Krisentagebuch 024: Sterben für den Wohlstand

Vor 150 Jahren wurde Lenin geboren. Warum konnte dieses kommunistische Projekt derart aus der Spur geraten und zum Gegenteil von dem werden, was es eigentlich beabsichtigt hat? Autor Robert Misik analysiert das leninistische Mindset und zieht Parallelen zu einem „kapitalistischen Leninismus“ in dem Menschenleben gegen wirtschaftlichen Wohlstand aufgewogen werden.
Das leninistische Mindset: „Wo gehobelt wird, da fliegen Späne.“ Ein großes Ziel vor Augen – das Paradies auf Erden – und angesichts dieses Ziels ist dann jeder Preis wert, bezahlt zu werden, insbesondere für die gegenwärtigen Generationen. „Was sind schon 10.000 Tote heute in Relation zum großen historischen Ziel?“ Das Ende ist bekannt: eine blutige Terrorherrschaft in Gulag und Diktatur.

Heute begegnet man diesem Mindset auch immer wieder: sehr selten im kommunistischen Gewand, sondern eher als kapitalistisches, neoliberales Gedankengut. „Wenn wir morgen Wohlstand haben wollen, müssen wir heute das Leid der Menschen in Kauf nehmen.“

Was nie passieren darf, dass man wie ein kaltherziger Bilanzbuchhalter Menschenleben zu nackten, bloßen Zahlen in sowas wie einer historischen Gesamtrechnung macht.

Robert Misik, Journalist und Autor

Man begegnet diesem Mindset jetzt auch in der Corona-Diskussion, in genau dieser Kaltherzigkeit, die sehr leninistisch anmutet. „Kapitalistischen Leninismus“ begegnet man, im übertragenen Sinn. Da wird gesagt: „Ja, wir handeln uns eine schwere Wirtschaftskrise ein, ’nur‘ um 10.000 oder 20.000 Menschen das Leben zu retten. Darf das denn das wert sein?“

Was nie passieren darf: Dass man wie ein kaltherziger Bilanzbuchhalter Menschenleben zu nackten, bloßen Zahlen in sowas wie einer historischen Gesamtrechnung macht und dann sagt: „Na, sollen die halt sterben“. Dass man sagt: „Was zählt schon das einzelne Individuum im Verhältnis zur großen geschichtlichen Bilanz?“ Das ist fürchterlicher Leninismus, egal ob er von kommunistischer oder kapitalistischer Seite kommt.

Kommentar von Brigitte Pellar, Historikerin

Sicher habt ihr auch, so wie ich, das Krisentagebuch von Robert Misik mit dem schönen Titel „Sterben für den Wohlstand“ angeklickt. Seine Statements zu Corona sind ja meistens spannend und bieten – manchmal kontroversielle – Denkanstöße. Aber das haben Denkanstöße halt so an sich.

Diesmal allerdings rebelliert meine HistorikerInnen-Seele, und nicht nur die, auch mein HistorikerInnen-Wissen. Neoliberalismus und bolschewistischer Kommunismus in einem Topf? Lenin und Chiles Pinochet als die Weltenschlächter? Da werden Äpfel, Birnen und Zwetschken zusammen eingekocht.

Die diversen Auslassungen zum 150. Geburtstags der Gallionsfigur der russischen Oktoberrevolution sind überhaupt durch eine seltsame Frontstellung gekennzeichnet: So, als ob der „kalte Krieg“ fröhliche Urständ‘ feiern würde. Die einen, und durchaus nicht nur AnhängerInnen kleiner linker Gruppen, stilisieren Lenin zum edlen Helden, die anderen machen ihn zum Gottseibeiuns der Geschichte. Beides sind ideologisierte und unhistorische Positionen.

Die einen, und durchaus nicht nur AnhängerInnen kleiner linker Gruppen, stilisieren Lenin zum edlen Helden, die anderen machen ihn zum Gottseibeiuns der Geschichte. Beides sind ideologisierte und unhistorische Positionen.

