„Man darf nicht aufhören“

Irmgard Schmidleithner hält eine Rede. Die ÖGB-Frauenvorsitzende erhielt den Käthe-Leichter-Lebenswerk-Preis.
Frau mit Stärke: Irmgard Schmidleithner setzte sich für jene ein, die selbst keine Stimme hatten. | © Tögl/ÖGB-Archiv
Von ganz unten nach ganz oben: Am 19.12.22 wurde die ehemalige ÖGB-Frauenvorsitzende, Irmgard Schmidleithner, mit dem Käthe-Leichter-Lebenswerkpreis ausgezeichnet. Das Lebenswerk einer Frau mit Durchhaltevermögen.

Alles begann im Oberösterreich der Nachkriegsjahre: Geboren 1948 kümmert sich Schmidleithner als ältestes Kind einer Arbeiter:innenfamilie aufopferungsvoll um ihre kleineren Geschwister. Sich für andere einzusetzen – für Irmgard Schmidleithner bereits in jungen Jahren eine Selbstverständlichkeit. Sie selbst bekommt hingegen nichts geschenkt. Nach der Tätigkeit in einem Metallbetrieb besucht sie die Gewerkschaftsschule und belegt Fortbildungskurse. Ihre kaufmännische Ausbildung absolviert sie im zweiten Bildungsweg – selbst finanziert. „Ich habe gelernt, dass die Männer uns nichts freiwillig geben“, wird sie im Jahr 1994 sagen.

Irmgard Schmidleithners Lebenswerk: Es muss sich etwas ändern

1980 wird Irmgard Schmidleithner zur ÖGB-Landesfrauenvorsitzenden in Oberösterreich gewählt, nach der Berufsreifeprüfung beginnt sie ein Studium der Soziologie an der Uni Linz. Die Weiterbildung für Frauen – für Schmidleithner der Grundstein für die ökonomische Unabhängigkeit von Frauen. 1988 dann der große Umbruch. Schmidleithner wird Leiterin des Wiener Referats „Bildung – Freizeit – Kultur“. Damit aber nicht genug, denn Schmidleithner wird zur Vorsitzenden der ÖGB-Frauen und zur Vizepräsidentin des ÖGB gewählt. Frauentagveranstaltungen, Arbeitnehmerinnentagungen und die Erarbeitung des Forderungskatalogs zur Nachtarbeit – ihre politische Arbeit soll die Arbeitsrealität von Frauen in Österreich verändern.

Porträt von Irmgard Schmidleithner.
Irmgard Schmidleithner: Bekannt für ihr Durchhaltevermögen. | © ÖGB-Archiv

Durch ihre Arbeit als Lohnbuchhalterin weiß Schmidleithner zudem, dass es um das Einkommen von Frauen schlecht bestellt, ist: „Ich habe bemerkt, dass sich Frauen schlechter verkaufen, viel seltener Gehaltserhöhungen verlangen als Männer“, sagte sie 1994. Klingt wie eine Geschichte aus vergangenen Jahrzehnten? Der aktuelle Einkommensbericht des Rechnungshofs offenbart, dass der Gender-Pay-Gap besonders bei Arbeiter:innen groß ist. Während Frauen 13.434 Euro verdienen, liegt das mittlere Jahreseinkommen bei den Männern bei 30.000 Euro. „Österreich ist auf EU-Ebene traditionell gemeinsam mit Estland und Lettland Schlusslicht beim Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern“, erklärt ÖGB-Vizepräsidentin und Bundesfrauenvorsitzende Korinna Schumann.

Gleiches Recht nur bei gleicher Behandlung

Im Dezember 1990 kommt plötzlich alles anders. Das ungleiche Pensionsalter von Frauen und Männer wird als verfassungswidrig erklärt, die ÖGB-Frauen und Frauenministerin Johanna Dohnal protestieren. Irmgard Schmidleithner dazu: „Unsere Forderung war klar: Ohne komplette Gleichbehandlung darf es keine Anhebung des Frauenpensionsantrittsalters geben.“ Eine Lösung muss her. Ein Forderungskatalog listet alle relevanten Gesetze mit frauendiskriminierenden Passagen auf, erst bei Erfüllung der Forderungen soll das Pensionsalter angeglichen werden. Die Methode trägt Früchte, 1993 tritt der Gleichbehandlungspakt in Kraft.

