Jetzt ist der Ofen aus

Illustration © Miriam Mone
In der Pandemie können sich viele Menschen Heiz- und Stromkosten nicht mehr leisten und schon gar nicht energiesparende Geräte und thermische Sanierungen finanzieren. Die AK fordert einen Energie- und Klimahilfsfonds, der Energiearmut systematisch bekämpft und die Energie- und Klimawende voranbringt.
Wer seine Stromrechnung nicht mehr zahlen kann, Schulden beim Energielieferanten anhäuft oder aus Geldmangel die Heizung kaum noch aufdreht, ist von Energiearmut betroffen. Und die Lage dürfte sich durch die Corona-Krise weiter verschärft haben. Dorothea Herzele und Sandra Matzinger, Referentinnen in der Abteilung Wirtschaftspolitik bei der AK Wien mit Schwerpunkt Energiepolitik, haben von Sozialorganisationen erfahren, dass das Problem der Energiearmut seit Herbst 2020 laufend zunimmt – wenngleich es noch wenig explizite Zahlen dazu gibt. Die Daten des EU-SILC, einer jährlichen Erhebung über die Lebensbedingungen der Privathaushalte in der EU, liegen für 2020 noch nicht vor. 2019 konnten es sich der SILC-Befragung zufolge knapp 160.000 Personen in Österreich nicht leisten, ihre Wohnung im Winter warm zu halten. 372.000 konnten ihre Energierechnungen nicht pünktlich zahlen. Und ungefähr jede*r elfte Österreicher*in (mehr als 820.000) war mit Feuchtigkeit oder Schimmel in den eigenen Wohnräumen konfrontiert – 158.000 davon Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren. Eine weitere Zahl ist hier interessant: Die AK erhob 2020 in ihrer Studie „So heizt Österreich“, dass rund 16.500 Haushalte über kein fest installiertes Heizungssystem verfügen.

Verdeckte Energiearmut

Sandra Matzinger verweist zudem auf eine Dunkelziffer: „Eine alte verwitwete Frau beispielsweise, die Mindestpension bezieht und in ihrem Haus nur ein Zimmer beheizt, wird niemandem auffallen, denn sie kommt ja über die Runden und zahlt ihre Rechnungen pünktlich.“ Auch Menschen, die aufgrund von Energiearmut ihre Heizung nur auf 18 Grad drehen, scheinen bisher in der Statistik nicht auf, solange sie ihre Rechnungen zahlen. Matzinger: „Die verdeckte Energiearmut ist ein massives Problem.“ Zwar weiß man durch EU-SILC ein bisschen etwas zum Thema Heizen, doch wirklich viel Datenmaterial gibt es über Energiearmut und Stromnutzung auch nicht. Dabei wären Daten dazu besonders jetzt wichtig, denn gerade in Lockdown- und Homeschooling-Zeiten, wo oft die ganze Familie zu Hause ist, steigt der private Strombedarf stark an.

Derzeit müssen Konsument*innen selbst
mit dem Energieanbieter verhandeln und
sind letztlich von seinem guten Willen abhängig. 

Immerhin ist die Anzahl der Haushalte bekannt, denen aufgrund unbezahlter Rechnungen Strom oder Gas abgedreht wurde oder die durch Stundungen bzw. Ratenzahlungen über die Runden kommen – diese Daten, die von der E-Control erhoben werden, gibt es schon aus den Monaten nach dem ersten Lockdown. So wurden 2020 zwischen April und Juni 10.900 Stromabschaltungen nicht durchgeführt, um von Energiearmut betroffenen Haushalten in der Krise zu helfen. Beim Gas wurden 3.500 Abschaltungen nicht durchgeführt. Im Strombereich wurden mehr als 19.000 Stundungen gewährt, rund 7.000 Ratenzahlungsvereinbarungen abgeschlossen und 24.000 Haushalten die Teilzahlungsbeträge weiter reduziert. Doch Herzele und Matzinger schreiben dazu in einem Arbeit&Wirtschaft-Blogbeitrag: „Dies waren grundsätzlich wichtige Maßnahmen, um Haushalten rasch und unkompliziert Hilfe zukommen zu lassen. Eine nachhaltige Strategie wurde jedoch nicht entwickelt. Was passiert nach Auslaufen der Branchenvereinbarung, wenn Haushalte immer noch finanziell belastet sind?“ Sie fordern eine gesetzliche Regelung, die Energielieferanten dazu verpflichtet, Ratenzahlungen über einen Zeitraum von 24 Monaten zu ermöglichen. Derzeit müssen Konsument*innen selbst mit dem Energieanbieter verhandeln und sind letztlich von seinem guten Willen abhängig.

