Kein Ende bei der Dividende

(C) Miriam Mone
Obwohl die meisten ATX-Unternehmen 2020 Gewinneinbußen oder gar Verluste eingefahren haben, haben einige ihre Dividenden sogar noch kräftig erhöht. Es könnte sogar sein, dass Konzerne heuer unterm Strich Rekorddividenden ausschütten.
Vor etwas mehr als einem Jahr waren die ATX-Konzerne noch optimistisch – darauf lassen ihre damaligen Pläne zu den Dividendenausschüttungen schließen. Sie rechneten Anfang April noch damit, 2020 Rekorddividenden von bis zu 3,5 Milliarden Euro ausschütten zu können. Doch es kam anders: Das Jahr stand im Zeichen der Corona-Krise und war auch für die meisten börsennotierten Unternehmen herausfordernd bis schwierig – und das hatte auch Auswirkungen auf ihre Dividendenpolitik.

So verwarfen fast die Hälfte der ATX-Unternehmen ihre optimistischen Dividendenpläne vorläufig wieder. Markus Oberrauter, Autor des jährlichen „Dividendenreports“ der AK Wien, welcher soeben wieder erschienen ist, sagt: „Einige Unternehmen sind erfreulicherweise zurückgerudert.“ Gründe seien neben wirtschaftlichen Unsicherheiten und verschobenen Hauptversammlungen auch die Appelle von Stakeholdern wie AK und ÖGB gewesen. Insgesamt wurden 2020 nur 1,6 Milliarden Euro an Dividenden ausgeschüttet, also weniger als halb so viel wie geplant.

Ein wichtiger Grund für den Rückgang waren auch die Vorgaben der Europäischen Zentralbank (EZB), aufgrund derer die drei im ATX notierten Banken – BAWAG, Erste und Raiffeisen Bank International (RBI) – 2020 ihre geplanten Dividenden ausgesetzt haben. Die EZB hatte die Banken dazu aufgefordert, für das Geschäftsjahr 2019 von Dividendenzahlungen Abstand zu nehmen, um die Finanzmarktstabilität und die Rolle der Kreditinstitute als Kreditgeber sicherzustellen. Darüber hinaus verzichtete die Lenzing AG auf geplante Ausschüttungen. Andritz, Mayr-Melnhof, die OMV und Uniqa reduzierten ihre geplanten Dividenden.

Doch 2021 sieht die Welt für ATX-Aktionär*innen wieder anders aus, wie aus dem „Dividendenreport 2021“ hervorgeht, für den die AK die Höhe der geplanten Dividendenausschüttungen von Österreichs börsennotierten Konzernen analysiert und mit deren Konzernergebnissen verglichen hat. Heuer lagen zum Stichtag 22. April von 17 ATX-Konzernen vollständige Konzernabschlüsse für das vergangene Geschäftsjahr vor. Demnach gelang es nur der Verbund AG, den Gewinn, der den Aktionär*innen zurechenbar ist, im Vergleich zu 2019 zu erhöhen. Alle anderen Konzerne verzeichneten deutliche Einbußen bei den Ergebnissen. Immofinanz und Schoeller Bleckmann Oilfield machten gar Verluste. Insgesamt sank das kumulierte, den Aktionär*innen zurechenbare Ergebnis der 17 Konzerne um mehr als ein Drittel – knapp 39 Prozent – auf 4,9 Milliarden Euro.

Dennoch werden vier ATX-Unternehmen (Uniqa, Mayr-Melnhof Karton, Wienerberger und CA Immobilien Anlagen) ihre Ausschüttungspolitik beibehalten und sieben ihre Dividenden – teils kräftig – erhöhen. Am meisten können sich die Anteilseigner*innen der Andritz AG freuen: Ihre Dividende verdoppelt sich im Vergleich zum Vorjahr. Aber auch die Republik profitiert als Anteilseignerin von den Dividendenerhöhungen bei OMV und Verbund. Die OMV plant mit einer Ausschüttung von 604,9 Millionen (+5,7 Prozent) die höchste Dividendenzahlung innerhalb von zehn Jahren. Oberrauter: „Es kann nicht sein, dass die OMV für das Corona-Krisenjahr nominell eine Rekorddividende zahlt, die teilweise in die ÖBAG wandert und damit auch dem Finanzministerium zufließt.“ Die Republik als Miteigentümerin einiger ATX-Konzerne sollte aus seiner Sicht eigentlich Vorbildwirkung haben.

