Reportage: Fokus PatientInnenwohl

Fotos (C) Michael Mazohl
Kranke Menschen pflegen, einiges an Stress und viel Papierkram: Das gehört zum Alltag als Krankenschwester. Wie geht man damit um und was zählt beim Job? Udo Seelhofer und Sandra Knopp haben Einblick in den Arbeitsalltag in einem Hospiz und in einem Spital bekommen.

Inhalt

  1. Seite 1 - Im CS Hospiz Rennweg
  2. Seite 2 - Im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder
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Der Raum ist sonnendurchflutet, die Einrichtung hell und freundlich. „Es gefällt mir hier sehr gut, es gibt Hotelzimmer, die schlechter sind“, sagt Rudolf Lindner. Seit einigen Tagen wohnt er im CS Hospiz Rennweg in Wien. Zuvor war er in einem großen Krankenhaus, dort hat der 58-Jährige schlechte Erfahrungen gemacht. „Ich kann nicht aufstehen und muss deshalb eine Windel tragen.“ Oft sei diese im Krankenhaus nicht gewechselt worden. „Wenn man Pech hat, liegt man die ganze Nacht in den eigenen Exkrementen.“ Das Zimmer war für drei Personen eng, eine Nacht durchzuschlafen fast unmöglich. Die Zimmertür stand ständig offen, das Fenster wurde aufgerissen oder die Maschinen der anderen Patienten surrten.

Ich kriege sogar ein weiches Ei zum Frühstück, das ist herrlich.

Bewohner Rudolf Lindner im CS Hospiz Rennweg

Verglichen damit, sei der Aufenthalt im Hospiz echter Luxus. „Ich kriege sogar ein weiches Ei zum Frühstück, das ist herrlich.“ Im Krankenhaus könne man davon nur träumen. „Es gab nur abgepackte Wurst und Käse. Du musstest ihnen jedes Mal rechtzeitig sagen, dass sie dir das Packerl aufschneiden, wenn du keine Kraft dazu hast, sonst waren sie zur Türe draußen.“ An einen Vorfall erinnert er sich gut: „Ich habe versucht aufzustehen, bin gestürzt und habe mir wehgetan.“ Das Personal hat ihn wieder ins Bett gepackt und ihm die Schuld gegeben. „Dabei wurde ich in dieser Nacht so mit Schmerzmitteln vollgestopft, dass ich nicht mehr gewusst habe, was ich mache.“ Im Hospiz sei das anders. „Hier bist du wieder Mensch“, betont Lindner.

Patienten dort abholen, „wo er gerade ist“

Cornelia Riedel arbeitet seit einem Jahr als diplomierte Krankenschwester im Hospiz. Davor war sie 15 Jahre lang in Spitälern tätig. „In der Früh ist Übergabe, und man hat vier PatientInnen, um die man sich kümmert.“ Der Tag wird auf die PatientInnen und ihre Bedürfnisse abgestimmt. „Eine der größten Herausforderungen ist es, den Patienten dort abzuholen, wo er in der Verarbeitung seiner Krankheit gerade ist: Hat er es akzeptiert? Hat er sich schon mit dem Sterben beschäftigt?“ Bei manchen sei es einfach und schön, sie zu begleiten, bei anderen problematischer. Sie meint damit etwa die Begleitung von jüngeren Menschen. Letztes Jahr hat Riedel eine 35-Jährige begleitet. „Die hängen natürlich am Leben und haben noch Hoffnung, dass sie vielleicht doch noch gesunden. Aber man sieht, dass es dem Ende zugeht.“ Die Krankenschwester will PatientInnen so begleiten, dass ihnen zwar nicht die Illusion geraubt wird, aber sie merken, was geht und was nicht. Das geht einem nahe. „Ich kenne kaum jemanden, der keine Emotion zeigt, wenn eine Patientin oder ein Patient stirbt.“ Das Begleiten und Beraten mache ihr die meiste Freude: „Man ist intensiv mit den PatientInnen zusammen, vom ersten Augenblick an. Das ist anders als auf einer großen Station im Spital. Was macht ihr keinen Spaß? „Der Papierkram“, lacht sie.

