Krisentagebuch 038: Die Schicksale hinter den Zahlen

Ständig wird gefragt, wie es der Wirtschaft in Österreich und Europa geht, wie es dem Wirtschaftsstandort geht. Aber wie geht es eigentlich den Menschen in Europa mitten in der Pandemie? Veronika Bohrn Mena spricht über die erschütternden Ergebnisse der Eurofound-Studie zum Thema „Leben und Arbeiten während Corona“.
Einen deutlichen Rückgang im Optimismus, in der Zufriedenheit und in der Lebensqualität der Menschen in Europa – das zeigt eine aktuelle Eurofound-Studie. Die Corona-Krise sorgt für Pessimismus, Sorgen und Ängste in ganz Europa – und materielle Nöte. Der Glauben an die nationalen Regierungen und an die Medien hat stark abgenommen, insbesondere auch an die EU.

Das sind die Schicksale hinter den Wirtschaftszahlen, über die so viel geredet wird. Das sind die Menschen, die jetzt Hilfe brauchen, denen es jetzt wirklich nicht gut geht, um die sich die Politik jetzt sorgen muss. Nicht nur um Wirtschaftskennzahlen, sondern darum, welche Förderungen bei den Menschen tatsächlich ankommen und wie es den Menschen tatsächlich geht.

Veronika Bohrn Mena, Autorin „Die neue ArbeiterInnenklasse“

Während im Jahr 2016 noch 65 Prozent der EuropäerInnen gesagt haben, dass sie relativ optimistisch in die Zukunft sehen, sind es jetzt nur noch 45 Prozent. Besonders pessimistisch, was ihre Zukunft angeht: junge Menschen, unter 35-Jährige und diejenigen, die jetzt in Zeiten von Corona keine Arbeit haben, die also entweder ihre Arbeit verloren haben oder schon vorher arbeitslos waren.

Vertrauensverluste und Unzufriedenheit

Entsprechend leidet auch das Wohlbefinden. Es sind nämlich gerade die jungen Menschen, die sich in den vergangenen Wochen einsam gefühlt haben, deren soziale Kontakte stark eingeschränkt waren. Gleichzeitig zeigt sich aber auch: Gerade Selbstständige sind in Zeiten der Krise durchaus unglücklich und unzufrieden und machen sich mehr Sorgen und Ängste als unselbstständig Erwerbstätige.

Während im Jahr 2019 das Vertrauen der EuropäerInnen in die EU noch auf dem absoluten Höchststand seit der letzten großen Rezession war, vertrauen nun mehr Menschen nationalen Regierungen – aber auch denen nicht so wirklich. Denn wenn man sie fragt, wem sie am meisten vertrauen, dann sagen sie: der Polizei oder dem Gesundheitssystem. Auch das Vertrauen in die Medien hat stark abgenommen. Viele haben das Gefühl, die Medien berichten nicht das, was für sie wichtig und entscheidend ist. Und viele sagen auch, nicht alles, was da in der Zeitung steht, stimmt auch.

Angst um den (verlorenen) Arbeitsplatz

5 Prozent der über 85.000 Menschen, die bei der Eurofound-Studie teilgenommen haben, berichten davon, dass sie während der Corona-Krise ihre Arbeit verloren haben. Weitere 23 Prozent sagen, dass sie ihre Arbeit zumindest vorübergehend wegen Corona verloren haben. 16 Prozent aller Beschäftigten in Europa sind der Meinung, dass sie in nächster Zeit ihre Arbeit verlieren werden. 

Besonders unsicher sind die Arbeitsplätze im Süden und im Osten von Europa. Dort haben die Menschen besonders viel Angst. Und noch viel dramatischer: Die Hälfte aller Erwerbstätigen in Europa musste aufgrund der Corona-Krise ihre Arbeitszeit reduzieren, und zwar nicht unbedingt so wie in der österreichischen Form der Kurzarbeit – sprich: mit weniger Arbeitszeit, aber immerhin 80 bis 90 Prozent des vorhergehenden Gehalts –, sondern mit gravierenden Einschnitten in ihr Einkommen. Mehr als ein Drittel der Befragten sagt, dass sich ihre Arbeitszeit nun stark reduziert hat, 16 Prozent sagen, dass ihre Arbeitszeit zumindest ein bisschen gesunken ist.

Andererseits ist es aber auch so, dass die Arbeit nun noch ungleicher verteilt ist als vor der Krise. 7 Prozent der Befragten sagen, sie hätten jetzt noch viel mehr Arbeit als vor der Krise. Das sind die, die in den systemrelevanten Bereichen arbeiten: im Krankenhaus, im Einzelhandel, im Verkehr oder in der gesamten restlichen Infrastruktur. Diese leiden nun unter erheblichem Stress und haben es schwer, mit ihrer Arbeit zurechtzukommen.

