Niemand pfuscht mir in mein Reich

Foto (C) Foltin Jindrich/WirtschaftsBlatt/picturedesk.com
Betriebsräte nützen der gesamten Firma und gehören zu einer modernen Personalführung. Trotzdem gibt es einige Unternehmen, die sich gegen sie wehren.

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  1. Seite 1 - Patriarchen an der Macht
  2. Seite 2 - Beeindruckende Erfolge
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Nach ihrer Karenz suchte Özlem Bakiray einen Job in einem Geschäft, das möglichst nahe zu ihrer Wohnung liegt. „Kurze Wege sind für mich als Alleinerzieherin besonders wichtig“, erklärt sie. Die ausgebildete Kosmetikerin freute sich über einen Arbeitsplatz in einer Filiale der Drogeriekette Müller. Mit den neuen KollegInnen kam Bakiray schnell in Kontakt: „Da haben wir uns auch bald über Dinge, die im Betriebsalltag passieren, ausgetauscht.“ Nach einiger Zeit drängten sich immer mehr Fragen auf: Manche MitarbeiterInnen wussten etwa nicht, wie sie laut Kollektivvertrag überhaupt eingestuft sind, und auch der Umgang mit den Zeitkonten war unklar. Ein Sprachrohr für die Belegschaft sollte gefunden werden, die Gründung eines Betriebsrates lag nahe. Özlem Bakiray fragte ihre KollegInnen, ob sie bereit wären, sich in einem Betriebsrat zu engagieren. „Die meisten haben mir auch signalisiert, mich zu unterstützen, wenn ich mich als Betriebsrätin bewerbe.“

Doch bereits einige Tage später wurde Bakiray in das Büro der Filialleiterin zitiert und dort zur Rede gestellt. Die Vorgesetzte informierte sie, dass Bemühungen zur Gründung eines Betriebsrates ohnehin nutzlos wären, denn einen solchen gäbe es längst. Erst nach Bakirays Einwand, sich zuvor erkundigt zu haben und zu wissen, dass es in ganz Österreich keinen Betriebsrat bei Müller gäbe, machte die Filialleiterin klar: „Das Unternehmen wünscht keinen Betriebsrat!“ Nach dieser Unterredung durfte Bakiray das Büro verlassen und sich weiter ihrer Arbeit widmen. Die engagierte Müller-Angestellte ließ sich nicht einschüchtern, wandte sich an die GPA-djp und bat um Hilfe, wie zum Beispiel Vermittlung. Daraufhin folgte ein Treffen zwischen GewerkschaftsvertreterInnen und der Verkaufsleitung. „Die Gespräche sind freundlich verlaufen, aber es wurde kein Hehl daraus gemacht, dass für Firmenchef Erwin Müller ein Betriebsrat nicht infrage kommt“, beschreibt Barbara Teiber, Wiener GPA-djp-Geschäftsführerin, das Gesprächsklima.

Patriarchen an der Macht

Ähnlich der Drogeriekette Müller gibt es einige Unternehmen, die sich sprichwörtlich mit Händen und Füßen gegen die Gründung eines Betriebsrates wehren. Auffallend ist auch, dass viele dieser Firmen Familienunternehmen sind und von patriarchalisch agierenden – und meist nicht mehr ganz jungen – Chefs geleitet werden. Exemplarisch dafür steht Erwin Müller, Ähnliches galt für Anton Schlecker und Karlheinz Essl senior, deren Unternehmen inzwischen nicht mehr existieren und deren ehemalige MitarbeiterInnen keinen Betriebsrat gründen durften. „An der Geschäftstüre beginnt mein Reich und niemand darf mir dabei dazwischenfunken“, beschreibt Teiber das Firmen- und Verhandlungsklima in solchen Betrieben.

Ähnlich agierte im Frühjahr 2016 Red-Bull-Milliardär Dietrich Mateschitz. In seinem Unternehmen Servus TV soll eine Doodle-Umfrage zirkuliert sein, die auszuloten versuchte, ob es innerhalb der Belegschaft eine Mehrheit für die Gründung eines Betriebsrats gäbe. Allein dieser Umstand habe Mateschitz schon derart erzürnt, dass er kurzerhand beschloss, den Sender aufzulassen. Etwa 260 Arbeitsplätze wären davon betroffen gewesen. In einem offenen Brief sprachen sich daraufhin mehr als 200 MitarbeiterInnen gegen die Gründung eines Betriebsrates aus und unterzeichneten diesen Kniefall vor dem Patriarchen. „Die anonyme Umfrage über die mögliche Gründung eines Betriebsrates unterstützen wir – und das ist die überwältigende Mehrheit aller Mitarbeiter von Servus TV – ausdrücklich nicht“, stand in dieser Erklärung unter anderem zu lesen. Der Patriarch wurde milde und führt nun den Sender weiter.

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