Krisentagebuch 011: Die Krise der reinen Vernunft

Verunsicherung trifft auf Ungewissheit: Autor Robert Misik spricht über die Schwierigkeiten, in der Krise die Vernunft zu behalten.
Eine der erstaunlichsten Erfahrungen in dieser Krise ist, wie groß die Schwierigkeiten sind, die viele Leute haben, die Vernunft zu behalten. Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe:

Erstens, es gibt eine wahnsinnige Verunsicherung, ja richtige Angst. Angst um die Gesundheit, Angst um den Arbeitsplatz. Ja, und auch Angst um dieses normale freie Leben, wie wir es gewohnt waren.

Die Welt ist nicht eindeutig. Sie ist fast immer grau, grau, grau und sehr selten schwarz-weiß.

Robert Misik, Journalist und Autor

Zweitens gibt es Ungewissheit. Nicht einmal die besten Forscher der Welt wissen, wie sich das Virus wirklich verbreitet, wie die Kurve sein wird bei uns und anderswo, wie die Kurve der Infizierten ist, die Kurve der getesteten Infizierten, aber auch die Kurve der Dunkelziffer.

Wir wissen auch nicht, wie sich die Kurve derer entwickeln wird, bei denen es keine Dunkelziffer gibt, nämlich bei den Hospitalisierten, also denen, die ins Krankenhaus müssen, und bei den anderen, die intensivmedizinische Betreuung brauchen oder die sogar sterben werden. Man weiß einiges, aber vieles weiß man nicht. Und wenn man vieles nicht weiß, dann gibt es: eminente Unsicherheit. Weil es schwer auszuhalten ist, dass die Dinge nicht so einfach sind …

Über den/die AutorIn

Robert Misik

Robert Misik

Robert Misik, 54, ist Journalist, Ausstellungsmacher und Buchautor. Jüngste Buchveröffentlichung: "Die falschen Freunde der einfachen Leute" (Suhrkamp-Verlag, 2020). Er kuratierte die Ausstellung "Arbeit ist unsichtbar" am Museum Arbeitswelt in Steyr. Für seine publizistische Tätigkeit ist er mit dem Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet, 2019 erhielt er den Preis für Wirtschaftspublizistik der John Maynard Keynes Gesellschaft.