Dividenden trotz Verlust

Besser fände er es, „die Konzerne würden sich in diesem Jahr mit Dividenden zurückhalten“. Viel wichtiger, als Aktionär*innen profitieren zu lassen, sei es, „in Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu investieren“. Oberrauter nennt als Beispiel die Post AG, wo diese in den Verteilzentren „besonders im Corona-Jahr Enormes geleistet haben“. Zwar ist die Post einer von drei ATX-Konzernen, die ihre Dividenden gegenüber dem Vorjahr fix kürzen (Vienna Insurance Group: -34,8 Prozent, Post: -23,1 Prozent, EVN: -2 Prozent) – bei der S-IMMO gibt es noch keine Festlegung, ob eine Dividende gezahlt wird. Gemessen am Gewinn, ist die Post-Dividende aber mit 91 Prozent beachtlich.

Auffallend findet Oberrauter, dass sogar die Immofinanz, die einen Verlust eingefahren hat, eine Dividende ausschüttet. Er fragt sich: „Ist das das richtige Signal?“ Und vermutet: „Die Unternehmen wollen mit der Dividendenpolitik die Aktionär*innen bei Laune halten und ihnen zeigen bzw. den Anschein erwecken, dass sie trotz Krise zahlungskräftig sind.“ Nur zwei Konzerne planen, heuer keine Dividenden auszuzahlen: das Verlustunternehmen Schoeller-Bleckmann und die Lenzing AG, die marginale Gewinne einfuhr.

Es kann nicht sein, dass die OMV für das
Corona-Krisenjahr nominell eine Rekorddividende
zahlt, die teilweise in die ÖBAG wandert
und damit auch dem Finanzministerium zufließt. 

Markus Oberrauter, AK Wien

Einen Sonderfall im „Dividendenreport“ stellen die Banken dar, da sie aufgrund einer Empfehlung der EZB 2020 keine Dividenden ausbezahlt haben. Der durch die EZB vorgegebene Dividendenstopp läuft vorläufig bis Ende September 2021, eine Ausschüttung ist bis dahin nur unter bestimmten Bedingungen möglich. Laut Empfehlung der Finanzmarktaufsicht sollten Dividenden höchstens 15 Prozent der kumulierten Jahresüberschüsse der Geschäftsjahre 2019 und 2020 (nach Steuern und auf Einzelinstitutsebene) betragen. Die BAWAG hat heuer im ersten Quartal 40 Millionen Euro an die Aktionär*innen bezahlt und plant, im vierten Quartal weitere 420 Millionen Euro auszuschütten. Die RBI behält sich vor, zu den geplanten Dividenden von 157,7 Millionen Euro eine zusätzliche Dividendenausschüttung in Erwägung zu ziehen, sobald die Empfehlung der EZB aufgehoben wird: Diese könnte bei 328,6 Millionen Euro liegen.

Vertrauensbildende Signale

Die Erste Bank Group will zunächst eine Bardividende von 50 Cent pro Aktie auszahlen und eine Reserve von einem Euro pro Aktie für eine spätere Auszahlung bilden. In Summe könnten dadurch bis zu 640 Millionen Euro ausgezahlt werden, womit die Erste sogar die OMV vom Spitzenplatz im Dividenden-Ranking verweisen würde. Barbara Pichler, Betriebsratsvorsitzende der Erste Group Bank, sieht das positiv, auch wenn die Pandemie noch nicht überstanden ist: Mit den 50 Cent sei „im Wissen, dass die Krise noch andauert“, zunächst ein vorsichtiger Erstvorschlag gemacht worden. „Die Auszahlung des zusätzlichen Euro ist abhängig von der weiteren Pandemie-Entwicklung.“ Die Lockerung der EZB-Empfehlung und der positivere Ausblick seien vertrauensbildende Signale an Eigentümer und Investoren: „Beschlossen wird die Dividende letztendlich aber von der Hauptversammlung.“ Heute blicken Pichler zufolge Regulatoren, Zentralbanken und Banken aufgrund steigender Durchimpfungsraten und positiverer Wirtschaftsprognosen zuversichtlicher in die Zukunft.

