Nicht zuletzt: Pech, Marie? Pech, Ali?

Kommentar von Rudi Kaske, Präsident der AK Wien und der Bundesarbeitskammer
Portrait von Rudi Kaske
Foto (C) Sebastian Philipp
Marie kommt aus bescheidenen Verhältnissen. Als ungeliebtes Stiefkind wächst sie bei der Tante auf, ihre Startchancen sind wesentlich schlechter als jene der verhätschelten Schwester. Doch dann kommt Frau Holle: Sie fördert das Mädchen, sie macht es zur „Goldmarie“.

So ist es im Märchen. Im „echten“ Leben läuft es nicht ganz so. Ein wesentliches Ziel unseres Sozialstaates ist es aber, Chancengleichheit herzustellen und einen sozialen Ausgleich zu schaffen. Die Sozialpartner, allen voran AK und ÖGB, sind hier aktiv beteiligt: Denken wir etwa an das Modell des Chancenindex, das die AK entwickelt hat und das von der Vorgängerregierung in ersten Ansätzen umgesetzt wurde. Es besagt, dass Schulen mit Kindern, die schwierigere Startchancen im Leben haben, mehr Mittel erhalten sollen als jene Schulen, in denen Kinder aus AkademikerInnen-Haushalten überwiegen. Auf diese Weise lassen sich schlechtere Startchancen, die Marie, Ali und anderen Kindern in die Wiege gelegt werden, zumindest teilweise ausgleichen.

Starke ArbeitnehmerInnenbewegung

Durch unser System der gesetzlichen Interessenvertretungen wird auf mehreren Ebenen ein Ausgleich erzielt. Innerhalb der Unternehmerschaft sorgt die Wirtschaftskammer dafür, dass nicht nur einige wenige finanzstarke Industrielle das Sagen haben. Die Zugehörigkeit aller ArbeitgeberInnen zur Wirtschaftskammer garantiert zudem, dass sich jeder Betrieb an den Kollektivvertrag seiner Branche halten muss. Keiner kann sagen: Ich zahle weniger. Dass die Beschäftigten in Österreich über eine starke ArbeitnehmerInnenbewegung verfügen, ist ebenfalls zu einem wesentlichen Teil der gesetzlichen Mitgliedschaft zu verdanken. Denn ihre umfassenden Aufgaben können die Arbeiterkammern nur deshalb erbringen, weil sie dafür von den Beschäftigten die nötigen Mittel erhalten.

Kleiner Beitrag – große Wirkung

Für die/den Einzelne/n ist die AK-Umlage ein kleiner Beitrag – in der Gesamtheit erzielen wir damit eine große Wirkung: Die AK bildet gemeinsam mit den Gewerkschaften und den Betriebsräten einen starken Schutzschirm für die ArbeitnehmerInnen. Diese Stärke ist unseren Gegnern ein Dorn im Auge. Egal wie serviceorientiert wir arbeiten, diese Gegner werden immer darauf drängen, der AK Mittel zu entziehen. Denn in Wahrheit wollen sie die AK schwächen, weil sie die ArbeitnehmerInnen und ihre Rechte abräumen wollen. Genau diesen Aspekt gilt es aufzuzeigen.

Deshalb haben AK und ÖGB die Mitgliederinitiative „Wie soll Arbeit?“ gestartet. Wir fragen die Beschäftigten, was sie zum Beispiel vom generellen Zwölfstundentag und der 60-Stunden-Woche halten. Schließlich ist dies eine zentrale Forderung, die die neoliberalen Kräfte durchsetzen wollen und zu der sich offenbar auch die neue Regierung bekennt. Auch die anderen Fragen, die wir stellen, sind brandaktuell – etwa jene, ob Lohn- und Sozialdumping stärker bekämpft und mehr für leistbares Wohnen getan werden soll.

Wir wollen im Rahmen von „Wie soll Arbeit?“ aber auch wissen, wie zufrieden die ArbeitnehmerInnen mit unseren Leistungen sind und inwieweit sie hier Veränderungsbedarf sehen. In ihrem Programm hat die Regierung an die Kammern eine Art „Ultimatum“ gerichtet: Bis Ende Juni wird von uns ein Effizienz- und Einsparungskonzept verlangt. Wir fragen unsere Mitglieder, denn nur ihnen sind wir verpflichtet: Wollen sie eine Schwächung der AK? Oder sollen die Maries, die Alis, soll die Bevölkerung nicht doch auch zukünftig auf eine starke AK und den Sozialstaat, wie wir ihn kennen und schätzen, bauen?

Mitmachen stärkt. Denn aus den Ergebnissen von „Wie soll Arbeit?“ formulieren AK und ÖGB bis Ende Juni ein Aktionsprogramm.

Mehr unter: www.wie-soll-arbeit.at

Von
Rudi Kaske,
Präsident der AK Wien und der Bundesarbeitskammer

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 3/18.

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