterhaltsreinigung, das beinhaltet etwa das Saugen und Staubwischen in Büros. Es gibt in der Reinigung aber auch einen Lehrberuf – den Gebäudetechniker. Mit dieser Ausbildung beträgt der Stundensatz 11,74 Euro, sagt Rosensteiner. Nur wenige Personen hätten aber einen solchen Abschluss. Das Gros der hier Arbeitenden ist ungelernt, es ist, wie auch Stadler unterstreicht, vor allem für Menschen mit Migrationshintergrund die Einstiegsbranche in den österreichischen Arbeitsmarkt.

Preisdruck und Arbeitsverdichtung

Einen weiteren Grund für die niedrige Bezahlung ortet Rosensteiner im Preiskampf der Branche. Immer weniger Reinigungskräfte seien fix in einer Firma angestellt, das Gros ist für Reinigungsfirmen tätig. Von denen gebe es Hunderte, viele davon sehr klein und oft Familienbetriebe. Betriebsräte und damit eine gute Vertretung der Arbeitnehmer*inneninteressen gebe es nur in den zehn bis zwölf großen Reinigungsfirmen in der Branche, so die vida-Vertreterin. Grundsätzlich würden Verträge mit Reinigungsfirmen aber immer nur auf Zeit abgeschlossen, und jede neue Ausschreibung eines Reinigungsauftrags erhöhe den Preisdruck.

„Und immer bekommt der Billigstbieter den Zuschlag“, kritisiert Rosensteiner. Das bedeute für die Betroffenen zusätzlich auch eine immer stärker zunehmende Arbeitsverdichtung. Zudem müssten immer mehr Personen zwei Stunden da und eine halbe Stunde dort arbeiten. Wenn ein Auftraggeber eine Reinigungskraft nur für zwei Stunden in der Woche anfordere, dann bedeute das für die Arbeitnehmer*innen oft, an einem Tag von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz zu fahren. Immerhin habe hier die vida erreichen können, dass der Weg zwischen diesen Einsatzorten nun zur Arbeitszeit zählt.

Was ihr auch sauer aufstößt: die oftmalige Unsichtbarkeit von Reinigungskräften. Diese kritisiert auch Karin Sardadvar vom Institut für Soziologie und Empirische Sozialforschung an der Wirtschaftsuniversität Wien in ihrer Arbeit „Ausgelagert und unsichtbar: Arbeitsbedingungen in der Reinigungsbranche“, basierend auf dem Forschungsprojekt SPLITWORK. Sowohl privatwirtschaftliche als auch öffentliche Arbeitgeber seien in den vergangenen Jahrzehnten vermehrt dazu übergegangen, Reinigungstätigkeiten außerhalb der Kernarbeitszeiten durchführen zu lassen.

„Es ist üblich, dass eine Reinigungskraft von 6 bis 8 Uhr und dann erst wieder von 17 bis 20 Uhr arbeitet“, sagt die Wissenschafterin. In der Praxis bedeute das für die Betroffenen einen vollgepackten Tag, aber nur wenige bezahlte Stunden, schildert Rosenberger. Es erhöhen sich die Wegzeiten, und die Stunden dazwischen würden oft mit Hausarbeit und Kinderbetreuung verbracht. „Man kann sich seinen Tag nicht einteilen und hat auch nicht wirklich Freizeit.“

Sardadvar sieht in diesem Abdrängen von Reinigung in Tagesrandzeiten auch einen Mitgrund für den hohen Anteil an Teilzeitarbeit. „Wir müssen bei den Arbeitszeiten ansetzen, um die Teilzeitproblematik zu verändern“, betont sie und verweist auf mittlerweile andere Usancen in Skandinavien. In Norwegen beispielsweise sei ein weitreichender Übergang zur Tagreinigung gelungen, sagt die Expertin.

Wenn die Reinigungskräfte zudem Büros dann putzen, wenn auch die dort Arbeitenden an ihren Schreibtischen sitzen, erhöhe das die Wertschätzung für diese Art von Arbeit. Die Sorge vieler Firmen, der normale Arbeitsbetrieb würde durch die Arbeit des Reinigungspersonals gestört, stimme in der Realität gar nicht. Ein Büro zu saugen, abzustauben und den Mistkübel auszuleeren, dauere oft nur einige Minuten, währenddessen könne der oder die in diesem Raum Arbeitende sich einen Kaffee holen oder eine ohnehin anstehende Besprechung wahrnehmen.

Zuerst die Toiletten

Yasemin Özdemir ist sehr froh, dass sie untertags arbeiten kann. Seit neun Jahren ist sie für eine Reinigungsfirma tätig, die österreichweit für die Reinigung in einigen Spitälern verantwortlich ist. Zu Beginn war sie als Springerin in einem Krankenhaus in Niederösterreich tätig. Das sei im Rückblick schwierig gewesen, erzählt sie. Jeden Tag habe sie in einer anderen Abteilung sauber machen müssen. Seit rund sieben Jahren arbeitet sie jeden Tag auf derselben Station. „Normalerweise beginnt mein Dienst um sieben Uhr und endet um 13 Uhr.“ Vier von diesen sechs Stunden ist sie auf immer derselben Station eingesetzt. „Wenn ich in der Früh komme, beginne ich mit den Toiletten.“ Danach reinige sie die Ärzte- und Schwesternzimmer, schließlich noch einmal die Toiletten. In den restlichen zwei Stunden reinige sie an einem Tag die Kapelle, am anderen das Büro des spitalsinternen Mistplatzes. Zudem habe sie jedes zweite Wochenende Dienst.

