Krisentagebuch 016: Das Ende der Globalisierung?

Das Abgesagte, das (wieder) Angesagte und schwarze Schwäne: Journalist und Autor Robert Misik analysiert die Diskursverschiebung durch die Corona-Krise und die Möglichkeiten, die sich nun bieten.
Ddas Wording „Wir gewinnen dieses Spiel“, das von Sebastian Kurz verwendet wird, reiht sich ein in die sogenannte Wettbewerbslogik. Diese Sport-Wettbewerbslogik, Österreich als „Team Österreich“, das zusammenhalten muss, das durch Kampfgeist und Disziplin gewinnen wird. Was auch immer dieses Gewinnen denn ist, und das jetzt als Team Österreich eben besser ist als die anderen Teams. Diese Metapher mit Sportteams macht eine Pandemie, eine Krankheit, zu einem Spiel, wo es einen Gewinner gibt und wo es Verlierer gibt. Und es sind nationale Teams.

Klar ist, dass wir eine Pandemie wie diese natürlich nicht regional oder national besiegen können, sondern da braucht es eine planetarische Antwort und noch viel mehr für die nächste Pandemie dieser Art.

Robert Misik, Journalist und Autor

Was die Krise nicht ist: ein schwarzer Schwan. Eine Metapher, die beschreibt: üblich sind weiße Schwäne, und dann kommt plötzlich ein schwarzer Schwan. Den haben wir noch nie gesehen, und das stellt alles auf den Kopf. Aber das ist keine Schwarzer-Schwan-Krise, die wir jetzt erleben, sondern genau das Gegenteil: Das ist genau jene Art von Krise, die alle erwartet haben, nämlich eine globale Pandemie, hoch ansteckend, die sich schnell ausbreitet, sich auf die Lunge schlägt und aus China kommt. Das waren Modellberechnungen, genau so, wie es jetzt gekommen ist.

Klar ist auch: Die Corona-Krise verschiebt den Diskurs. Und was vorher abgesagt war, ist nun wieder eher angesagt. Beispielsweise ein solidarischeres Gemeinwesen, weil Krisen, Desaster und Katastrophen auch den Zusammenhalt fördern. Privatisierung von allem ist im Moment eher nicht so angesagt, ein funktionierendes staatliches Gesundheitssystem schon eher mehr als noch vor zwei, drei Monaten.

Wie sieht es aus mit den komplexen, an China orientierten globalen Lieferketten? Schutzmasken, Beatmungsgeräte, Schutzausrüstung für Ärzte, Medikamente bekommt man plötzlich nicht mehr. Und das auf einem Weltmarkt mit seinen langen Lieferketten, wo dann plötzlich gerauft wird um knappe Güter. Angesagt könnte also sein, die Globalisierung nicht vollkommen zurückzudrehen, aber durch Re-Lokalisierung zu ergänzen oder zu ersetzen. Der Kunstbegriff dafür lautet „Glocalization“ …

Über den/die AutorIn

Robert Misik

Robert Misik

Robert Misik, 54, ist Journalist, Ausstellungsmacher und Buchautor. Jüngste Buchveröffentlichung: "Die falschen Freunde der einfachen Leute" (Suhrkamp-Verlag, 2020). Er kuratierte die Ausstellung "Arbeit ist unsichtbar" am Museum Arbeitswelt in Steyr. Für seine publizistische Tätigkeit ist er mit dem Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet, 2019 erhielt er den Preis für Wirtschaftspublizistik der John Maynard Keynes Gesellschaft.