Krisentagebuch 019: Trugschlüsse und Logikfehler

„Übersterblichkeit“, Sterben „mit Corona“ und nicht an Corona, und „eigentlich ist die Krankheit nicht so gefährlich“: Autor Robert Misik rechnet mit einigen Argumentationen dieser Tage ab.
Die Zahl der Neuansteckungen mit diesem Coronavirus ist bei uns, aber auch in Deutschland glücklicherweise zurückgegangen, die beiden Länder werden viel weniger dramatisch von dieser gesundheitlichen Katastrophe gebeutelt als beispielsweise Frankreich, Italien, die Niederlande.

Zwei Grundstimmungen können in dieser Situation durch Kommunikation unterstützt werden:

  • Erstens: „Wir haben die Katastrophe gerade noch abgewendet, wenn wir uns weiter so anstrengen, können wir das Virus fast austrocknen und unter Kontrolle behalten – wenn wir noch drei, vier Wochen so gut durchhalten wie jetzt.“
  • Zweitens: „Die Katastrophe ist ausgeblieben. Daran sieht man, jetzt kann man die Wirtschaft wieder hochfahren, das Leben wieder normalisieren.“

Letztere Argumentation hat sich durchgesetzt, mit Unterstützung von Lobbys und Marketingfirmen, die daran ein Interesse haben. Da wird gerne mit Begriffen herumgeworfen. Etwa: Die meisten Leute sterben nicht an Corona, sondern mit Corona. Ein zweiter Begriff, mit dem gern operiert wird, ist der Begriff „Übersterblichkeit“. Soll heißen, es sterben immer Leute, und ob eine Pandemie eine echte Katastrophe ist, sieht man erst, wenn man die Statistik genauer ansieht, also erst retrospektiv.

Das ganze Hintergrundrauschen dieser Argumentation ist natürlich die Behauptung, dass die Krankheit doch eigentlich nicht so gefährlich ist. 

Wer so argumentiert, sollte dann auch den Mumm haben, das den Ärztinnen und Ärzten, den Pflegerinnen und Pflegern ins Gesicht zu sagen, die seit vier Wochen in Corona-Quarantänestationen um jedes Leben ringen. Ärztinnen, Ärzte, Pflegerinnen, Pfleger, die Menschen zu retten versuchen, die praktisch dabei sind zu ersticken.

Robert Misik, Journalist und Autor

Vieles an unserem Leben, wie wir es jetzt führen, ist im Minimum unbequem, und vieles von dem wird unangenehme Langzeitfolgen haben – für einzelne, für die Wirtschaft als Ganzes. Und viele Menschen haben ganz fürchterliche Existenzsorgen im Augenblick. Aber: Was würden die Menschen, die fast ersticken und die Todesangst haben, dazu sagen? Was würden die Ärztinnen und Ärzte und die Pflegerinnen und Pfleger dazu sagen, die 16 Stunden täglich arbeiten, um jedes Menschenleben zu retten? Und die dabei – das soll man ja nicht vergessen – auch ihr Leben riskieren. 

Wir werden die schlimmste Rezession seit Menschengedenken haben, wenn wir überhaupt aus dem raus sind. Und dann sagen manche: „Im Grunde, letztlich, handeln wir uns diese Rezession ein, die ganz viele schlimme Folgen für ganz viele Menschen haben wird, weil wir nicht bereit sind, ein paar zehntausend Menschen sterben zu lassen.“

Glaubt umgekehrt irgendwer, eine Demokratie könnte je nach Größe des Landes Zigtausende Tote oder Hunderttausende Tote akzeptieren und würde nicht ins Chaos und damit in eine wirtschaftliche Rezession stürzen?

Über den/die AutorIn

Robert Misik

Robert Misik

Robert Misik, 54, ist Journalist, Ausstellungsmacher und Buchautor. Jüngste Buchveröffentlichung: "Die falschen Freunde der einfachen Leute" (Suhrkamp-Verlag, 2020). Er kuratierte die Ausstellung "Arbeit ist unsichtbar" am Museum Arbeitswelt in Steyr. Für seine publizistische Tätigkeit ist er mit dem Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet, 2019 erhielt er den Preis für Wirtschaftspublizistik der John Maynard Keynes Gesellschaft.