Jugend: Immer weiter, aber ohne Gerschtl

Fotos (C) Markus Zahradnik
Ein Jahr Krise, doch die Regierung lässt junge Menschen mit ihren Sorgen weitestgehend allein. Susanne Hofer, Vorsitzende der Österreichischen Gewerkschaftsjugend, will trotzdem nicht von einer „Lost Generation“ sprechen.

Arbeit&Wirtschaft: Mit welchen Problemen wenden sich junge Menschen aktuell an die Gewerkschaftsjugend?

Susanne Hofer: Ein sehr großes Problem ist, dass an vielen Schulen der Schichtbetrieb nicht funktioniert. Viele sagen sogar, dass es besser war, als sie ganz daheim waren. Selbstverständlich bleibt dabei auch immer die Frage, was man danach macht. Wo finde ich meinen Platz, wenn es so viele Erwerbsarbeitslose gibt, die vorher schon gearbeitet haben, oder sich die Wirtschaftslage nicht verbessert? Übernimmt mich mein Betrieb? Überlebt dieser das nächste Jahr überhaupt? Viele stehen gerade vor ihrer Lehrabschlussprüfung und haben jetzt einfach Angst, dass sie diese nicht schaffen, und gehen deswegen oft einfach nicht hin. Da gibt es noch immer viel Unsicherheit und Perspektivlosigkeit.

Viele stehen gerade vor ihrer Lehrabschlussprüfung und haben jetzt einfach Angst, dass sie diese nicht schaffen, und gehen deswegen oft einfach nicht hin. Da gibt es noch immer viel Unsicherheit und Perspektivlosigkeit.

Susanne Hofer, Vorsitzende der ÖGJ

Der oder die durchschnittliche Schüler*in hat die Gewerkschaftsjugend vielleicht nicht unbedingt auf Nummer eins der Interessenliste. Was hat Gewerkschaft mit Ausbildung zu tun, was hat man als Schüler*in davon?

Das ist schon verständlich, weil wir primär auf die Berufseinsteiger*innen und Praktikumsabsolvent*innen abzielen. Ich glaube trotzdem, dass es wichtig ist, jetzt einfach auf uns zuzukommen, wenn man nicht mehr weiterweiß. Wir können Perspektiven aufzeigen, die einem vielleicht bisher nicht in den Sinn gekommen sind. Man muss auch beachten, dass mit solchen Krisen vermehrt prekäre Arbeitssituationen auftreten. Hier muss man entgegenwirken, als junge Person darf man sich da nicht reindrücken lassen. Wenn wir unglaublich viele diverse Mitglieder haben, dann werden wir immer stärker und können faire Arbeitsbedingungen für alle umsetzen.

Durch Corona wandelte sich auch die Art, wie man Jugendliche erreicht. Was hat sich da genau verändert?

Wir waren immer unterwegs, in den Lehrwerkstätten, in den Betrieben und in den Berufsschulen, haben mit den Lehrlingen vor Ort gesprochen, diskutiert, sie nach ihren Bedürfnissen gefragt, und das alles haben wir dann in die wenigen Bürotage mitgenommen. Jetzt passiert sehr viel über Online-Sitzungen. Das Allerwichtigste sind gerade Jugendvertrauensrät*innen, die uns berichten, was falsch läuft. Mit diesen Informationen kann man dann zum Gewerkschaftsbund, den Bildungsdirektionen und den Ministerien gehen. Die gute Basisarbeit ist essenziell – alles kommt von unten. Auch gilt es, über Social Media möglichst viele Menschen zu erreichen. Die meisten Fragen bekommen wir nicht telefonisch, sondern über Instagram. Da versuchen wir auch, allen zu antworten und einfach für sie da zu sein.

Dass der Instagram-Handle von @oegj_on_tour zu @oegj.at geändert wurde, heißt also nicht, dass die ÖGJ nicht weiter „on tour“ sein wird?

Genau.

Wir sehen, dass junge Menschen extrem politisch sind und auch klar ausdrücken, was sie brauchen.

Derzeit kämpfen 500.000 Erwerbsarbeitslose um 50.000 Jobs. Wo sollen hier Jugendliche Platz haben?

