Geht’s den Gewinnen gut, geht’s dem Vorstand gut

Illustration ATX Vorstandsgehälter
Illustration (C) Natalia Nowakowska
Während Normalverdiener*innen gerade um ihre Jobs zittern, teilweise nur noch Lohnersatz aufgrund von Kurzarbeit erhalten oder – wie in den meisten sogenannten „systemerhaltenden Jobs“ – eh schon schlecht verdienen, bleiben hohe Managergehälter von der Corona-Krise auch weiterhin unberührt. Ist das eigentlich fair? Oder andersrum: Wo ist da eigentlich die Leistung?
Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut: So lautete ein Werbespruch der Wirtschaftskammer vor einigen Jahren. Jetzt geht es der Wirtschaft schlecht – und damit uns allen. Wobei, vielleicht nicht allen: Dividenden, Boni und Vorstandsgehälter bewegen sich immer noch in Sphären, in die der oder die durchschnittliche Beschäftigte selten bis nie kommt.

Die Vergütungssysteme von Top-Managern österreichischer Leitunternehmen an der Börse entfernen sich laut der Ökonomin Christina Wieser (Arbeiterkammer Wien) „immer weiter von einer angemessenen und nachhaltig orientierten Vergütungskultur“. Das heißt: Der Abstand zum Einkommen der Beschäftigten nimmt zu. Wieser, die in der Abteilung Betriebswirtschaft der AK Wien arbeitet und seit mehr als zehn Jahren die Vorstands-Vergütungspolitik in den ATX-Unternehmen untersucht, fasst zusammen: „Die Schere geht Jahr für Jahr weiter auf.“

Die Schere geht Jahr für Jahr weiter auf. 

Christina Wieser, Ökonomin, AK Wien

In konkreten Zahlen heißt das: 2018 haben die ATX-Vorstände im Schnitt 2,04 Millionen Euro verdient. Das sind um 18,6 Prozent mehr als 2017. Das Medianeinkommen in Österreich lag dagegen 2018 bei 31.776 Euro. Im Schnitt hat also ein einzelner ATX-Vorstand 2018 das 64-Fache eines Durchschnittsverdieners in Österreich bekommen. Anfang der 2000er-Jahre lag diese sogenannte Manager-to-Worker-Pay-Ratio noch bei 1:20, und damals haben die ATX-Vorstände im Schnitt auch „nur“ das Zwanzigfache der Durchschnittsverdiener verdient.

€ 2,04 Mio.

verdienen ATX-Vorstände im Durchschnitt

64 x

so viel wie der Durchschnitt in Österreich

+ 18,6 %

mehr für ATX-Vorstände von 2017 auf 2018

Bei der Transparenz nachbessern

Aber ist das angemessen? Noch dazu in solchen Zeiten wie im Moment? Christina Wieser: „Was leistet der mehr, der das 64-Fache verdient? Jeder Aufsichtsrat muss im eigenen Unternehmen selbst für Verhältnismäßigkeit sorgen. Das funktioniert nur, wenn man eine Höchstgrenze zieht und eine faire Manager-to-Worker-Pay-Ratio definiert, zum Beispiel 1:12.“ Jedenfalls, so fordert die Arbeiterkammer, soll diese Zahl dann auch im Geschäftsbericht veröffentlicht werden. Dass das noch nicht verpflichtend ist, wertet die AK als schweres Versäumnis. Wieser sieht dringenden Bedarf, das neue Aktionärsrechte-Änderungsgesetz nachzuschärfen. Immerhin, dieses neue Gesetz sieht grundsätzlich mehr Transparenz bei börsennotierten Unternehmen vor.

Geht’s den Gewinnen gut, geht’s dem Vorstand gut?

An der Vergütungsstruktur selbst kritisiert Wieser, dass die Vorstandsboni noch immer fast ausschließlich an finanzielle Zielvorgaben geknüpft sind. Nach dem Motto: Geht’s den Gewinnen gut, geht’s dem Vorstand gut. Hier bräuchte es aus ihrer Sicht eine Bindung an Nachhaltigkeits- und Governance-Ziele, also zum Beispiel an Verbesserungen der Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter*innen, mehr Diversität im Unternehmen, Investitionen in Qualifizierungsmaßnahmen sowie Klima- und Energieziele: „Statt einer einseitigen Orientierung an Gewinn- und Aktienkurssteigerungen muss das Erreichen von Zielen in den Bereichen Umwelt, Soziales, bei Arbeitsbedingungen und in der Unternehmensführung belohnt werden.“

Statt einer einseitigen Orientierung an Gewinn- und Aktienkurssteigerungen muss das Erreichen von Zielen in den Bereichen Umwelt, Soziales, bei Arbeitsbedingungen und in der Unternehmensführung belohnt werden. 

