Kinderarmut muss nicht sein + Podcast

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  1. Seite 1 - Jedes fünfte Kind lebt in Armut
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Jedes fünfte Kind in Österreich ist armutsbetroffen und das in einem der reichsten Länder der Welt. Doch Kinderarmut abzuschaffen ist finanzierbar, plädiert Erich Fenninger, Bundesgeschäftsführer der Volkshilfe Österreich, im Interview.

Kinderarmut: Jedes fünfte Kind in Österreich betroffen

Ein besonderes Anliegen ist Ihnen der Kampf gegen die Kinderarmut. Wie viele Kinder sind in Österreich von Armut betroffen und was bedeutet es für ein Kind, in Armut aufzuwachsen?

Jedes fünfte Kind in Österreich ist armutsbetroffen und das in einem der reichsten Länder der Welt. Im urbanen Raum ist es meist schon jedes dritte. Wenn wir es prozentuell betrachten, dann waren es vor zwei Jahren 18 Prozent, jetzt sind es 21 Prozent. Und vermutlich wird die Zahl im nächsten Jahr noch einmal ansteigen, aufgrund der Pandemie und der Folgeschäden. Auch hier ist es eigentlich unverzeihlich, dass man es im sozialen Österreich nicht schafft, Kinderarmut abzuschaffen. Das klingt vielleicht utopisch, ist es aber nicht.

Welche Einschränkungen erfährt ein Kind, das in Armut aufwächst?

Es sind massenhaft Einschränkungen. Zunächst, was offensichtlich ist, armutsbetroffene Kinder haben Eltern, die wenig Einkommen haben. Das Zweite ist, dass die Kinder in Wohnungen leben, die nicht schön sind, die vielleicht laut sind, dass die Wohnungen untertemperiert sind im Winter; sie sind überbelegt, sie haben hohe Energiekosten und hohe Mietpreise für eine absolut schlechte Qualität. Die Kinderzimmer sind meistens nicht gut ausgestattet, die Eltern haben keinen eigenen Raum für sich, sondern schlafen im Wohnzimmer.

Was bedeutet Kinderarmut für die Entwicklung eines Kindes? Wie organisieren sich Kleinstkinder einen Freundeskreis? Das organisieren sie sich noch nicht selbst, sondern die Eltern laden ein, andere Kinder kommen dazu, man feiert das Kind. Die armutsbetroffenen Kinder werden nicht gefeiert, weil der Wohnraum zu beengt ist, weil das Geld nicht vorhanden ist. Sie werden weniger gewürdigt, sie können nicht einem Sport nachgehen oder einer Kulturaktivität, von formalen Vereinen sind sie ausgeschlossen.

Dann kommen sie in die Schule, sie haben schlechtere Deutschkenntnisse und das nicht aus Migrationsgründen, auch eine schlechtere Visuomotorik, und ich sehe, dass sie massiv von Sorgen belastet sind. Alle Kinder sagen, sie haben Angst, sie haben Sorgen – Wohnungsverlust, Strom nicht zahlen zu können, am Ende des Monats ist zu wenig da zum Essen, die Kinder nennen das die „Toastbrotzeit“. Und wenn man sie fragt, was wünschst du dir, dann sagen sie Sorgenfreiheit.

In der Forschung würde ich sagen, eines der Schlüsselphänomene ist „Learning to live poor“. Die armutsbetroffenen Kinder sind nie interessengeleitet, weil sie wissen, dass die Eltern das nicht finanzieren können. Die sind pragmatisch und wollen eigentlich nur, dass die primären Bedürfnisse finanziert sind. Damit lernen sie, Kinderarmut zu akzeptieren. Sie gehen nicht in den Widerstand zu ihren Eltern, sie sind im Gegenteil hochkooperativ, sie schränken sich selbst ein, damit der Fortbestand der gesamten Familie irgendwie ermöglicht wird.

Einkommensabhängige Förderung

Sie haben daher das Modell einer Kindergrundsicherung entwickelt. Wie schaut das konkret aus?