Özdemir spricht wie auch Herr P. nicht perfekt Deutsch, sie kann sich aber gut verständigen. Sie arbeitet 30 Stunden in der Woche und gehört zu jenen, die dies freiwillig tun, um auch genügend Zeit für ihre inzwischen zwölfjährige Tochter zu haben. In einem normalen Monat landen 1.150 Euro netto auf ihrem Konto, kommen einmal etwas mehr Sonntagsstunden zusammen, können es auch 1.350 Euro netto sein. „Fixplatz und Teilzeit, das passt für mich“, sagt sie. Springerin wolle sie aber nie wieder sein – und auch Früh-, Spät- und Nachtdienste möchte sie nicht mehr machen. „So ist es besser, mit Kind.“

Yasemin Özdemir arbeitet heute in einem niederösterreichischen Spital. Angefangen hatte sie vor neun Jahren noch als Springerin – das will sie aber nie wieder sein.

Seltener Fall: direkt angestellt

Annette Ernst gehört zu jenen nur mehr wenigen Reinigungskräften, die direkt im Betrieb, den sie sauber hält, angestellt ist – und das bereits seit 26 Jahren. Sie weiß dieses Privileg durchaus zu schätzen – „ich habe nur eine Anlaufstelle, muss nicht von einem Arbeitsplatz zum anderen fahren.“ Sie ist Vollzeit angestellt, ihr Dienst beginnt jeweils um acht Uhr, dann beginnt sie mit ihrer täglichen Routine, reinigt das Büro einer Bildungseinrichtung, dann den Gang, die WC-Anlagen, schließlich den großen Saal, danach die kleineren Kursräume. Wenn es Veranstaltungen gebe, habe sie auch einmal Abend- oder Wochenenddienst, „aber da helfe ich gerne, arbeite mit beim Umstellen, mache danach sauber“. Das Wichtigste sei, dass die Arbeit Spaß mache, sagt Ernst. Und das sei bei ihr der Fall. Auch das Gehalt stimme. Knapp 1.800 Euro netto verdient sie nun, nur während der Corona-bedingten Kurzarbeit seien es rund 270 Euro weniger gewesen.

Stichwort Corona: Die Pandemie hat sowohl Ernst als auch Özdemir mehr Arbeit beschert. Es werde nun viel mehr desinfiziert. Wenn an der Dienststelle von Annette Ernst zum Beispiel wieder einmal Prüfungen abgehalten werden, muss sie sofort jeden Tisch und Sessel und die Toiletten säubern. Ernst ist sich dabei aber auch ihrer wichtigen Aufgabe bewusst. „Da ist die Putzfrau ja wichtig, da muss man schauen, dass es funktioniert.“

Als Ernst vor 26 Jahren in diesem Job begonnen hatte – damals noch in Teilzeit, denn da war ihr Sohn noch klein, ihre Tochter noch gar nicht geboren –, gab es ein Team von einer Vollzeit- und vier Halbtagskräften in der Reinigung. Inzwischen arbeite sie Vollzeit und ab und zu komme noch eine Springerin zur Verstärkung. Ja, eine Arbeitsverdichtung habe da schon stattgefunden – andererseits habe sie nun eine Maschine für die nasse Bodenreinigung und müsse nicht mehr alles von Hand wischen. Und sie sagt: „Heute ist es auch sauber. Aber früher hast du vom Boden essen können.“

Raus aus der Armutsgefahr

Gäbe es mehr Stellen wie die von Annette Ernst, wären Reinigungskräfte insgesamt sichtbarer und nicht derart oft von Armut betroffen, wie dies heute der Fall ist. Wer zwar viele Jahre, aber immer nur wenige Stunden arbeitet, wird auch in der Pension noch prekär leben. „Viele landen dann dort, wo sie im Bereich der Ausgleichszulage sind“, sagt Rosensteiner. „Wenn ich Vollzeit arbeite, kann ich mehr Ansprüche erwerben, als wenn ich nur zehn oder 15 Stunden pro Woche angemeldet bin.“

Über den/die Autor*in

Alexia Weiss

Alexia Weiss, geboren 1971 in Wien, Journalistin und Autorin. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig, u.a. als Redakteurin der Austria Presse Agentur. Ab 2007 freie Journalistin. Aktuell schreibt sie für das jüdische Magazin WINA, für gewerkschaftliche Medien wie die KOMPETENZ der GPA-djp und sie bloggt wöchentlich zum Thema „Jüdisch leben“ auf der Wiener Zeitung. 2021 erschien ihr bisher letztes Buch "Jude ist kein Schimpfwort" (Verlag Kremayr & Scheriau).