Kontrastreiche Zukunft

Foto (C) Sylvia Kuba/Überall ist Zukunft/ISBN 978-3-99046-371-0
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Die Hans-Böckler-Stiftung hat erarbeitet, wie Mitbestimmung 2035 aussehen könnte. Das Ergebnis sind vier mögliche Zukunftsszenarien.

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Zukunftsprognosen genießen spätestens seit der Finanz- und Wirtschaftskrise, die im Jahr 2008 ihren Ausgang genommen hat, kein gutes Image mehr. Niemand konnte vorhersehen, dass die Pleite einer einzigen Investmentbank die Weltwirtschaft auf den Kopf stellen würde. Auch rasante technologische und politische Entwicklungen machen glaubwürdige Vorhersagen schwieriger. Umso vorsichtiger ging die Hans-Böckler-Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbunds an die Frage heran: Wie kann Mitbestimmung im Jahr 2035 aussehen? Statt für eine genaue Prognose als Antwort hat sich die Stiftung für vier verschiedene Zukunftsszenarien entschieden. Jedes davon könnte genau so eintreffen – oder in einer Variante oder Mischform.

Szenarien als Dialogangebot

Die Szenarien lauten: Fairness, Verantwortung, Wettbewerb und Kampf. Je nachdem, in welche Richtung sich Gesellschaft und Wirtschaft entwickeln, wird auch Mitbestimmung anders aussehen müssen. So heißt es etwa im Szenario Wettbewerb: „Die Gesellschaft ist allgemein unpolitischer geworden. Die frühen 20er Jahre sind durch den Rückzug ins Private geprägt, die Orientierung auf die eigenen Belange und einen guten Lebensstandard. Flexibilität und Mobilität sind das Gebot der Stunde.“ In Bezug auf die Gewerkschaftsarbeit heißt es dazu unter anderem: „Der gewerkschaftliche Organisationsgrad der Arbeitnehmer sinkt ins Bodenlose. Nur noch in den großen Unternehmen einiger Branchen und im öffentlichen Sektor gelingt es den Gewerkschaften, überbetriebliche Tarifabschlüsse zu erzielen. In anderen Bereichen bleiben nur diejenigen Gewerkschaften und Interessenverbände im Spiel, die für ihre Mitglieder einen spürbaren konkreten Mehrwert erbringen können.“ Das Szenario Fairness geht dagegen davon aus, dass die Arbeitswelt demokratischer wird, kollektive Interessenvertretungen an Bedeutung gewinnen, um individuelle Handlungsspielräume zu vergrößern und faire Arbeitsbedingungen abzusichern.

Kein Masterplan

Die Szenarien, welche die Stiftung 2015 erarbeitet hat, sind als Dialogangebot gedacht, als Anregung, darüber zu diskutieren. Michael Stollt hat das Projekt koordiniert und schon zahlreiche Workshops mit diversen Teams dazu durchgeführt. Er sagt: „Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, ein Wunschszenario oder einen Masterplan zur Verfügung zu stellen.“ Von Anfang an war der offene Zugang wichtig, der signalisiert: „Wir wollen nicht die Antworten liefern, sondern alternative, plausible Entwicklungspfade mit euch diskutieren.“ Als Grundlage für einen weiterführenden Diskurs dienen unter anderem die ausformulierten Szenarien, aber auch kurze Zusammenfassungen davon, Audiodateien, Leitfragen, Illustrationen, Artikel und Werkzeugkästen sowie Erklärtexte zur eigenständigen Arbeit mit den Szenarien (siehe mitbestimmung.de/mb2035).

Das Angebot wird seit drei Jahren rege angenommen. Die TeilnehmerInnen, darunter BetriebsrätInnen, GewerkschaftsmitarbeiterInnen, AufsichtsrätInnen, Human-Resources-MitarbeiterInnen, Lehrende und Studierende, arbeiten im Rahmen von Veranstaltungen und Workshops mit den Szenarien. Wer Interesse hat, muss nicht auf die nächste Veranstaltung warten, sondern kann sich an die Stiftung wenden und Michael Stollt ins Unternehmen einladen – oder selbstständig mit dem Tool arbeiten. Meist werden in den Workshops Fragen gestellt, die für die eigene Gruppe relevant sind, und dann Antworten für jedes Szenario erarbeitet. Stollt: „Diese Anschlussfähigkeit ist enorm wichtig, damit es nicht abstrakt bleibt. Je konkreter man die Szenarien auf die eigene betriebliche oder institutionelle Welt überträgt, umso spannender wird es.“ Nicht immer ist Mitbestimmung dabei das zentrale Thema. Es gab etwa einen Workshop mit Studierenden, die über Zukunftsszenarien der Nachhaltigkeit debattierten. Auch die Diskussionsform ist offen: „Wir versuchen bewusst, methodisch nicht vortragsmäßig vorzugehen, sondern die Szenarien gemeinsam zu erkunden und weiterzudenken.“ Der Kreativität sind dabei kaum Grenzen gesetzt, so gab es etwa Improvisationstheater-Workshops.

Im Jahr 2017 fand auch in Wien ein Workshop zur Mitbestimmung statt. Heinz Leitsmüller, Leiter der Abteilung Betriebswirtschaft der AK Wien, nahm gemeinsam mit rund 20 KollegInnen aus AK, Gewerkschaften und Betriebsräten teil. Die TeilnehmerInnen arbeiteten in vier Räumen an den Szenarien. „Die Szenarientechnik hat’s in sich“, berichtet Leitsmüller. „Man kommt damit sehr gut in kreative Lösungsansätze hinein.“ Die Technik fördere die Kreativität viel besser, als wenn angestrengt über Zukunftsindikatoren nachgedacht werde.

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Über den/die AutorIn

Alexandra Rotter

Alexandra Rotter

Alexandra Rotter hat Kunstgeschichte in Wien und Lausanne studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin in Wien und schreibt vor allem über Wirtschaft, Gesellschaft, Technologie und Zukunft.