Brigitte Pellar, Historiker

Misik fragt, warum das Experiment, in der Sowjetunion eine gerechte, humane Gesellschaft jenseits des Kapitalismus aufzubauen, schief ging, und kommt zu der Schlussfolgerung, dass der Einsatz von Brutalität und Gewalt die ehrenhaften Absichten in ihr Gegenteil verkehrt hätten. Eine solche Schlussfolgerung kann nur getroffen werden, wenn die Rahmenbedingungen, unter denen die russische Oktoberrevolution stattfand, nicht bewusst sind. Sie seien hier kurz angedeutet:

Die eine ist ein äußerst brutal geführter Weltkrieg, in dem Gräueltaten an gegnerischen Soldaten, aber auch an der Zivilbevölkerung eher die Regel als die Ausnahme waren, und die österreichisch-ungarische Armee hatte an ihnen keinen geringen Anteil. Es war eine brutalisierte Gesellschaft, in der sich der Terror der alten Eliten und der revolutionäre Terror die Waage hielten. Lenin stieg immerhin als erster Staatschef aus dem Gemetzel aus und rettete allein dadurch wohl Millionen Menschenleben, auch unzählige österreichische. Gedankt wurde das der jungen Sowjetunion nicht, statt des versprochenen fairen Friedens stellten die „Mittelmächte“, das deutsche Kaiserreich und die Habsburgermonarchie unverhältnismäßig harte Bedingungen. Das dies nicht zur Entspannung der Lage beitrug, kann man sich ausrechnen.

Übrigens: Neben dem Hunger an den Fronten und im „Hinterland“ war es besonders dieser unfaire Friede, der bei uns die Protestbewegung auslöste, der wir die demokratische Republik verdanken, auf deren Verfassung sich die Gründungsparteien der Zweiten Republik am 27. April 1945 ausdrücklich beriefen.

Ja, und dann ist noch anzumerken, dass es neben dem „roten“ auch den „weißen“ Terror gab. Was heißt „auch“: Er wütete parallel und mit weitaus mehr Ressourcen im Rücken, finanziert durch westliches Großkapital, in Polen, in Ungarn, aber eben genauso in der Sowjetunion. Der antikommunistische Internationale Gewerkschaftsbund versuchte den Nachschub für den „weißen Terror“ durch Lieferboykott zu stoppen, um den blutigen Auseinandersetzungen ein Ende zu machen, allerdings mit wenig Erfolg. Der Druck von außen erleichterte den Weg in die stalinistische Entwicklungsdiktatur, deren Erfolg zum Teil auf den Einsatz US-amerikanischen Kapitals zurückzuführen war. Geschichtliche Entwicklungen sind eben nie schwarz-weiß und vor „schrecklicher Vereinfachung“ sei gewarnt. „Terrible simplificateurs“ nannte der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt schon im 19. Jahrhundert Menschen, die sich mit vereinfachenden Schlussfolgerungen begnügen, oft ohne sich dabei etwas Böses zu denken.

Am Beispiel der Gleichsetzung des Sowjetsystems mit neoliberalen Argumentationen und Handlungsweisen bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie zeigt sich das Problem solcher Vereinfachung besonders deutlich. Wie Robert Misik (dankenswerter Wiese und im Gegensatz zu vielen anderen Lenin-KommentatorInnen) anmerkt, war es das Ziel der russischen Oktoberevolution, eine gerechte, keine inhumane Gesellschaft zu errichten – und dafür hatten die RevolutionärInnen eben auch Gewalt und Tote in Kauf genommen. Ähnlich sei es, so Misik, mit jenen Neoliberalen, die ein paar Tote und ein paar Unternehmenspleiten mehr in Kauf nehmen wollen, damit es zu keiner Wirtschaftskrise mit unzumutbaren Belastungen in der Zukunft kommt.

Aber der Neoliberalismus tickt anders. Es geht ihm um die absolute Freiheit des Marktes und im Markt. Sein geistiger Urvater, der österreichische Wirtschaftswissenschaftler und Handelskammer-Sekretär Ludwig Mises, machte das den Gewerkschaftern in der Diskussion um die Bekämpfung der großen Weltwirtschaftskrise nach 1929 unzweideutig klar: „Da gibt es kein Recht, sondern nur Wettbewerb.“ Hier steckt also keine humane Utopie dahinter, die auf falschen Wegen erreicht werden soll, sondern die Ansage eines beinharten Verteilungskampfes, der von „denen da oben“ gegen „die da unten“ geführt wird.

Brigitte Pellar

Brigitte Pellar ist Historikerin mit dem Schwerpunkt Geschichte der ArbeitnehmerInnen-Interessenvertretungen und war bis 2007 Leiterin des Instituts für Gewerkschafts- und AK-Geschichte in der AK Wien.

Über den/die AutorIn

Robert Misik

Robert Misik

Robert Misik, 54, ist Journalist, Ausstellungsmacher und Buchautor. Jüngste Buchveröffentlichung: "Die falschen Freunde der einfachen Leute" (Suhrkamp-Verlag, 2020). Er kuratierte die Ausstellung "Arbeit ist unsichtbar" am Museum Arbeitswelt in Steyr. Für seine publizistische Tätigkeit ist er mit dem Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet, 2019 erhielt er den Preis für Wirtschaftspublizistik der John Maynard Keynes Gesellschaft.