Die Grundidee ist, dass wir im Sinn der Kinderrechte sagen: Okay, jedes Kind, das in Österreich lebt, sollte einfach einmal den gleichen Betrag bekommen, weil wir sie lieben, weil wir sie wertschätzen. Und dann sehen wir eine Differenz zwischen den Kindern, deren Eltern ausreichend Einkommen haben, und den anderen, die die Bedürfnisse der Kinder nicht befriedigen können. Warum sollte man also nicht eine einkommensabhängige Tangente dazu entwickeln, bei der die Kinder von armutsbetroffenen Eltern mehr bekommen, sodass ihre Bedürfnisse wirklich gedeckt werden.

Erich Fenninger plädiert für eine Kindergrundsicherung. | © Markus Zahradnik

Dieses Geld soll dann direkt an die Familien gehen? Muss man das beantragen?

Diese Idee einer Kindergrundsicherung sollte auf eine halbe Seite Papier kommen, jeder würde sich auskennen. Für jedes Kind gleich viel, rund 200 Euro, und darüber hinaus eine einkommensbezogene Tangente für Kinder in Haushalten, wo es nur 35.000 bzw. 20.000 Euro Jahreseinkommen gibt. Das wäre sehr simpel, das könnte die Republik aufgrund der Verknüpfung mit der Erwerbstätigkeit der Eltern direkt überweisen, und natürlich kommt das Geld bei den Familien an. Interessanterweise machen wir uns immer Sorgen, ob das bei den Armutsbetroffenen ankommt, aber wenn Familienbeihilfe oder der Familienbonus ausbezahlt wird, fragt kein Mensch, ob das in der Familie als Organ ankommt oder für die Kinder verwendet wird. Die Armutsbetroffenen, das kann ich empirisch wie aus der Praxis sagen, die sparen sich ihr Geld vom Mund ab und investieren es ins Kind.

Kinderarmut abschaffen ist finanzierbar

Welcher Betrag müsste einem Kind pro Monat zur Verfügung stehen, damit es nicht von der Kinderarmut ist?

Wir gehen davon aus, dass die Teilhabe eines Kindes in Österreich pro Monat 625 Euro kostet. Warum uns das vielleicht hoch erscheint: Es gibt schon jetzt Familientransferleistungen, und wir müssen nicht alles von unserer Erwerbstätigkeit finanzieren. Wir haben durchgerechnet, dass, wenn wir die Kindergrundsicherung einführen und das so staffeln, 200 Euro für alle und für die ganz Armen eben maximal 425 Euro dazu, das finanzierbar ist. Wenn ich jetzt nur die einkommensbezogene Tangente herausrechne, würde das die Republik in etwa 600 bis 700 Millionen Euro kosten.

Warum halten Sie diesen Ansatz für fairer als den Familienbonus, der nun von der Regierung erhöht wurde?

Es ist ein Steuerbonus, der nach der Familie benannt ist. Es ist also eine steuerliche Entlastung für Menschen, die mehr Steuern zahlen, und keine Hilfe für Menschen, die wenig Steuern zahlen. Aus diesem Grund gibt es ja auch rund ein Drittel der Arbeitnehmer:innen, die de facto nichts von diesem Familienbonus haben. Wir würden es gerne umdrehen, dass man allen Kindern die Anerkennung gewährt mit einem Fixbetrag und dann eine einkommensbezogene Tangente für die Kinder einzieht, die arme Eltern haben. Das wäre relativ simpel und würde auch eine Treffsicherheit mit sich bringen, damit die armutsbetroffenen Kinder von heute nicht die armutsbetroffenen Erwachsenen von morgen werden.

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Über den/die Autor*in

Alexia Weiss

Alexia Weiss, geboren 1971 in Wien, Journalistin und Autorin. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig, u.a. als Redakteurin der Austria Presse Agentur. Ab 2007 freie Journalistin. Aktuell schreibt sie für das jüdische Magazin WINA, für gewerkschaftliche Medien wie die KOMPETENZ der GPA-djp und sie bloggt wöchentlich zum Thema „Jüdisch leben“ auf der Wiener Zeitung. 2021 erschien ihr bisher letztes Buch "Jude ist kein Schimpfwort" (Verlag Kremayr & Scheriau).

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