Kassenfusion: Wie Beschäftigte entmachtet wurden

Eine Protestkundgebung gegen die Sozialversicherungsreform mit dem Titel "Es steht viel auf dem Spiel: unsere Sozialversicherung!" am Mittwoch, 12. Dezember 2018, in Wien. Symbolbild für die Sozialversicherung.
Bereits im Dezember 2018 wurde gegen die Sozialversicherungsreform demonstriert. Und das zurecht: Gebracht hat sie Mehrkosten und weniger Einfluss für Arbeitnehmer:innen. | © FOTO: APA/HELMUT FOHRINGER
2018 wurden unter der ÖVP-FPÖ-Regierung die Sozialversicherungsträger fusioniert. Das kostete die Arbeitnehmer:innen Millionen und entmachtete sie zugleich, erklären Claudia Neumayer-Stickler und Julia Stroj in ihrem neuen Buch. Wir verlosen drei Exemplare.
Von 21 Sozialversicherungsträgern auf 5, eine „Patientenmilliarde“ für die Versicherten und 30 Prozent weniger Personal: Die Kassenfusion unter Schwarz-Blau versprach viel. Die Bilanz des Rechnungshofs ist ernüchternd: Statt einer Milliarde Euro an Einsparungen entstand ein Mehraufwand von fast 215 Millionen Euro.

Was unter dem Deckmantel der Reform demokratiepolitisch geschah, ist für die ÖGB-Gesundheitsexpert:innen Claudia Neumayer-Stickler und Julia Stroj genauso beunruhigend. In ihrem neuen Buch „Der Coup“ (ÖGB-Verlag) zeigen sie, wie die Arbeitnehmer:innen in den Entscheidungsgremien der Sozialversicherung entmachtet wurden.

Zu den Personen
Claudia Neumayer-Stickler ist Leiterin des ÖGB-Referats für Gesundheits- und Sozialversicherungspolitik und Vorsitzende der Konferenz der Sozialversicherungsträger, sowie stellvertretende Vorsitzende des Verwaltungsrates der AUVA. Julia Stroj ist Mitglied der Hauptversammlung der ÖGK und Expertin im Referat für Gesundheits- und Sozialversicherungspolitik des ÖGB.

Die Finte der ÖVP-FPÖ-Regierung war in Ihren Augen die Entmachtung der Arbeitnehmer:innen innerhalb der Sozialversicherung. Warum wird oft nur über die „Patientenmilliarde“ geredet?

Claudia Neumayer-Stickler: Die „Patientenmilliarde“ klang für die Bevölkerung gut, weil schon damals Thema war, dass es Probleme im Gesundheitsbereich gibt. Durch Versprechen wie „mehr Kassenärzt:innen“ oder „gleiche Leistungen vom Bodensee bis zum Neusiedler See“ haben viele die Reform positiv erwartet. Die Gewerkschaft hat vor der demokratiepolitischen Komponente gewarnt, aber die schwarz-blaue Regierung hat bewusst nicht darüber gesprochen. Und medial ist man nicht dagegen angekommen.

Claudia Neumayr-Stickler spricht über die Sozialversicherung.
„Über die demokratiepolitische Komponente hat die schwarz-blaue Regierung bewusst nicht gesprochen“, sagt Claudia Neumayer-Stickler. | © Markus Zahradnik

Warum genau war die Fusion so brisant?

Julia Stroj: Seit der Monarchie war ein Kernmerkmal der Sozialversicherung, dass sie selbst verwaltet und in der Hand der Arbeitnehmer:innen war. Sie entschieden selbst über die Verwendung dieser Gelder. Der große Coup von Schwarz-Blau war, den Arbeitgebern die Hälfte des Stimmrechts in den Entscheidungsgremien zu geben, also 50 Prozent. Das war ein eklatanter Machteinschnitt.

Wie kommt es, dass die kommunizierten Einsparungsziele so weit verfehlt wurden, wie ja auch der Rechnungshof 2022 festhielt?

Neumayer-Stickler: Der Gesetzesprozess war von Beginn an nicht darauf ausgelegt, die zu erzielenden Einsparungen transparent darzulegen. Es war offensichtlich, dass es nicht zu 30-prozentigen Personaleinsparungen kommen konnte, weil alles, was mit dem Funktionieren von so einem großen Träger zusammenhängt, ja nicht plötzlich mit so viel weniger Beschäftigten funktionieren kann.

Julia Stroj spricht über die Sozialversicherung.
Die Zusammenlegung der Krankenkassen habe den Arbeitgebern deutlich mehr Macht gegeben, so Julia Stroj. | © Markus Zahradnik

Wie wirkt sich die Reform heute konkret auf die Versicherten aus?

Stroj: Jede Entscheidung des Versicherungsträgers betrifft Versicherte, etwa ob eine Leistung übernommen, ein Gesamtvertrag verbessert oder ein Gesundheitszentrum modernisiert wird. Die Arbeitgeber haben jetzt 50 Prozent des Stimmrechts in den Versicherungsträgern der Arbeitnehmer:innen und sind von den Konsequenzen nicht betroffen – sie haben eine eigene Versicherung, in der Arbeitnehmer:innen nicht mitentscheiden.

Der Interessenkonflikt ist spürbar: Bei der ÖGK will die Arbeitgeberseite Krankenstandskontrollen ausweiten oder Ausgaben einsparen, um Lohnnebenkostensenkungen zu argumentieren. Ähnliches sehen wir bei der AUVA. Außerdem fließt mehr Geld in private Krankenanstalten, während der Druck auf das öffentliche System steigt.

Zum Gewinnspiel

Wir verlosen drei Exemplare des Buchs Der Coup. Wie die Arbeitgeberseite die Sozialversicherung kaperte. Von Claudia Neumayer-Stickler und Julia Stroj (ÖGB-Verlag, 2026). Hier können Sie am Gewinnspiel teilnehmen.


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Über den/die Autor:in

Sarah Kleiner

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