Lieferketten der Verantwortungslosigkeit

Die Lieferketten von Ferroros Nutella beginnen oft in der Türkei.
Foto (C) Martin Siepmann / Westend61 / picturedesk.com
Es ist de facto so gut wie unmöglich, ohne Produkte auszukommen, die unter schweren Verletzungen von Arbeits- und Umweltrechten hergestellt werden und von denen den Produzent*innen am Ende oft nur ein paar Cent bleiben. Der Markt wird von wenigen Handelsriesen dominiert – aber welche Verantwortung übernehmen sie dafür und für ihre immer länger werdenden Lieferketten eigentlich?
Wir haben alle schon einmal davon gehört, und insgeheim wissen wir es auch alle. Innerhalb von Lieferketten von Konzernen, beim An- und Abbau von Rohstoffen, in der Herstellung von Lebensmitteln, Kleidung, oder technischen Geräten herrschen mitunter barbarische Zustände: dass in so mancher Textilfabrik in Asien kleine Mädchen an den Nähmaschinen sitzen oder Minenarbeiter*innen in Afrika unter extrem gefährlichen Bedingungen arbeiten müssen. Aber trotzdem erscheint es uns meist so, als ob die moderne Sklavenarbeit, die immer auch mit Umweltzerstörung, Wasservergiftung und Luftverschmutzung einhergeht, weit weg und unabhängig von uns in Zentraleuropa vonstattenginge.

Die Europäische Kommission möchte auch die Meinung der Bürgerinnen und Bürger zu diesem Thema hören. Der ÖGB hat deswegen gemeinsam mit der Arbeiterkammer und mit anderen Institutionen und Gewerkschaften die europaweite Kampagne „Unternehmen zur Verantwortung ziehen“ gestartet. Hier kann bis zum 8. Februar 2021 die Kampagne mit einer Unterschrift unterstützt werden.

Zur Kampagne

Viele von uns beruhigen sich auch damit zu glauben, dass sie durch ihr eigenes, „besseres“ Konsumverhalten zumindest nicht selbst zu diesen furchtbaren Missständen, dort, „weit weg“, beitragen würden. Tatsächlich kommen wir als Konsument*innen jedoch an Produkten, die auch von Kinderhänden oder modernen Sklav*innen hergestellt wurden oder für die ganze Landstriche zerstört, Menschen vertrieben oder Grundwasser vergiftet werden, nicht vorbei.

Das unfassbare Ausmaß und unsere knappe Distanz zu den täglichen Gräueltaten ist uns allerdings kaum bewusst. Woher sollten wir es auch wissen, wenn uns täglich vorgegaukelt wird, dass wir uns durch die Bio-Produkte, Markenkleidung und anderen Lifestyle-Schnickschnack sauberkaufen können? Tatsache ist, dass beispielsweise die Kleidung von H&M und Lacoste durchaus auch aus der gleichen Fabrik und von derselben Baumwollplantage stammen kann – trotz des gewaltigen Preisunterschieds. Dass Sklav*innenarbeit nicht nur in Indien, China oder Afrika, sondern genauso in Europa in unseren Nachbarländern stattfindet. Luxusmarken wie beispielsweise Betty Barclay, Versace, Stones, Max Mara, Marc Cain oder René Lezard lassen jährlich Textilien im Wert von 700 Millionen Euro für Hungerlöhne in Textilfabriken in Rumänien produzieren.

Hungerlöhne

Der rumänische Mindestlohn liegt bei 1,40 Euro pro Stunde. Eine Näherin verdient monatlich rund 200 Euro.

