Fit für den Aufschwung – Interview mit Ulrike Huemer, WIFO

Österreich kämpft mit dem stärksten Rückgang der Beschäftigung seit 70 Jahren. WIFO-Ökonomin Ulrike Huemer analysiert: Arbeiter*innen sind stärker betroffen. Qualifizierungsmaßnahmen müssen jetzt ausgebaut werden – um uns fit für den Aufschwung zu machen.
Zur Person
Ulrike Huemer ist Ökonomin am WIFO und arbeitet seit 2001 im Forschungsbereich Arbeitsmarkt, Einkommen und soziale Sicherheit. Sie befasst sich mit der strukturellen Entwicklung von Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit, dem europäischen Vergleich der Arbeitsmarktperformance sowie der Prognose der Nachfrage nach Berufen und Qualifikationen.

Das Interview in Auszügen:

Arbeit&Wirtschaft: Wir haben nun sieben Monate Corona-Krise hinter uns. Wie hat sich der Arbeitsmarkt in dieser Zeit ganz allgemein entwickelt?

Ulrike Huemer: Die COVID-19-Pandemie führte zu den stärksten Beschäftigungseinbußen seit 70 Jahren und verursachte einen dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Dazu muss man sagen, dass die Kurzarbeit noch schlimmere Verwerfungen verhindern konnte, denn sie wurde massiv in Anspruch genommen. Zum Höhepunkt der Krise waren 1,37 Millionen Beschäftigte, im September dann noch 400.000 Beschäftigte zur Kurzarbeit angemeldet.

Was sind Ihre Prognosen für das nächste Jahr?

Wir gehen davon aus, dass die Arbeitslosigkeit jetzt im Herbst und Winter saisonbedingt steigen wird. Für nächstes Jahr sehen wir zwar einen Arbeitslosigkeitsrückgang – aber wir werden nicht auf das Jahr 2019 herunterkommen, also nicht auf Vorkrisenniveau.

Für nächstes Jahr sehen wir zwar einen Arbeitslosigkeitsrückgang – aber wir werden nicht auf das Jahr 2019 herunterkommen.

Die Krise trifft nicht alle gleich. Welche Gruppen sind mehr, welche weniger von Arbeitslosigkeit betroffen?

Was sehr auffällig war in dieser Krise: dass die Arbeiterinnen und Arbeiter massiv betroffen waren. Es gibt dagegen kaum Beschäftigungsrückgänge bei Angestellten, das hat sich wirklich sehr stark auf die Arbeiterinnen und Arbeiter konzentriert.

Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen sind Arbeiterinnen und Arbeiter sehr stark im Beherbergungs- und Gaststättenwesen beschäftigt, und das ist ein Bereich, der sehr hart getroffen wurde. Das Gleiche gilt für die Bauwirtschaft und für die Arbeitskräfteüberlassung. Das sind drei Branchen, die einen sehr hohen Arbeiterinnen- und Arbeiteranteil haben und die auch generell von einem sehr hohen Beschäftigungsumschlag gekennzeichnet sind. Zum anderen haben Arbeiterinnen und Arbeiter einen viel schwächeren Kündigungsschutz als Angestellte.

Porträt Ulrike Huemer
„Junge Menschen in Beschäftigung gehören am Anfang zur Randbelegschaft. Wenn Beschäftigte freigesetzt werden, dann eher die jüngeren, weil sie weniger betriebsspezifisches Wissen haben.“

Unterschiede gibt es auch in den Altersgruppen – aus früheren Krisen wissen wir: Gerade junge Menschen sind besonders von Erwerbsarbeitslosigkeit betroffen. Warum eigentlich?

Junge Menschen in Beschäftigung gehören am Anfang zur Randbelegschaft. Wenn Beschäftigte freigesetzt werden, dann eher die jüngeren, weil sie weniger betriebsspezifisches Wissen haben. Möglicherweise ist auch noch nicht in die Weiterbildung der jungen Mitarbeiter*innen investiert worden. Auch die Kündigungskosten sind mitunter geringer, weil die Kündigungsfristen kürzer sind. Dazu kommt: Wenn der Arbeitsmarkt angespannt ist und die Betriebe zurückhaltend bei der Neuaufnahme von Beschäftigten sind, ist es auch schwieriger, einen Arbeitsplatz zu finden.

Es wird schon – europaweit – von einer „verlorenen Generation“ gesprochen. Wie können wir das verhindern?

Das muss man differenziert betrachten. Für Jugendliche, die eine Lehre machen, gibt es das etablierte Instrument der überbetrieblichen Lehrausbildung. Stellen die Betriebe zu wenige Lehrstellen zur Verfügung, kann so gegengesteuert werden. Dann gibt es Jugendliche, die mit ihrer Schulausbildung fertig sind. Da stellt sich die Frage, ob sie eine Ausbildung anschließen können, ob etwa ein Studium interessant ist. Bei den Studierenden selbst gibt es noch einmal eine andere Problematik, da ein nicht unbedeutender Anteil der Studierenden arbeiten muss, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können.

Will man in Richtung einer Gleichverteilung kommen, dann wird es wahrscheinlich notwendig sein, in der Phase der Kindererziehung die Erwerbsarbeitszeit der Männer an die der Frauen anzupassen – und nicht umgekehrt.

Es wurde schon öfter kommentiert, dass Frauen jetzt in Rollenbilder der 60er-, 70er-Jahre zurückgeworfen werden, weil Schulen und Kindergärten geschlossen waren. Wie können wir das wieder umkehren?