Ich denke, das hängt am Engagement der Unternehmen. Junge Menschen versuchen am Anfang ihrer Karriere alles zu geben. Deswegen ist es für Unternehmen besonders wichtig, in junge Menschen zu investieren und sie aufzunehmen. Da braucht es auch von der Regierung Maßnahmen, um Perspektiven aufzuzeigen – es braucht mehr Lehrstellen und Jobs im öffentlichen Dienst. Aber genauso müssen Anreize für Unternehmen her, nicht weiter Mitarbeiter*innen einzusparen und quasi die Überstundenpauschalen hochzuschrauben. In dieser Zeit bräuchte es vor allem eine radikale Arbeitszeitverkürzung. Weil wir wissen: Es ist genug Arbeit da – aber sie ist nicht gerecht verteilt. Außerdem werden uns etwa im Gesundheits- und Sozialbereich rund 70.000 Arbeitskräfte fehlen. Die Bedingungen muss man so gestalten, dass es ein attraktiver Arbeitsplatz ist, den junge Menschen anstreben und die dort auch bleiben wollen und nicht wieder nach fünf Jahren gehen, weil sie fix und fertig sind.

Gab es bereits Maßnahmen der Regierung gegen die Jugendarbeitslosigkeit?

Man kann sagen, dass sehr viel Scheinpolitik betrieben worden ist. Eigentlich gab es auch eine Taskforce, doch die hat bisher nicht sonderlich viele Outputs herausgebracht. Schade ist, dass dort nur Beamt*innen sitzen und Sozialpartner oder Betroffene gar nicht miteinbezogen wurden. Schon im Sommer hätte es kurzfristige Maßnahmen gebraucht, um sicherzustellen, dass man 2021 sicher zur Matura oder Lehrabschlussprüfung antreten kann. Auch wenn es wichtig war, Lehrlinge in Kurzarbeit zu schicken, wäre es genauso daran gelegen, Ausbildungsverbünde zu schaffen. Da hätte die Regierung durchaus kreativer sein können. Wir haben einiges vorgeschlagen, aber leider schwimmen die Lehrlinge auch ein Jahr nach Beginn der Pandemie immer noch.

Kann man aus dem vergangenen Jahr auch Positives mitnehmen?

Wir haben ja vor einer „Lost Generation“ gewarnt. Aber die jungen Leute haben sich so tough und wacker geschlagen, dass man echt sagen kann, dass ein großer Teil vermutlich gar keine Narben davontragen wird.

Wir sehen, dass junge Menschen extrem politisch sind und auch klar ausdrücken, was sie brauchen. Wir haben eine Umfrage gemacht: 40 Prozent sagen, sie hätten gerne kostenlose Psychotherapie. Die Krise zeigt mit einer Lupe, wie stark junge Menschen eigentlich sind und was sie leisten. Wir haben ja vor einer „Lost Generation“ gewarnt. Aber die jungen Leute haben sich so tough und wacker geschlagen, dass man echt sagen kann, dass ein großer Teil vermutlich gar keine Narben davontragen wird. Außerdem hat die Krise aufgezeigt, dass vor allem Frauen dieses Land aufrechterhalten. Es ist ein Armutszeugnis für diese Regierung, dass sie ihnen zugesteht: Ja, ihr haltet dieses Land am Laufen, aber mehr „Gerschtl“ dafür gibt es nicht. Ich hoffe einfach, dass sich die Frauen in diesem Land zusammenschließen und sich das nicht gefallen lassen.

Fridays for Future zum Beispiel konnte fast überraschend Zigtausende Jugendliche mobilisieren. Was ist die Rolle der ÖGJ dabei?

Uns ist wichtig, dass bei dieser Diskussion rund um eine klimafreundliche Zukunft die Arbeitnehmer*innen nicht vergessen werden. Insbesondere, dass nicht die Kosten auf sie abgewälzt werden. Die Menschen sollen mitbestimmen können, wie Jobs und Lehrplätze der Zukunft ausschauen. Man kann auch nicht einfach im Geschäft alles nicht Ökologische teurer machen, und die Arbeitnehmer*innen können sich das dann nicht mehr leisten. Wir wollen eine klimagerechte Zukunft für alle.

Was erhoffen Sie sich von 2021?

Die Erkenntnis, dass eine Jobgarantie für alle bis 25 sehr wichtig wäre. Wir haben ganz viele junge Leute, die arbeiten wollen. Wenn man hört, dass es einen Fachkräftemangel gibt, man aber trotzdem keinen Job findet, macht das psychisch was mit einem. Deshalb sollte die Regierung darauf schauen, Jugendliche in der Arbeitslosigkeit so gut wie möglich nicht allein zu lassen. Egal, wie lange – kein junger Mensch in Österreich hat das verdient.

Über den/die Autor*in

Leo Stempfl

Leo Stempfl arbeitet als Redakteur bei einer Wiener Tageszeitung und studiert Publizistik an der Universität Wien. Er brennt für Fußball, Innenpolitik und Reportagen, und war in fast jedem Land Europas. An freien Tagen zieht es ihn in die Berge und er hat einen lebensgroßen Aufsteller von Marko Arnautović im Wohnzimmer.