Der rumänische Mindestlohn liegt bei 1,40 Euro pro Stunde. Eine Näherin verdient monatlich rund das, was beispielsweise ein Blazer von Marc Cain im Verkauf kostet, also rund 200 Euro. Der rumänische Hersteller bekommt für die Produktion desselben Blazers nur 16 Euro. Demnach handelt es sich um ein sehr lukratives Geschäft für den Textilkonzern, für alle anderen, die Konsument*innen, Näherinnen, Arbeiter*innen auf den Baumwollplantage und Textilfabriken absolut nicht. Diejenigen, die den Blazer hergestellt haben, werden so schlecht bezahlt, dass sie von ihrer Arbeit nicht überleben können, obwohl das fertige Produkt im Einzelhandel teuer verkauft wird. Und das ist kein Einzelfall, sondern nur ein Beispiel für die gelebte Praxis. Denn 60 Prozent der Handelsspanne in der Textilindustrie bleibt für die Handelskonzerne – aber lediglich drei Prozent bleiben für die Fabriken, und die Arbeiter*innen werden für ihre Leistung mit Cent-Beträgen abgespeist.

Auch der Großteil des bei uns erhältlichen Obstes und Gemüses, das aus Spanien oder Italien kommt, wird unter furchtbarsten Bedingungen produziert. Dumpinglöhne, kaputte Behausungen ohne fließendes Wasser und Strom, fehlende Schutzkleidung, wildes Hantieren mit Pestiziden, Krankheiten, Gewalt, Vergewaltigungen und undokumentierte Arbeit sind dort nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Der Lebensmittelmarkt wird ebenso durch ein paar wenige Handelsriesen dominiert wie der Textil- oder Technologiemarkt. Einzelne Monopolisten bestimmen die Preise, auf den Plantagen muss deswegen für Hungerlöhne gearbeitet werden.

Moderne Sklaverei

Das ist auch der Grund dafür, warum die Erntearbeiter*innen in Italien und Spanien zumeist Flüchtlinge, wanderarbeitende Tagelöhner*innen aus Osteuropa oder Menschen ohne Papiere sind, die undokumentiert arbeiten. Sie haben keine andere Wahl und müssen sich dem Lohndumping und den schrecklichen Arbeitsbedingungen unterwerfen. Die Handelskonzerne nutzen das schamlos aus und sind für diese moderne Sklaverei verantwortlich. Hinter ihnen stehen ein paar wenige maßlose Menschen, die gigantische Vermögen anhäufen.

Ferrero bestimmt 30 Prozent des Welthandels mit Haselnüssen.

Wie beispielsweise die Familie Ferrero. Der Haselnusscreme- und Schokoladenkonzern ist seit eh und je im Familienbesitz, letztes Jahr ließen sich die zwei Geschwister Ferrero ganze 642 Millionen Euro an Dividenden auszahlen. Aktuell kaufen sie zusätzlich zu ihren Marken Nutella, Mon Chéri, Kinder-Überraschung, Ferrero Rocher und TicTac weitere Marken wie den britischen Schokoladenhersteller Thorntons, das Süßwarengeschäft von Nestlé in den USA, die Kekssparte von Kellogg’s oder den spanischen Eiscremehersteller Comaker auf. Zudem arbeiten sie eifrig daran, die gesamte Produktionskette ihrer berühmten Haselnusscreme unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Haselnussbauern in der Türkei, die 70 Prozent aller Haselnüsse weltweit produzieren, können ein Lied davon singen, schließlich kauft Ferrero über ein Drittel ihrer Ware auf und bestimmt 30 Prozent des Welthandels mit Haselnüssen.

Dreckiges Nutella

Die Zehntausenden Saisonarbeiter*innen und ihre mitarbeitenden Kinder, zumeist Kurd*innen, die die Nüsse für den Multi ernten müssen, weil keine Maschinen auf dem abschüssigen Terrain eingesetzt werden können, werden mit nur 65 bis 85 Lira (das entspricht 10 bis 13 Euro) pro Tag entlohnt. Dafür müssen sie zwölf Stunden am Stück bei sengender Hitze schuften. Dass auf den Plantagen auch Kinder mitarbeiten müssen, weil ihre Eltern die verlangten Zielvorgaben allein unmöglich erreichen können, wird von Ferrero nicht einmal bestritten. Ebenso wenig wie die Kinderarbeit auf den Kakaoplantagen ihrer Zulieferer in Westafrika. Außer leeren Versprechen hat der Konzern jedenfalls nichts gegen all die Missstände unternommen. Daher haben Kinderarbeit und Sklaverei in den letzten zehn Jahren auch zugenommen, anstatt zu sinken.