Foto von Tablettenboxen
Ich habe versucht aufzustehen, bin gestürzt und habe mir wehgetan.“ Das Personal hat ihn wieder ins Bett gepackt und ihm die Schuld gegeben. „Dabei wurde ich in dieser Nacht so mit Schmerzmitteln vollgestopft, dass ich nicht mehr gewusst habe, was ich mache.“ Im Hospiz sei das anders. „Hier bist du wieder Mensch“, betont Lindner.

Der Stresslevel ist für Riedel zwar niedriger als im Spital, steigt aber von Zeit zu Zeit, ebenso wie die emotionale Belastung. Wie geht sie damit um? „Wir haben viele Supervisionen und Rückhalt von Ärzten und der Leitung.“ Viele ihrer KollegInnen in Krankenhäusern stünden ständig unter hohem Stress, bedingt durch zu wenig Personal und viele Überstunden. „Ich fühle mich hier wohler und denke zum ersten Mal, dass ich länger bleiben könnte.“ Die Krankenschwester ist sowohl im Hospiz als auch im mobilen Bereich tätigalso bei den PatientInnen zu Hause. Auch dort werden täglich zwei bis vier PatientInnen betreut. Pro PatientIn hat Riedel im Schnitt zwischen 45 und 90 Minuten Zeit. „Wenn ich bei einem Patienten oder einer Patientin länger brauche, dann frage ich, ob eine Kollegin Zeit hat.“ Bei den Besuchen kontrolliert sie Schmerzpumpen, wechselt Nadeln und redet viel mit PatientInnen und deren Angehörigen. Eine gute Krankenschwester sollte für sie Einfühlungsvermögen, Respekt und breitgefächertes Wissen mitbringen. „Und flexibel sollte man sein.“

Frühstück auf Bestellung

Rudolf Lindner ist glücklich, dass er seinen Tagesablauf im Hospiz selbstbestimmt gestalten kann: „Wenn ich aufwache, bestelle ich mir mein Frühstück“, sagt er lächelnd. Nach einer Verschnaufpause kommt der Physiotherapeut zu ihm. „Der übt mit mir, wieder zu gehen. Ich bin über zwei Monate gelegen und habe meine komplette Kraft verloren.“ Wichtig ist Lindner Hygiene. Im Krankenhaus habe man ihn nur ein einziges Mal auf einen Leibstuhl gesetzt, damit er selbst duschen konnte. „Jetzt kann ich zum ersten Mal seit Langem wieder richtig baden. Mit Ölen! Und das jeden Tag.“ Drei Monate war Lindner im Krankenhaus, bevor er ins Hospiz kam. Seine Rückenbeschwerden waren immer schlimmer geworden, kurz vor Weihnachten 2018 musste er ins Spital. „Bei der Untersuchung fanden sie heraus, dass ich Leberkrebs habe.“ Erst zwei Monate später wurde klar, dass auch ein gebrochener Rückenwirbel die Schmerzen verursachte. Bei den Pflegekräften im Hospiz möchte Lindner sich bedanken, „dass sie so freundlich sind. Wenn man läutet, kommt immer wer. Man muss nicht ewig warten.“

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Über den/die AutorIn

Sandra Knopp und Udo Seelhofer

Sandra Knopp und Udo Seelhofer

Sandra Knopp ist freie Journalistin für verschiedene Radio und Printmedien, und hat die Themen Arbeitsmarkt, Soziales und Gesellschaftspolitik als Schwerpunkte. Udo Seelhofer war früher Lehrer und arbeitet seit 2012 als freier Journalist. Seine Schwerpunkte sind Gesellschaft, soziale Themen und Religion. Im Team wurden sie beim Journalismuspreis „Von unten“ 2017 für ihre Arbeit&Wirtschaft Reportage „Im Schatten der Armut“ ausgezeichnet.