Unvereinbarkeit im Homeoffice

Vier von zehn Befragten arbeiten nun von zu Hause aus. Problematisch ist das insbesondere für diejenigen, die kleine Kinder zu Hause haben. Immerhin 18 Prozent derjenigen, die nun eine kürzere Arbeitszeit haben oder von zu Hause aus arbeiten, sagen, dass sie gleichzeitig zumindest jeden zweiten Tag in ihrer Freizeit arbeiten müssen, um ihr Arbeitspensum bewältigen zu können. Das Problem ist nämlich: Für viele hat sich zwar das Einkommen und formal die Arbeitszeit reduziert, aber nicht die Menge, die sie leisten müssen. Und so arbeiten sie in ihrer Freizeit nachts, morgens und unbezahlt, während sie offiziell einer kürzeren Arbeitszeit nachgehen und weniger verdienen.

Das zeigt sich auch daran, dass die Menschen – nach ihrem derzeitigen Hauptproblem befragt – sagen, sie seien so müde, dass sie nicht wissen, wie sie nach der Arbeit noch die Hausarbeit schaffen sollen. 22 Prozent der Befragten, die im Homeoffice sind oder zu Hause arbeiten und kleine Kinder haben, sagen, sie können sich nur schwer, kaum oder auch gar nicht auf die Arbeit konzentrieren. Sie haben wirklich große Probleme, das jetzt zu bewältigen. Das sind auch die, die jetzt nachts arbeiten müssen und deswegen sagen, sie seien zu müde für die Hausarbeit. Weil tagsüber, wenn die Kinder wach sind und Aufmerksamkeit einfordern, schaut das mit der Arbeit schwierig aus.

Finanzieller Pessimismus

Noch dramatischer werden die Ergebnisse der Umfrage, wenn es um die finanzielle Situation der Menschen geht: Vier von zehn geben an, dass es für sie düster ausehe. 38 Prozent aller Befragten sagen, dass es ihnen heute finanziell schlechter geht als noch vor ein paar Wochen. Es haben immerhin 38 Prozent der Europäer*innen tatsächlich ein geringeres Einkommen durch die Corona-Krise. Bei den Jüngeren sagen das sogar 44 Prozent. In einer richtigen finanziellen Notlage befinden sich diejenigen, die jetzt ihre Arbeit verloren haben, oder auch die, die selbstständig sind und über keine ordentliche soziale Absicherung verfügen.

Die Hälfte der Selbstständigen und der Arbeitslosen macht sich große Sorgen um ihre Zukunft und weiß nicht, wie die nächsten drei Monaten finanziell zu bewältigen sind. Konkret 56 Prozent geben an, über keine wesentlichen Ersparnisse zu verfügen und somit maximal für die kommenden drei Monate ihren Lebensstandard aufrechterhalten zu können – danach sind die Ersparnisse aufgebraucht. Eine Folge: Schulden. Viele Selbstständige, Arbeitslose, AlleinerzieherInnen, aber auch andere haben jetzt Probleme damit, ihre Rechnungen bezahlen zu können. Und 6 Prozent aller Befragten haben schlussendlich gesagt, sie haben sogar Angst davor, ihre Wohnung zu verlieren und auf der Straße zu landen.

Es geht um jedes Schicksal

Das sind die Schicksale hinter den Wirtschaftszahlen, über die so viel geredet wird. Das sind die Menschen, die jetzt Hilfe brauchen, denen es jetzt wirklich nicht gut geht, um die sich die Politik jetzt sorgen muss; nicht nur um Wirtschaftskennzahlen, sondern darum, welche Förderungen bei den Menschen tatsächlich ankommen und wie es den Menschen tatsächlich geht. Noch sind wir in Europa im oberen Mittelfeld. Noch gehören wir zu denjenigen, die die Krise relativ gut meistern. Dafür, dass das auch so bleibt, müssen wir weiterhin alle zusammenhalten. Dafür, dass das so bleibt, darf jetzt niemand vergessen werden.

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Eurofound-Studie „Leben und Arbeiten während Corona“

Über den/die AutorIn

Veronika Bohrn Mena

Veronika Bohrn Mena

Veronika Bohrn Mena ist Autorin des Buches „Die neue ArbeiterInnenklasse – Menschen in prekären Verhältnissen“ und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit prekären Arbeitsverhältnissen, Segmentierungsprozessen und Veränderungen in der Arbeitswelt mitsamt ihren Auswirkungen. Sie ist ausgebildete Fotografin und hat Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien studiert. Seit 2013 arbeitet sie hauptberuflich in der Gewerkschaft GPA-djp in der Interessenvertretung als Expertin für atypische Beschäftigung. Sie war auch die Vorsitzende der Plattform Generation Praktikum und hat sich als Studentin in der ÖH Bundesvertretung engagiert.