„Endlich wieder ein Leben haben“ – vida-Generalsekretärin Anna Daimler im Interview

Foto © Markus Zahradnik
Eine alternde Gesellschaft, dringender Personalbedarf und Überlastung in der Pflege: Aus dem Notstand der Pandemie müssen wir für den absehbaren Pflegenotstand die richtigen Schlüsse ziehen, fordert Anna Daimler, Generalsekretärin der Gewerkschaft vida.
Zur Person
Die Betriebswirtin Anna Daimler war Generalsekretärin der Hochschüler* innenschaft, Mitarbeiterin im Kabinett von Verkehrsminister Jörg Leichtfried und ist seit Dezember 2019 Generalsekretärin der Gewerkschaft vida.

Arbeit&Wirtschaft: Erinnern wir uns kurz an das vergangene Jahr: Wir haben dem Pflegepersonal aus dem Fenster applaudiert, sie waren unsere Held*innen. Das war aber auch schon alles. Was muss eigentlich noch passieren, dass sich dieser Held*innenstatus in Form von angemessener und fairer Bezahlung und besseren Arbeitsbedingungen niederschlägt?

Daimler: Vorweg glaube ich, jetzt ist zuallererst wichtig, den Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz an den unterschiedlichen Pflege- und Betreuungspunkten sicherzustellen. Also dass klar ist: Wer wird getestet, für wen stehen Impfungen zur Verfügung. Dann macht es einfach einen Unterschied, ob wir von stationärer Pflege sprechen, über die mobilen Dienste oder über die 24-Stunden-Betreuung.

Ganz grundsätzlich ist es so, dass die Beschäftigten immer mehr das Gefühl haben, sie können ihren eigentlichen Auftrag nicht mehr gut erfüllen.

Ganz grundsätzlich ist es so, dass die Beschäftigten immer mehr das Gefühl haben, sie können ihren eigentlichen Auftrag nicht mehr gut erfüllen. Der ist oft mit einer hohen Selbstmotivation verbunden – sie wollen die Patient*innen und Klient*innen gut versorgen. Das ist aber nicht mehr leistbar, weil wir durch den Personalmangel und eine Art von Pflegeindustrie in die Situation gekommen sind, dass die Arbeit minutengenau getaktet ist. Und wenn etwas mit einer Patient*in nicht so funktioniert, wie es sollte, dann gerät das ganze Werk durcheinander.

Das ausfühliche Interview als Video

Oder es erkranken die Beschäftigten selbst …

Klar, dann reduziert sich das Personal noch einmal, das trifft dann wieder diejenigen, die nicht erkrankt sind. Die müssen das kompensieren.

Diese Problemstellungen im Pflegebereich waren letztendlich schon vor der Pandemie bekannt, oder?

Der Personalmangel in der Pflege ist nicht durch die Pandemie entstanden, der war vorher schon da. Es ist nur jetzt der Fokus darauf gelenkt worden, was auch gut ist. Aber bekannt war der Mangel. Also ich meine, wenn eher liberale Wirtschaftsforschungsinstitute schon sagen: „Wir haben in der Pflege einen Mangel von mehreren tausend Personen“, dann ist echt Feuer am Dach.

Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Was muss jetzt passieren, damit die Arbeitsbedingungen und die Einkommen in der Pflege passen?

Ein wesentlicher Faktor ist, endlich weg von dieser Industrialisierung der Pflege zu kommen. Wir brauchen definitiv mehr Personal, auch um die Patient*innen gut zu versorgen. Ich glaube, jede*r von uns hat Verwandte oder Bekannte, die durch einen Unfall oder aufgrund des Alters oder anderer Umstände Pflege oder Betreuung brauchen. Und da wünschen wir uns alle, dass diese Menschen, die uns nahestehen, gut versorgt sind. Am liebsten natürlich so, wie sie sich das selber wünschen.

Es macht heute einen großen Unterschied, ob man in Wien gepflegt wird oder in Vorarlberg, im Burgenland oder in Niederösterreich. Weil es keine einheitliche Regelung gibt, wie viel Arbeitskraft einem Patienten oder einer Patientin zur Verfügung steht. Das muss einheitlich geregelt werden, das ist wirklich unser wichtigster Punkt. Die Zahlen gehen auseinander und sind auch nicht besonders transparent, was auch bereits der Rechnungshof kritisiert hat.

Wir haben jetzt mit Corona gelernt, dass plötzlich
sehr viel Geld da ist, wenn es politisch gewünscht ist.

Anna Daimler, Gewerkschaft vida

Da spielen auch die Pflegestufen eine Rolle.

Genau, es richtet sich nach Pflegestufen. Um es kurz zu machen: Das ist eigentlich auch für die Bevölkerung nicht transparent. Da braucht es Qualitätsvorgaben aus Sicht der Bevölkerung und aus Sicht des Personals sowie eine deutliche und ganz klare Entlastung der Beschäftigten.

Dazu kommt: Im Prinzip brauchen die Beschäftigten mittlerweile auch ein Recht auf ein planbares Leben. Wir haben schon darüber gesprochen: Wenn Kolleg*innen ausfallen, muss jemand einspringen. Das passiert in der Pandemie jetzt deutlich öfter. Die Einkommenssituation ist natürlich auch ein Thema, wenn es um die Attraktivität des Berufs geht.

Wenn wir uns kurz die Kostenbrille aufsetzen, dann sehen wir zwei Notwendigkeiten: Einerseits braucht es höhere Einkommen, andererseits auch mehr Personal. Wie können wir das finanzieren?

