Krisentagebuch 049: Arbeitslosigkeit geht uns alle an

Ein niedriges Arbeitslosengeld, zehn Bewerber*innen pro freier Stelle: Der Arbeitsmarkt wird sich so schnell nicht entspannen. Es braucht eine Politik, die Verantwortung übernimmt und sich nicht abputzt, fordert die Autorin Veronika Bohrn Mena.
Laut Statistik ist jeder oder jede von uns mindestens zweimal im Leben von Arbeitslosigkeit betroffen. Corona hat gezeigt, wie schnell es gehen kann, den Job zu verlieren, und zwar ohne sich selbst etwas zuschulden kommen zu lassen. Deswegen ist es für uns alle so wichtig, dass wir eine ordentliche Arbeitslosenversicherung haben, damit wir ordentlich abgesichert sind – gerade im Falle eines Jobverlusts.

Aktuell sind immer noch fast 450.000 Menschen arbeitslos. Von den vielen Menschen, die durch Corona ihre Arbeit verloren haben, sind 85 Prozent Frauen. Was noch dazukommt: Ganz viele geringfügig Beschäftigte haben ihren Job verloren – vor allem Frauen. Die scheinen in der Statistik aber nicht mal auf.

Es braucht eine aktive Arbeitsmarktpolitik, es braucht fördernde Arbeitsmarktpolitik, es braucht weitere Stellen beim AMS. Es braucht mehr Personal, mehr Geld fürs AMS. Und vor allem: Es braucht ein höheres Arbeitslosengeld. 

Veronika Bohrn Mena, Autorin „Die neue ArbeiterInnenklasse“

Viele Frauen müssen mit ihrem Einkommen nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Kinder und Angehörigen versorgen. Das Arbeitslosengeld ist in Österreich im internationalen Vergleich nicht besonders hoch. 55 Prozent Ersatzrate bedeutet, dass man fast die Hälfte von seinem vorhergehenden Einkommen verliert. Das ist etwas, was ohnehin schon schwer zu bewältigen ist. In den kommenden Wochen und Monaten, womöglich sogar im nächsten halben Jahr oder Jahr wird es zudem sehr schwer sein, für all diese Arbeitslosen einen neuen Job zu finden: Aktuell kommen über zehn Bewerber*innen auf eine freie Stelle.

Die berechtigte Forderung der Gewerkschaften lautet: Das Arbeitslosengeld muss zumindest auf 70 Prozent des vorhergehenden Gehalts erhöht werden. Denn 55 Prozent sind schlicht zu wenig. Wenn damit auch noch konsumiert werden soll, also die Wirtschaft angekurbelt werden soll, dann wird es wirklich eng.

Deswegen müssten wir jetzt eigentlich darüber reden, wie wir so schnell wie möglich das Arbeitslosengeld erhöhen können. Es braucht eine aktive Arbeitsmarktpolitik, es braucht fördernde Arbeitsmarktpolitik, es braucht weitere Stellen beim AMS. Es braucht mehr Personal, mehr Geld fürs AMS. Und vor allem: Es braucht ein höheres Arbeitslosengeld. Aber sicherlich keines, das mit der Zeit immer niedriger wird, sondern eines, das Sicherheit gibt und das die gleiche Höhe behält, damit man neben der Arbeitslosigkeit nicht auch noch unter Angst leiden muss.

Über den/die AutorIn

Veronika Bohrn Mena

Veronika Bohrn Mena

Veronika Bohrn Mena ist Autorin des Buches „Die neue ArbeiterInnenklasse – Menschen in prekären Verhältnissen“ und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit prekären Arbeitsverhältnissen, Segmentierungsprozessen und Veränderungen in der Arbeitswelt mitsamt ihren Auswirkungen. Sie ist ausgebildete Fotografin und hat Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien studiert. Seit 2013 arbeitet sie hauptberuflich in der Gewerkschaft GPA-djp in der Interessenvertretung als Expertin für atypische Beschäftigung. Sie war auch die Vorsitzende der Plattform Generation Praktikum und hat sich als Studentin in der ÖH Bundesvertretung engagiert.