Krisentagebuch 030: Pflichtpraktika in der Krise

Viele junge Menschen in Österreich zerbrechen sich jetzt gerade verzweifelt den Kopf darüber, wo sie eigentlich einen Praktikumsplatz finden sollen. Autorin Veronika Bohrn Mena schlägt vor: Pflichtpraktika heuer streichen!
Rund 200.000 junge Menschen sind in Österreich dazu verpflichtet, ein Praktikum zu absolvieren. Viele von ihnen sind SchülerInnen, andere Studierende. In den Schulen ist es inzwischen Usus, von der Handelsschule über die Handelsakademie bis zur berufsbildenden höheren Schule oder zur HTL: in all diesen Schulen werden Pflichtpraktika vorgeschrieben. Bei den Studierenden ist es so, dass alle Fachhochschulstudierenden mindestens ein Praktikum, manche sogar zwei oder drei Pflichtpraktika absolvieren müssen, um ihr Studium abschließen zu können. Und auch unter den Universitätsstudierenden sind Pflichtpraktika inzwischen Standard geworden.

Praktika bzw. Pflichtpraktika sind generell nicht ganz unproblematisch. Nun, das Problem ist: Sie sind sozial wahnsinnig selektiv. Das liegt daran, dass diejenigen, die ein gutes familiäres Netzwerk haben oder deren Eltern vielleicht sogar selbst Unternehmer oder Unternehmerinnen sind und Jobs zu vergeben haben, viel, viel einfacher so einen Praktikumsplatz finden als andere, die diesen Bonus nicht haben. Wenn Mama und Papa es nicht so einfach richten können und nicht so einfach einen Freund anrufen können oder im Büro anrufen und sagen können: „Hey, mein Kind bräuchte da eine Praktikumsstelle im Sommer, könntet ihr nicht …“, dann ist so eine Praktikumssuche eine relativ schwierige Angelegenheit. Und da ist nun das Problem. Denn jetzt, in Zeiten von Corona, fällt das noch viel, viel schwerer.

Und was sollen die Schüler und Schülerinnen und die Studierenden nun machen, wenn sie keinen Praktikumsplatz finden? Bitte, ersparen wir das den jungen Leuten.

Veronika Bohrn Mena, Autorin „Die neue ArbeiterInnenklasse“

In Zeiten von Massenarbeitslosigkeit, wo aktuell rund 1,8 Millionen Menschen entweder arbeitslos oder in Kurzarbeit sind, ist das Letzte, woran Unternehmen gerade denken, Praktikumsstellen anzubieten. Und selbst wenn, dann sind es keine Praktikumsstellen, wo tatsächlich noch ausreichend Personal dafür vorhanden wäre und ausreichend Ressourcen vorhanden sind, um diese jungen Menschen, die da ihr Praktikum absolvieren müssen, auch tatsächlich ausbilden zu können. Sondern dann ist das eher so eine Geschichte mit „Na gut, wir sparen uns jetzt ein bisschen Geld und nehmen uns günstig jemanden, der vielleicht ein paar Handgriffe abnimmt.“ Aber die Ausbildungsqualität kann in der derzeitigen Lage am Arbeitsmarkt eigentlich nur schlecht sein.

Und was sollen die Schüler und Schülerinnen und die Studierenden nun machen, wenn sie keinen Praktikumsplatz finden? Sollen sie deswegen nicht ins nächste Schuljahr aufsteigen können? Sollen sie deswegen ihr Studium nicht abschließen können? Was können die Jungen dafür, dass jetzt gerade einfach keine Praktikumsstellen mehr ausgeschrieben werden? Muss diese Schikane wirklich sein? Kann man den jungen Leuten nicht zumindest jetzt während der Corona-Krise die Praktika ersparen? Kann man nicht zumindest die Möglichkeit schaffen, dass man sagt: „Na gut, dann schreiben Sie stattdessen eine Arbeit.“ Alles ist besser, als jetzt gerade mitten in der Krise verzweifelt eine Praktikumsstelle suchen zu müssen, die es nicht gibt. Alles ist besser, als wenn junge Menschen jetzt – mitten in der Krise – die ersten Ernüchterungen am Arbeitsmarkt erfahren müssen, dass sie sich unzählige Absagen abholen müssen, Hunderte von Bewerbungen abschicken müssen, ohne eine Antwort zu bekommen oder auch nur zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.

Das ist doch ein Blödsinn! Bitte, ersparen wir das den jungen Leuten. Liebe Politik, vergesst nicht auf die Jungen. Zumindest für dieses Jahr sollten Pflichtpraktika tatsächlich gestrichen werden. Das macht so keinen Sinn. Denkt daran, nur gemeinsam schaffen wir das. Und hört auf, die Jungen jetzt zu piesacken.

Über den/die AutorIn

Veronika Bohrn Mena

Veronika Bohrn Mena

Veronika Bohrn Mena ist Autorin des Buches „Die neue ArbeiterInnenklasse – Menschen in prekären Verhältnissen“ und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit prekären Arbeitsverhältnissen, Segmentierungsprozessen und Veränderungen in der Arbeitswelt mitsamt ihren Auswirkungen. Sie ist ausgebildete Fotografin und hat Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien studiert. Seit 2013 arbeitet sie hauptberuflich in der Gewerkschaft GPA-djp in der Interessenvertretung als Expertin für atypische Beschäftigung. Sie war auch die Vorsitzende der Plattform Generation Praktikum und hat sich als Studentin in der ÖH Bundesvertretung engagiert.