Ich habe bemerkt, dass sich Frauen schlechter verkaufen, viel seltener Gehaltserhöhungen verlangen als Männer.

Irmgard Schmidleithner, ehemalige ÖGB-Frauenvorsitzende

Der Nationalrat verabschiedet außerdem 15 Gesetzesnovellen, die die Gleichstellung der Frauen antreiben sollten. Novellen, die selbst 2022 noch Thema sind: Rechtsanspruch auf Gratiskindergarten ab dem 1. Lebensjahr, Anrechnung von Kindererziehungszeiten von bis zu acht Jahren auf die Pensionszeit und gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit sind noch heute mehr Utopie als Realität.

„Alles, was Recht ist!“

1997 kommt der nächste politische Höhepunkt: Schmidleithner engagiert sich gemeinsam mit den SPÖ-Frauen und den ÖVP-Frauen für das Frauenvolksbegehren „Alles, was Recht ist!“. Frauen sollen in Unternehmen mehr repräsentiert werden, gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit erhalten, geringfügige Arbeit soll arbeits- und sozialrechtlich der vollen Erwerbsarbeit gleichgestellt, Beruf und Kinder sollen endlich vereinbar werden. Problemfelder, die noch das zweite Frauenvolksbegehren 2018 beschäftigen werden.

1999 muss Schmidleithner aus gesundheitlichen Gründen kürzertreten. Doch der Kampf für jene, die oft keine Stimme haben, bleibt. Sie initiiert weiterhin Podiumsdiskussionen, setzt sich für Flüchtlinge ein und ist Gründungsmitglied des Mauthausenkomitees Neuhofen, um an die Opfer des 2. Weltkriegs und ihre Schicksale in österreichischen KZs zu erinnern.

Irmgard + Käthe

Mit der Namensgeberin des ihr verliehenen Käthe-Leichter-Preis hat Schmidleithner viel gemein. Käthe Leichter, Widerstandskämpferin, Sozialistin, Sozialwissenschaftlerin und erste Leiterin des 1925 errichteten Frauenreferats der AK, kämpft zeit ihres Lebens gegen Ungerechtigkeiten. Leichter kritisiert die „bürgerliche Ideologie, (die von) einer durch den freien Wettbewerb hergestellten Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern faselt“ und Frauen in den Haushalt verbannt. Besonders Leichters Studie zu Erwerbsarbeit, Hausarbeit und Freizeit von Industriearbeiterinnen (1932) ist Fundament für die spätere Forschung zu weiblicher Arbeit. So wird darin eine Arbeiterin mit den Worten „für Frauen ist zu Hause nur Schichtwechsel“ zitiert – selbst im Jahr 2022 kein unrealistisches Statement.

1934 kommt es zum Bruch in Leichters Leben. Sie wird von der Arbeiterkammer, die bereits dem austrofaschistischen Regime untersteht, entlassen. Ihren politischen Aktivismus führt sie allerdings weiter, was ihr schließlich das Leben kostet. Leichter wird ins KZ Ravensbrück deportiert und 1942 von den Nazis ermordet. Frauenministerin Johanna Dohnal initiierte 1991 einen Staatspreis, um an die Widerstandskämpferin zu erinnern.

Damit soll entsprechend der schwarz-grünen Regierung nun Schluss sein. Der Staatspreis wurde 2022 von Frauenministerin Susanne Raab (ÖVP) nicht nur in „Österreichischer Staatspreis für Frauen“ umbenannt, sondern soll ebenfalls eine inhaltliche Neuausrichtung erfahren. Wenngleich die Unterkategorie des Staatspreises, der Käthe-Lichter-Lebenswerk-Preis, seinen Namen behält, stellt das einen klaren Angriff auf die Erinnerung an die jüdische Widerstandskämpferin dar.

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