Und was ist mit den Lehrlingen?

Illustration Lehrlinge Corona
109.000 Lehrlinge in Österreich. Wie geht es für sie weiter? Denn in der Tischlerei wird es schwierig mit dem „Distance Learning“ ...
Heimunterricht, Verschiebung der Zentralmatura: zweifelsohne zwei sehr wichtige Themen. „Doch die 109.000 Lehrlinge in Österreich werden in der medialen Debatte oft vergessen“, kritisiert Christian Hofmann, Bundesjugendsekretär der Gewerkschaft GPA-djp. Das macht sich in der Corona-Krise besonders stark bemerkbar. Wichtige Fragestellungen sind bisher offengeblieben und rücken erst langsam auf den Schirm der politischen Agenda. Für Hofmann gibt es konkret vier Bereiche, in denen dringend Regelungen getroffen werden müssen. 

Die 109.000 Lehrlinge in Österreich werden in der medialen Debatte oft vergessen. 

Christian Hofmann, Bundesjugendsekretär der Gewerkschaft GPA-djp

Was passiert mit den anstehenden Lehrabschlussprüfungen?

Lehrlinge sind die Fachkräfte von morgen. Umso wichtiger, sich aktuell Gedanken zur Abhaltung anstehender Lehrabschlussprüfungen zu machen. Denn nur durch eine erfolgreiche Lehrabschlussprüfung werden aus Lehrlingen Fachkräfte. Die große Herausforderung dabei: „Lehrabschlussprüfungen sind nicht zentral, sondern zu 100 Prozent föderal organisiert“, so Hofmann. Hier braucht es dringend Regelungen, wie in nächster Zeit mit der offenen Frage der Lehrabschlussprüfungen umzugehen ist.

Wie weit funktioniert „Distance Learning“?

Distance Learning: Lehrlinge bearbeiten Arbeitsaufträge ihrer LehrerInnen und festigen und vertiefen bereits erworbene Lehrinhalte zu Hause

So groß die Bandbreite an Lehrberufen in Österreich ist, so herausfordernd auch die Möglichkeit des „Distance Learnings“. Da Berufsschulen momentan geschlossen haben, wird der ausgefallene Unterricht durch Lernen zu Hause ersetzt. Das bedeutet: „Lehrlinge bearbeiten Arbeitsaufträge ihrer LehrerInnen und festigen und vertiefen bereits erworbene Lehrinhalte zu Hause“, informiert die von AK und ÖGB herausgegebene Website Job und Corona über die aktuelle Regelung. In manchen Lehrberufen ist das durchaus machbar, wie beispielsweise bei kaufmännischen Berufen (zum Beispiel Bankkaufmann/-frau). Doch es gibt viele Lehrberufe, bei denen „Distance Learning“ nicht so leicht umzusetzen ist. „Was ist zum Beispiel mit einem Tischler-Lehrling, der viel mit Materialkunde zu tun hat? Wie soll der zu Hause ohne all das nötige Equipment und Material lernen?“, fragt sich Hofmann.

Was geschieht mit der Ausbildung von Lehrlingen in systemrelevanten Berufen?

Lehrlinge, deren Lehrstellen in der kritischen Infrastruktur angesiedelt sind, müssen nach aktuellen Regelungen dennoch in die Arbeit, wenn die Berufsschule geschlossen hat.

 Lehrlinge in der kritischen Infrastruktur 

  • Lebensmittel
  • Feinkostfachverkauf
  • Parfümerie und Telekommunikation
  • Drogist*innen
  • E-Commerce-Kaufmänner/-frauen
  • Großhandelskaufmänner/-frauen
  • Medizinproduktekaufmänner/-frauen
  • Bäcker*innen
  • Bankkaufmänner/-frauen
  • pharmazeutisch-kaufmännische Assistenz
  • Applikationsentwicklung – Coding
  • Fleischverarbeitung und Fleischverkauf
  • Backtechnologie
  • Getreidemüller
  • Futtermittelherstellung
  • Lebensmitteltechnologie
  • Pharmatechnologie
  • … und alle Doppellehren zu diesen Berufen

All diese Lehrlinge müssen nun in den Betrieb zurück und fünf Tage die Woche arbeiten. Sie können gar nicht an „Distance Learning“ teilnehmen. Hofmann stellt sich die Frage: Wie geht es mit diesen Lehrlingen weiter in Bezug auf die Vorbereitung auf ihre Lehrabschlussprüfung?

Welche neuen Regelungen braucht es für Lehrlinge in systemrelevanten Berufen?

Eines ist für Hofmann klar: „Momentan finden Lehrlinge in den Betrieben der kritischen Infrastruktur keine reguläre Ausbildungssituation vor.“ Es fehlt ganz einfach die Zeit, sich auf den Ausbildungscharakter der Arbeit zu fokussieren. Und nachdem die Berufsschulen vorübergehend geschlossen sind, arbeiten Lehrlinge in systemrelevanten Berufen zudem aktuell fünf Tage die Woche. Daher fordert die Gewerkschaft für diese Lehrlinge ein höheres Gehalt, einen höheren Lohn für diese Zeit: vollwertigere Entlohnung statt Lehrlingsentgelt.

Nachdem die Berufsschulen vorübergehend geschlossen sind, arbeiten Lehrlinge in systemrelevanten Berufen aktuell fünf Tage die Woche. Daher fordert die Gewerkschaft für diese Lehrlinge ein höheres Gehalt, einen höheren Lohn für diese Zeit: vollwertigere Entlohnung statt Lehrlingsentgelt.

Christian Hofmann, Bundesjugendsekretär der Gewerkschaft GPA-djp

Gerade in diesen unsicheren Zeiten setzen sich die Gewerkschaften dafür ein, dass den Anliegen der Lehrlinge Gehör verschafft wird. So konnten Sie beispielsweise im Bereich der Kurzarbeit erste Erfolge erzielen: Auch Lehrlinge können in Kurzarbeit gehen und erhalten dafür weiterhin ihr volles Lehrlingsentgelt.

Bist du Lehrling …

… und hast Fragen zu deiner momentanen Arbeitssituation, deinem Lehrvertrag, dem Lernen zu Hause oder den aktuellen Sonderregelungen? Die wichtigsten Fragen von Lehrlingen in Zeiten der Corona-Krise haben AK und ÖGB für dich zusammengefasst:

Job, Corona und Lehre

Über den/die AutorIn

Beatrix Mittermann

Beatrix Mittermann

Beatrix Mittermann hat internationale Betriebswirtschaft an der WU Wien, in Thailand, Montenegro und Frankreich studiert. Sie ist Autorin, Schreibcoach, Redakteurin des ÖGB Verlags sowie freie Redakteurin für diverse Magazine und Blogs.