Weltweit leben 40 Millionen Menschen in moderner Sklaverei. 152 Millionen Kinder im Alter zwischen fünf und 17 Jahren müssen arbeiten.

Weltweit leben 40 Millionen Menschen in moderner Sklaverei. 152 Millionen Kinder im Alter zwischen fünf und 17 Jahren müssen arbeiten. Das entspricht fast einem von zehn Kindern weltweit. Die meisten von ihnen arbeiten mit 71 Prozent hauptsächlich in der Landwirtschaft, wo sie Kakao- und Kaffeebohnen, Palmölfrüchte, Rüben- und Rohrzucker für unsere Süßigkeiten ernten. Aber Ferrero ist nur eines von unzähligen weiteren Beispielen. Weltweit sind Konzerne für tote Böden aufgrund von Monokulturen, übertriebenen Mengen von Düngemitteln, durch Pestizide und Chemiemüll vergiftetes Wasser, durch Abgase verdreckte Luft, Artensterben sowie die Verarmung, Vertreibung und Ausbeutung von Menschen verantwortlich. Das ist der wahre Preis für die obszönen Profitsteigerungen der Handelsgiganten und marktführenden Konzerne.

Zur Verantwortung gezogen werden die Multis bisher nicht. Sie machen es sich leicht und wälzen die Schuld auf ihre Zulieferer, Produzenten und Subunternehmen ab, obwohl diese natürlich von den Konzernen abhängig sind und von ihnen dominiert werden. Zudem verschleiern sie ihre Geschäftspartner durch intransparente Firmenkonstrukte in ihren immer länger werdenden Lieferketten, die sich nicht selten über mehrere Kontinente erstrecken. Für Konsument*innen ist dadurch nicht im Geringsten nachvollziehbar, welche Wege das T-Shirt, das sie einkaufen, tatsächlich genommen hat.

Ein Gesetz der Hoffnung

Doch es ist scheinheilig, an die Bäuer*innen und Fabrikant*innen vor Ort zu appellieren, dass sie doch bitte umwelt- und menschenverträglicher produzieren sollen, weil sie am Ende der Lieferkette stehen und keine andere Wahl haben. Wenn sich tatsächlich etwas an diesen menschenunwürdigen, skandalösen und zukunftszerstörenden Praktikanten ändern soll, dann müssen wir die Konzerne und ihre CEOs zur Verantwortung ziehen. Und dafür braucht es eine gesetzliche Grundlage, es braucht ein Lieferkettengesetz, das Konzerne dazu zwingt, ihre Zulieferer, Produzent*innen und Handelswege transparent zu dokumentieren und zu veröffentlichen, und sie für Missstände und Menschenrechtsverletzungen haftbar macht.

Es braucht ein Lieferkettengesetz, das Konzerne dazu zwingt, ihre Zulieferer, Produzent*innen und Handelswege transparent zu dokumentieren und zu veröffentlichen, und sie für Missstände und Menschenrechtsverletzungen haftbar macht.

Konzerne sollen für die Schäden, die sie verursachen, nicht nur ordentliche Strafen bezahlen müssen, die ihnen auch weh tun, ihre Eigentümer und Geschäftsführer sollen auch persönlich dafür haftbar gemacht werden. Schließlich müssen wir uns alle an Gesetze halten – warum sollte das nicht auch für Konzerne und ihre CEOs gelten?

Über den/die Autor*in

Veronika Bohrn Mena

Veronika Bohrn Mena

Veronika Bohrn Mena ist Autorin des Buches „Die neue ArbeiterInnenklasse – Menschen in prekären Verhältnissen“ und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit prekären Arbeitsverhältnissen, Segmentierungsprozessen und Veränderungen in der Arbeitswelt mitsamt ihren Auswirkungen. Sie ist ausgebildete Fotografin und hat Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien studiert. Seit 2013 arbeitet sie hauptberuflich in der Gewerkschaft GPA-djp in der Interessenvertretung als Expertin für atypische Beschäftigung. Sie war auch die Vorsitzende der Plattform Generation Praktikum und hat sich als Studentin in der ÖH Bundesvertretung engagiert.