Investitionen in die Qualifizierung und in die
Zukunft der Mitarbeiter*innen sind die besten
Absicherungen gegen zukünftige Herausforderungen.

Barbara Pichler, Betriebsratsvorsitzende Erste Group Bank

Und wie hoch sollten Dividenden sein, damit sie aus Betriebsratssicht noch fair sind? „Als Aufsichtsrätin sage ich: Eigentümer sind – wie auch Mitarbeiter*innen und Kund*innen – Stakeholder, und es geht darum, eine gute Balance bei den Ausschüttungen zu schaffen.“ Als Betriebsrätin kämpfe Pichler natürlich für die Mitarbeiter*innen. Wünscht sie sich, dass mehr Geld investiert würde, anstatt es an Aktionär*innen auszuschütten? „Natürlich wünsche ich mir als Betriebsrätin mehr. Die Erste Group soll ein attraktiver Arbeitgeber in der Region bleiben.“ Aktuell hält sie eine faire Unterstützung beim Thema Homeoffice und eine gute ärztliche Versorgung in der Zukunft für wichtig. Sie spricht den Kolleg*innen in allen Ländern ihre Hochachtung aus: „Sie haben im vergangenen Jahr durch ihre Loyalität zum Unternehmen und persönliches Engagement schier Unglaubliches geleistet, um den Kund*innen und Mitarbeiter*innen ein stabiles Umfeld in so volatilen Zeiten zu schaffen. Ihnen gebührt Respekt und finanzielle Anerkennung.“ Sie hätten die Erste Group gut durch die schwierige Zeit gebracht. „Damit liegt für mich auf der Hand: Investitionen in die Qualifizierung und in die Zukunft der Mitarbeiter*innen sind die besten Absicherungen gegen zukünftige Herausforderungen.“

Hohe Ausschüttungsquoten

Das findet auch „Dividendenreport“-Autor Oberrauter: „Wir haben in der Vergangenheit gesehen: Unternehmen, die in ihre Fachkräfte und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter investieren, kommen gestärkt aus Krisen heraus.“ Das müssten nicht immer monetäre Investitionen sein, es gehe auch um Aus- und Weiterbildung. Doch Oberrauter hält es für verfrüht, dass Banken Dividenden planen: „Die Kreditinstitute sollten weiterhin besser keine Dividenden ausschütten, weil es immer noch Riesenunsicherheiten gibt: Sie wissen nicht, welche Insolvenzen und Kreditausfälle noch auf sie zukommen. Es wäre besser, die Mittel im Betrieb zu lassen und die Liquidität sicherzustellen.“

Und schließlich kritisiert Oberrauter die Ausschüttungsquote der ATX-Konzerne, also die Dividendenausschüttungen, gemessen am Jahresüberschuss. Diese liegt laut „Dividendenreport“ mit 49,5 Prozent (und bei Berücksichtigung der angedachten Dividendenzahlungen der Kreditinstitute mit 64,9 Prozent) deutlich über dem Niveau der Vorjahre: 2019/20 lag sie bei 19,8 Prozent, 2018/19 bei 38,9 Prozent. Das sei angesichts der wirtschaftlichen Lage nicht einzusehen. Alles, was über ein Drittel der Gewinne hinausgehe, sei „definitiv zu hoch“, auch wenn Oberrauter zugesteht, dass börsennotierte Unternehmen ihren Anleger*innen „ein bisschen was gewähren“ müssten.

Das Dividendenvolumen der 17 untersuchten Unternehmen liegt derzeit übrigens bei 2,4 Milliarden Euro, könnte aber durch die Zusatzdividenden im Spätherbst bei rund 3,2 Milliarden Euro liegen – und das wäre sogar ein weiterer neuer Rekord.

Über den/die Autor*in

Alexandra Rotter

Alexandra Rotter hat Kunstgeschichte in Wien und Lausanne studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin in Wien und schreibt vor allem über Wirtschaft, Gesellschaft, Technologie und Zukunft.