Ich denke, wir haben jetzt mit Corona gelernt, dass plötzlich sehr viel Geld da ist, wenn es politisch gewünscht ist. Letztendlich brauchen wir so etwas wie eine nationale Kraftanstrengung auch in der Pflege. Der Bedarf an Pflegekräften ist jetzt schon hoch, und wir werden als Gesellschaft immer älter.

Wenn man das mit einem nationalen Schulterschluss lösen will, dann brauchen wir einen Ausgleich auf beiden Seiten. Und mit der anderen Seite meine ich die Millionär*innen. Das ist nichts Neues.

Entscheidend, wenn man dieses Thema jetzt endlich lösen will, sind aber der Bund und die Länder. Die Pflegefinanzierung ist im Moment nämlich Kompetenz der Länder. Wenn es den politischen Willen gibt, dann wird sich die Finanzierungsfrage auch lösen lassen.

vida-Generalsekretärin Anna Daimler fordert für Beschäftigte in Gesundheitsberufen: „Sie brauchen ein Recht auf ein planbares Leben.“ Gerade jetzt in der Pandemie. Foto © Markus Zahradnik

Wir sehen ja gerade jetzt, wie schnell sehr viel Geld verfügbar sein kann.

Wenn man das als Notstand definiert, als Pflegenotstand – so wie es die Pandemie ist, sollte das auch sein. Zum Beispiel war für die Rettung der AUA sehr viel Geld da oder schon 2008/09 für die Bankenrettung. Außerdem würde ein großer Teil wieder in das System zurückfließen, das zeigen ja auch verschiedene Studien. Denn es ist auch ein Vorteil für das Gesundheitssystem, wenn sich die Menschen dank besserer Pflege schneller von Krankheiten und Unfällen erholen.

Wie geht es eigentlich mit der 24-Stunden-Betreuung weiter? Meine eigene Oma musste ins Heim, weil ihre beiden Pflegerinnen schlicht nicht mehr kommen konnten.

Wir haben viele solcher Meldungen bekommen. Zuerst einmal muss für die 80.000 in Österreich tätigen 24-Stunden-Betreuer*innen und auch für ihre etwa 50.000 betreuten Personen der Gesundheitsschutz geklärt werden. Die 24-Stunden-Betreuung liegt in den Händen von privaten Agenturen – und die putzen sich im Normalfall ab. Das heißt, die Privatperson, die betreut wird, und die 24-Stunden-Betreuerin müssen es selbst irgendwie schaffen, für den Schutz beider Seiten zu sorgen.

Die 24-Stunden-Betreuer*innen sind zudem in den meisten Fällen Selbstständige. Damit stellen sich für sie die Fragen: Was passiert im Fall einer Quarantäne, etwa bei Grenzübertritten? Was im Fall einer Ansteckung? Der Härtefallfonds ist dafür nicht ausgelegt, das fehlende Geld ersetzt ihnen niemand, da schauen sie durch die Finger. Da braucht es wirklich Akutmaßnahmen, um das zu reparieren.

Es ist wahrscheinlich seit mittlerweile zehn Jahren bekannt, dass wir zu wenig Pflegepersonal haben. Dennoch wurden keine Ausbildungsziele definiert.

Insgesamt haben wir jetzt schon zu wenig Pflegepersonen, und der Bedarf steigt. Es wird prognostiziert, dass wir bis 2030 nicht weniger als 40.000 zusätzliche Kräfte brauchen. Bei den eher schlechten Arbeitsbedingungen und dem wenig motivierenden Gehaltsmodell – wie schaffen wir denn diese vielen zusätzlichen Pflegekräfte?

Es ist wahrscheinlich seit mittlerweile zehn Jahren bekannt, dass wir zu wenig Pflegepersonal haben. Dennoch wurden keine Ausbildungsziele definiert; im Sinne von: „Wir müssen soundso viele Personen pro Jahr ausbilden.“ Da ging echt wertvolle Zeit verloren.

Dazu gehört auch: Wenn sich jemand für eine Ausbildung entscheidet, muss die finanzielle Absicherung stimmen. Im Sommer hatten wir die Situation, dass sich Flugbegleiter*innen zu Pflegekräften umschulen lassen wollten. Das ist aber daran gescheitert, dass sie nur das recht geringe Arbeitslosengeld bekommen hätten. Das geht sich für eine kurze Ausbildung von ein paar Wochen aus, aber nicht für eine Pflegeausbildung, die zwei Jahre dauert.

Aber dann hätten sie einen sicheren Arbeitsplatz?

Das ist der zweite wichtige Bereich: Die Jobs müssen erst entstehen. Ja, es werden Pflegekräfte gesucht, aber es werden zu wenige gesucht, um den Pflegebedarf abzudecken.

Da braucht es also wieder den politischen Willen, das zu lösen. Was wünschen Sie sich jetzt akut für die Beschäftigten in der Pflege?

Entlastung. Ich wünsche mir, dass das Arbeitsleben für die Kolleg*innen wieder planbar wird, dass sie endlich wieder ein Leben haben.

Über den/die Autor*in

Michael Mazohl

Michael Mazohl studierte Digitale Kunst an der Universität für Angewandte Kunst Wien. Als Fotograf und Journalist arbeitete er für österreichische und internationale Zeitungen und Magazine, so auch seit Jahren für die Arbeit&Wirtschaft. Seit November 2018 ist er Chefredakteur (Online) der Arbeit&Wirtschaft.