Krisentagebuch 045: Aus der Betriebsratspraxis

Eva ist parteiunabhängige Betriebsrätin in einem Betrieb mit etwa 3.000 Mitarbeiter*innen im Bildungssektor. Im Krisentagebuch teilt sie ihren Erfahrungsschatz – und möchte mit dem einen oder anderen Klischee aufräumen.
Wenn ich als Betriebsrätin irgendwo hinkomme und gefragt werde: „Was machst du denn beruflich?“, und ich sage, was ich mache, kann ich beim Gegenüber förmlich hören, wie sich die Zahnräder im Kopf drehen: Es bildet sich ein typisches Klischeebild, was ein Betriebsrat bzw. eine Betriebsrätin macht. Das typische Bild eines Betriebsrates ist ein älterer Mann, der kurz vor der Pension steht und sich’s noch mal so richtig gemütlich machen möchte auf seinem gesicherten Arbeitsplatz. Ganz so ist es nicht. Im Gegenteil, es ist ein sehr fordernder und emotional auch oft belastender Beruf.

Wenn ein System zusammenbricht, dann darf nicht der Mensch das erste Opfer sein, das zu beklagen ist, weil es einfach am falschen Rahmen liegt, in dem wir uns bewegen.

Eva, Betriebsrätin

Die Arbeit des Betriebsrats ist und bleibt das gelebte kleine, sozialpartnerschaftliche Verhandeln im Betrieb, das sehr große Auswirkungen hat auf sehr viele Menschen, die sich tagtäglich in der Früh auf den Weg in die Arbeit machen und dort auf andere Arbeitende treffen, und ihre Umgebungsbedingungen. Es ist immer wieder ein Beziehungsgeflecht und ein Ziel- und Wertekonflikt zwischen Arbeitenden, Arbeit, Arbeitgeber*in, Betriebsrat bzw. Betriebsrätin. Sich das immer wieder neu auszumachen und neu zu verhandeln: „Wo wollen wir hin und was brauchen wir dafür?“, ist oft ein langwieriger, schmerzhafter Prozess. Gerade Corona hat uns gezeigt, wo die Schwachstellen sind – und ganz schonungslos: Welche Führungsstile, welche Persönlichkeiten entwickeln sich wie unter Stress, und was hat das für Auswirkungen.

Was wir verhindern müssen: dass uns ein System krank macht, die Arbeit krank macht. Das heißt, wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen Instrumente und Werkzeuge haben im physischen, im psychischen, aber auch im materiellen Sinne, um Krisen überstehen zu können – gemeinsam. Es sind einfach Lernfelder, die sich uns auftun, wo wir gemeinsam daran arbeiten können, resilient zu sein.

Denn wenn ein System zusammenbricht, dann darf nicht der Mensch das erste Opfer sein, das zu beklagen ist, weil es einfach am falschen Rahmen liegt, in dem wir uns bewegen.

Ich möchte dazu ermutigen, im eigenen Betrieb stark und laut zu bleiben. Wir sind ganz, ganz viele. Wir haben sehr viele Möglichkeiten, wenn wir uns gemeinsam dem Ganzen widmen.