Langzeitarbeitslosigkeit und ihre Ursachen

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Zwar ist jedes Schicksal hinter Langzeitarbeitslosigkeit anders, die Geschichten sind verscheiden, doch die Gründe gleichen einander.
Roland Neuwirth ist so etwas wie ein Botschafter Wiens. Musiker, Beobachter, Sänger, Komponist, Entsandter des Wienerlieds – und gäbe es seine Band „Extremschrammeln“ nicht, er wäre wahrscheinlich ein Langzeitarbeitsloser. Denn Neuwirth ist gelernter Schriftsetzer. Genauso wie, ganz nebenbei, Heinz Rudolf Unger. Über dem genauso das Damoklesschwert der Langzeitarbeitslosigkeit schweben würde, hätte er nicht auf Literatur umgesattelt. Schriftsetzer erhielten ein Manuskript und stellten daraus Druckvorlagen her. Für 30 bis 35 Zeilen benötigte ein Schriftsetzer etwa eine Stunde. Auch deswegen, weil Korrekturen mit zum Job gehörten. Bis 1998 war Schriftsetzer ein Lehrberuf. Vier Jahre mussten Berufseinsteiger das Handwerk lernen.

Dann wurde das Druckgewerbe auf den Kopf gestellt. Der Digitaldruck pulverisierte ganze Berufszweige. Genauso wie die Digitalfotografie. Wer noch einen ausgebildeten, professionellen Reprofotografen in seinem Freundeskreis hat, der möge wiedersprechen. Der stetige technische Fortschritt führt oft dazu, dass Menschen arbeitslos werden. Er ist aber nicht der Hauptgrund dafür, dass diese Menschen auch lange arbeitslos bleiben. Zu vielfältig sind Weiterbildungsmöglichkeiten und zu motiviert die betroffenen Personen. Um in die Langzeitarbeitslosigkeit zu fallen, muss mehr schief gehen.

Ein häufiger Auslöser der Arbeitslosigkeit: die Wirtschaftskrise

Ein großer Treiber der letzten Jahre war die Wirtschaftskrise. Die Zahl Menschen, die länger als ein Jahr ohne Unterbrechungen (z. B. Schulungsmaßnahmen) arbeitslos sind, hat sich in Österreich zwischen 2008 (5.700 Menschen) und 2017 (58.700 Menschen) mehr als verzehnfacht.

Das Problem hierbei ist, dass die Binsenweisheit vom Aufschwung, der bei allen ankommt, nicht mehr greift. Im Gegenteil. Die Zahl hat sich verfestigt. Auch der Boom der letzten Jahre hat nicht dazu beigetragen, langzeitarbeitslose Menschen in Lohn und Brot zu bringen. 2009 galt jeder siebte Arbeitslose als langzeitarbeitslos. 2016 war es bereits jeder dritte.

Langzeitarbeitslose
2009

1 von 7

Langzeitarbeitslose
2016

1 von 3

Eines der größten Einstellungshindernisse ist das Alter. Je älter ein Mensch ist, wenn er arbeitslos wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er in die Langzeitarbeitslosigkeit rutscht. Wer Anfang 20 ist, wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 17,9 Prozent längere Zeit einen Job suchen müssen. Mit Anfang 50 liegt die Wahrscheinlichkeit bei 39,3 Prozent. Obwohl in diesem Alter noch 15 und mehr Jahre Arbeit vor diesen Menschen liegen.

Schwierige Wiedereingliederung am Arbeitsmarkt durch fortgeschrittenes Alter

Die hohe Zahl langzeitarbeitsloser, älterer Menschen ist eines der deutlichsten Signale dafür, dass es sich um ein Marktversagen handelt: Einerseits beklagt die Industrie das Fehlen von Fachkräften, gönnt sich aber andererseits den Luxus, die erfahrensten ArbeitnehmerInnen nicht mehr einzustellen.

Eine Möglichkeit, einen vermeintlichen Fachkräftemangel auszugleichen, wäre ein entsprechendes Ausbildungsprogramm. Denn viele langzeitarbeitslose Menschen hätten genau das nötig. Jeder zweite, der nur einen Pflichtschulabschluss hat, wird im Laufe seines Lebens mindestens einmal arbeitslos. 38,7 Prozent dieser Personen rutschen dann in die Langzeitarbeitslosigkeit.

Gesundheitliche Probleme erschweren den beruflichen Wiedereinstieg

Gesundheitliche Probleme sind ein weiterer Brandbeschleuniger. Denn hier treffen zwei Probleme aufeinander. Zum einen der Jobverlust selbst. Viele Menschen sind mit einer körperlichen oder psychischen Krankheit in ihrem ursprünglichen Beruf einfach nicht mehr einsatzfähig. Wer nach einem Unfall Probleme mit dem Laufen hat, der kann vielleicht nicht mehr als KellnerIn arbeiten. Wer einen Burnout hatte, will vielleicht nicht mehr in einen Betrieb zurück, in dem Hauen und Stechen zur Karrierevoraussetzung gehört. Damit ist der gelernte Beruf verloren gegangen.

54,9 Prozent aller arbeitslosen Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen geraten in die Langzeitarbeitslosigkeit.

Gleichzeitig muss diesen Menschen der Einstieg in den Beruf leichter gemacht werden. Mit einer geringen Wochenarbeitszeit beispielsweise, die sich stufenweise steigern lässt. Diesen Teppich rollen aber nur die wenigsten ArbeitgeberInnen aus. Und so geraten 54,9 Prozent aller arbeitslosen Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen in die Langzeitarbeitslosigkeit.

Dabei muss es nicht einmal eine Krankheit sein, die es nötig macht, dass Menschen nicht in Vollzeit arbeiten können oder wollen. Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Belastung durch Schulden- und Wohnungsproblematik … alles Dinge, die Menschen daran hindern können, ihr volles Potenzial der Firma zu widmen. Die aber genau das oft einfordert.

Fehlplatzierte Stigmatisierung

Besonders auffällig ist, dass sich die Gründe für Langzeitarbeitslosigkeit der Schuldfrage entziehen. Niemand ist freiwillig arbeitslos. Niemand sucht es sich aus, krank zu sein oder älter zu werden. Menschen wollen arbeiten. Sinnstiftend und in Würde. Je früher dieser Umstand in Politik und Industrie Konsens wird, desto früher kann produktiv an der Beseitigung der Probleme gearbeitet werden.

Über den/die AutorIn

Christian Seidel

Christian Seidel

Christian Seidel hat als Tageszeitungsjournalist in Bayern und Hessen begonnen, besuchte dann die bayerische Presseakademie und wurde Redakteur. In dieser Position arbeitete er in Österreich lange Zeit für die Autorevue, bevor er als freier Journalist und Chef vom Dienst für eine ganze Reihe von Publikationen in Österreich und Deutschland tätig wurde. Unter anderem sprang ein dritter Platz beim österreichischen Magazinpreis heraus.