Die Arbeit war bereits vor Corona ungleich verteilt. Diese Schieflage ist jetzt nicht neu, die hat sich möglicherweise verstärkt. Laut der Zeitverwendungserhebung, deren aktuellste Daten leider aus 2009 stammen, erledigen Frauen 63 Prozent der unbezahlten Arbeit – also von der Betreuung der Kinder und Angehörigen bis zum Haushalt. Männer übernehmen eben nur 37 Prozent. Und bei der bezahlten Erwerbsarbeit haben wir ebenfalls eine Ungleichverteilung, weil jede zweite Frau in Teilzeit arbeitet, aber nur jeder zehnte Mann. Will man in Richtung einer Gleichverteilung kommen, dann wird es wahrscheinlich notwendig sein, in der Phase der Kindererziehung die Erwerbsarbeitszeit der Männer an die der Frauen anzupassen – und nicht umgekehrt.

Höre ich da die Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung heraus?

Ich würde sagen, es ist weniger die Frage einer generellen Arbeitszeitverkürzung, sondern einer branchenspezifischen, auf Ebene der Kollektivverträge. Weil die Rahmenbedingungen in den Branchen sehr unterschiedlich sind und auch die Einkommen, die bei Arbeitszeitthemen immer mitgedacht werden müssen. Beispielsweise findet die Freizeitoption in der Elektroindustrie eine sehr gute Resonanz. Da obliegt es den Beschäftigten, ob sie eine Lohnerhöhung haben wollen oder mehr Freizeit. Also ich glaube, es ist vernünftiger, sich Branchenmodelle zu überlegen als ein Modell für alle.

Porträt Ulrike Huemer
„In der aktuellen Situation haben wir einen hohen Arbeitskräfteüberschuss. Ein geeignetes Instrument, um das Arbeitskräfteangebot zu reduzieren, ist die Menschen zu qualifizieren.“

Zurück zu den besonders betroffenen Gruppen: Es ist auch bereits ein Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit zu beobachten.

Ich würde eher auf das Konzept der Langzeitbeschäftigungslosigkeit fokussieren. Langzeitbeschäftigungslos sind jene, die im Wesentlichen länger als ein Jahr ohne Beschäftigung sind. Gemessen am Gesamtbestand an Arbeitslosen, sind es rund ein Drittel aller vorgemerkt Arbeitslosen – ein riesiger Anteil. Diese Gruppe wächst, weil ja bereits vor der Krise Menschen arbeitslos waren, und die haben es jetzt natürlich noch schwerer, wieder in Beschäftigung zu gelangen.

Sollte da nicht eher früher als später der Staat eingreifen und seine Arbeitsmarktpolitik aktiver gestalten, als das bis jetzt der Fall war?

In der aktuellen Situation haben wir einen hohen Arbeitskräfteüberschuss. Ein geeignetes Instrument, um das Arbeitskräfteangebot zu reduzieren, ist die Menschen zu qualifizieren. Sie werden sozusagen fit für den Aufschwung danach gemacht. Es gibt auch jetzt schon Bereiche, wo man Personalknappheit sieht – wenn man zum Beispiel an den Pflegebereich denkt. Genau da könnte man jetzt die Chance nützen und die Personen, die sich dafür interessieren und die dafür geeignet sind, entsprechend qualifizieren.

Meiner Meinung nach gibt es im öffentlichen Bereich teils eine sehr hohe Arbeitsbelastung. Da könnte die öffentliche Hand ihre Rolle als Dienstgeber wahrnehmen.

Arbeiterkammern und Gewerkschaften fordern vehement eine neue „Aktion 20.000“.

Meiner Meinung nach gibt es im öffentlichen Bereich teils eine sehr hohe Arbeitsbelastung. Da könnte die öffentliche Hand ihre Rolle als Dienstgeber wahrnehmen.

Arbeitslosigkeit bedeutet, dass die Betroffenen auf etwa die Hälfte ihrer Einkommen fallen. Damit steigt sofort die Armutsgefährdung. Wäre jetzt nicht ein guter Zeitpunkt, das Arbeitslosengeld zu erhöhen?

Im internationalen Vergleich ist das Arbeitslosengeld in Österreich mit 55 Prozent tatsächlich sehr niedrig. In der jetzigen Phase wurde es auch erhöht, es kam zu einer Einmalzahlung von 450 Euro. Da kann man darüber diskutieren, ob das viel ist oder wenig. Das ist letztlich eine politische Entscheidung. Was mir bei diesem Thema wichtig ist: dass man sich nicht einen Aspekt einzeln herausgreift. Die Arbeitslosenversicherung ist mit der Notstandshilfe und der bedarfsorientierten Mindestsicherung in ein soziales Sicherungsnetz eingebettet. Da sollte nicht allein an einem Rad gedreht werden.

Wenn Sie sich als Arbeitsmarktexpertin drei Maßnahmen aussuchen könnten, die jetzt sofort umgesetzt werden – welche wären das?

Ich würde erstens für die Jugendlichen das Angebot an überbetrieblichen Lehrstellen ausweiten, was ohnehin passiert. Zweitens finde ich den Bereich der Qualifizierung extrem wichtig. Und drittens würde ich Jobangebote schaffen, indem der Staat in beschäftigungsintensive, ökologisch nachhaltige Projekte investiert. Sei es im Bildungsbereich, im Gesundheitsbereich oder in der emissionsarmen Verkehrsinfrastruktur. In Anbetracht der Klimakrise hätten wir damit einen großen Nutzen.

Über den/die AutorIn

Michael Mazohl

Michael Mazohl

Michael Mazohl studierte Digitale Kunst an der Universität für Angewandte Kunst Wien. Als Fotograf und Journalist arbeitete er für österreichische und internationale Zeitungen und Magazine, so auch seit Jahren für die Arbeit&Wirtschaft. Seit November 2018 ist er Chefredakteur (Online) der Arbeit&Wirtschaft.