Klimaneutralität

Energiearmut hat sowohl soziale als auch gesundheitliche Auswirkungen. Wer seine Wohnung nicht oder kaum heizen kann, verkühlt sich leichter und wird zudem niemanden einladen. Wer sein Smartphone nicht aufladen kann, kann nicht erreicht werden und niemanden anrufen. Außerdem verweisen Sandra Matzinger und Dorothea Herzele darauf, dass Energiearmut auch dazu führt, dass Menschen nicht in Energieeffizienz investieren. Herzele: „Energieeffizienz durch bessere Geräte und ein thermisch gut saniertes Haus ist ein wesentlicher Schlüssel, um Energiekosten nachhaltig zu reduzieren.“ Es solle keine „Zwei-Klassen-Energie-Gesellschaft“ mehr geben. Matzinger: „Es gibt Haushalte, die wohl informiert darüber sind, wie sie ihren Energieverbrauch senken können, und die auch die finanziellen Mittel dafür haben. Aber es gibt eine große Gruppe, die sich da schwertut. Auf die müssen wir achtgeben, wenn wir Klimaneutralität schaffen wollen.“
Und das ist das erklärte Ziel der Klima- und Energiewende: Österreich will 2040 klimaneutral sein, die EU im Jahr 2050. Dabei verwenden laut AK-Studie „So heizt Österreich“ noch knapp 44 Prozent der Haushalte fossile Brennstoffe, um ihre Wohnräume zu heizen. Der Plan der Regierung sieht vor, dass diese rund 1,65 Millionen Haushalte stufenweise auf andere Heizsysteme umstellen. Spätestens 2035 müssen etwa alle Heizöl- und Kohlekessel ausgetauscht sein.

Zwar gibt es schon jetzt viele Förderungen, wie zum Beispiel für den Heizkesseltausch oder die Installation einer Photovoltaik-Anlage. Herzele: „Doch selbst wenn von Energiearmut Betroffene Förderungen erhalten, hilft ihnen das nicht, weil sie die nötigen Eigenmittel nicht aufbringen können.“ Sandra Matzinger fügt hinzu: „Wenn man armutsbetroffen ist, hat man vor allem andere Sorgen und stellt sich weniger die Frage, ob man neue Fenster einbauen soll oder welchen neuen Heizkessel man anschaffen könnte.“ Die AK fordert daher, dass von Energiearmut Betroffenen die Kosten etwa für einen Heizkesseltausch zu 100 Prozent erstattet werden.

Anlaufstelle

Die Eigenmittel könnten etwa durch den Energie- und Klimahilfsfonds, den die AK fordert, übernommen werden. Dieser Fonds sollte bei der Energiewende unterstützen und von Energiearmut betroffenen Personen und Familien nachhaltig helfen. So sollte er etwa bei thermischen Sanierungen, Energieeffizienzmaßnahmen, Heizungstausch und erneuerbaren Energien unterstützen – sei es durch Beratung oder finanzielle Förderung. Darüber hinaus sollte er sich als Kompetenzzentrum durch Forschungsförderungen um die interdisziplinäre Erforschung von Energiearmut kümmern und auch nationales und internationales Know-how bündeln. Zwei Beispiele: Wenig weiß man zurzeit noch über das Stadt-Land-Gefälle und über die unterschiedliche Betroffenheit der Geschlechter.

Sandra Matzinger berichtet bereits von Interesse an dem Vorschlag seitens der EU-Kommission sowie eines großen Forschungsprojekts: „Das bestätigt uns, dass das eine gute Institution wäre, um effektiv etwas zu verbessern.“ Laut Matzinger und Herzele könnte dieser Fonds für die Bekämpfung der Energiearmut auch eine treibende Kraft für eine klimagerechte Zukunft werden. Und er könnte ein Best-Practice-Beispiel sein, durch das Österreich eine neue Vorreiterrolle einnimmt.

Über den/die Autor*in

Alexandra Rotter

Alexandra Rotter hat Kunstgeschichte in Wien und Lausanne studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin in Wien und schreibt vor allem über Wirtschaft, Gesellschaft, Technologie und Zukunft.