Christina Wieser, Ökonomin, AK Wien

Damit es nicht nur bei reiner Symbolik bleibe, sollten nicht-finanzielle Ziele mindestens zwanzig Prozent der variablen Vorstandsvergütung ausmachen. Als Vorbild nennt Wieser hier etwa die Österreichische Post AG, die 35 Prozent der variablen Vergütung an nicht-finanzielle Ziele wie etwa Umweltziele und Zustellqualität knüpft.

Rekordverdächtig hohe Dividenden

Auch die Dividendenausschüttungen der zwanzig ATX-Konzerne haben mittlerweile einen Rekord erreicht. Sie lagen mit insgesamt 3,22 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2018/19 so hoch wie noch nie, wie der Dividendenreport 2019 der AK Wien offenbart. Das ist um 17,2 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Insgesamt erhöhten ganze 75 Prozent der ATX-Unternehmen ihre Dividendenzahlungen – teils saftig. Zwar lag die durch­schnittliche Aus­schüttungs­quote, also die Aus­schüttungen gemessen am Jahres­über­schuss, mit knapp 40 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres (46,6 Prozent), sind aber laut Ökonom Markus Oberrauter „bei vielen Unter­nehmen noch sehr hoch“. Auch hier sticht die Post heraus, wenn auch aus AK-Sicht nicht gerade vorbildlich: Sie zahlt ihren Aktionären seit Jahren den höchsten Anteil am Gewinn aus. 2019 lag ihre Ausschüttungsquote bei 97,8 Prozent, womit fast der gesamte Gewinn an die Aktionäre ging.

Auch Oberrauter, der den Dividendenreport 2019 der Arbeiterkammer Wien verfasst hat, kritisiert die hohen Dividenden-Ausschüttungen der ATX-Unternehmen. Zum genannten Post-Beispiel sagt er: „Die Arbeitsbedingungen für die Postbeschäftigten werden nicht besser, der Konkurrenzkampf ist groß. Trotzdem schafft es die Post, hohe Ergebnisse zu erzielen.“ Besser wäre es, vom Gewinn mehr in die Aus- und Weiterbildung der Beschäftigten zu stecken. Damit könnte man etwa die Anforderungen der Digitalisierung erfüllen.

Gebot der Stunde: Ende der Ausschüttungspolitik

Sollen Banken in Zeiten der Corona-Krise auf die Ausschüttung verzichten? Das fordern zum Beispiel die Arbeiterkammer oder die SPÖ – und sie bekommen Rückendeckung von Europas Bankenaufsehern sowie der Finanzmarktaufsicht. Denn, so Christoph Klein, der Direktor der Arbeiterkammer Wien, es dürfe nicht sein, dass von den 38 Milliarden des Hilfspakets Unternehmen nun durch die Krise getragen werden und von diesem Steuergeld dann auch noch Gewinne an ihre Aktionäre ausschütten. Steuergeld, das zu 80 Prozent von den Arbeitnehmer*innen stammt. Auch Renate Anderl, AK-Präsidentin, stellt klar: „Jetzt ist nicht die Zeit der großen Dividenden!“ Es sei ein Gebot der Stunde, „dass das Geld im Unternehmen bleibt und nicht das Füllhorn über die Aktionäre ausgeschüttet wird“.

Jetzt ist nicht die Zeit der großen Dividenden! 

Renate Anderl, Präsidentin Arbeiterkammer Wien

Ein Blick ins Ausland: Die schwedische Finanzaufsicht empfahl zum Beispiel allen Banken und Kreditfinanzern, auf den Hauptversammlungen eine Streichung der Dividende vorzuschlagen. Auch die spanische Großbank Santander lässt ihre geplante Zwischendividende bereits ausfallen. Und die deutsche Finanzaufsicht fordert die Banken wenigstens zu Zurückhaltung bei Dividenden und Boni auf. Eindeutige Signale also, die auch in Österreich nicht überhört werden sollten.

Über den/die AutorIn

Alexandra Rotter

Alexandra Rotter

Alexandra Rotter hat Kunstgeschichte in Wien und Lausanne studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin in Wien und schreibt vor allem über Wirtschaft, Gesellschaft, Technologie und Zukunft.