Ende Dividende

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Die großen Kapitalgesellschaften wurden stark von den wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise getroffen, aber stehen besser da als Klein- und Mittelunternehmen. Doch die Dauer der Krise und mögliche Dividendenausschüttungen können auch ihre Liquidität gefährden.
Die Vorjahre machen es möglich: Die Hochkonjunktur spülte teils Rekordgewinne in die Kassen der größten Kapitalgesellschaften des Landes, und die zwanzig im ATX gelisteten Unternehmen schütteten 2019 mit etwa 3,3 Mrd. Euro mehr Dividenden aus als je zuvor.

Doch wie steht es um die „großen“ Unternehmen heute, nach dem Shutdown? Mit der Corona-Krise ist klar: Die fetten Jahre sind vorbei. Die Gesundheit von uns allen muss Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen haben. Heinz Leitsmüller, Leiter der Abteilung Betriebswirtschaft in der Arbeiterkammer Wien, fasst zusammen: „Die wirtschaftliche Situation ist derzeit immer noch sehr unübersichtlich, die meisten Unternehmen befinden sich noch in einem dichten Nebel und wissen nicht, wie sich die Lage in den nächsten Wochen weiterentwickeln wird. In dieser Situation ist es extrem wichtig, den Überblick zu bewahren und vor allem die Liquidität und Ertragsentwicklung des Unternehmens genau zu beobachten.“

Die wirtschaftliche Situation ist derzeit immer noch sehr unübersichtlich, die meisten Unternehmen befinden sich noch in einem dichten Nebel und wissen nicht, wie sich die Lage in den nächsten Wochen weiterentwickeln wird. In dieser Situation ist es extrem wichtig, den Überblick zu bewahren und vor allem die Liquidität und Ertragsentwicklung des Unternehmens genau zu beobachten.

Heinz Leitsmüller, Leiter der Abteilung Betriebswirtschaft in der Arbeiterkammer Wien

Aufsichtsräte lassen tief blicken

Einen tiefergehenden Einblick in die Unternehmen und deren Situation in der Krise erhalten Betriebsrät*innen, die in Kapitalgesellschaften in den Aufsichtsräten vertreten sind. „Betriebsrät*innen können damit die Auswirkungen auf die Beschäftigten und die Arbeitsplätze besser einschätzen und entsprechend rechtzeitig Maßnahmen einfordern“, führt Leitsmüller aus.

Da die Teilnehmer*innen an der Studie überwiegend in großen Kapitalgesellschaften (Industrie, Finance, Handel, Logistik etc.) tätig sind, sind die Ergebnisse auf Klein- und Mittelunternehmen nicht übertragbar.

Dazu gehören die Umsetzung der Kurzarbeit oder die Umstellung auf Home-Office – also Maßnahmen, mit denen der Staat einerseits Arbeitsplätze rettet und andererseits den Unternehmen – sobald und soweit dies möglich ist – ein schnelles „Hochfahren“ ermöglicht.

Um die Situation der großen Kapitalgesellschaften einschätzen zu können, hat die Arbeiterkammer Wien in einer Studie 483 Betriebsrät*innen in Aufsichtsräten zu ihren Einschätzungen befragt.

Nachfrage eingebrochen

Das größte Problem liegt auf der Hand: Shutdown, Rekordarbeitslosigkeit und -kurzarbeit mit einhergehenden Einkommensverlusten und starker Verunsicherung führen in 60 Prozent der befragten Unternehmen zu einem Rückgang der Nachfrage. In etwa der Hälfte der Unternehmen folgen Kürzungen bei Investitionen. Direkt durch Verbote infolge der gesetzlichen Regelungen betroffen ist etwa ein Viertel der Unternehmen. Weniger eine Rolle spiele fehlende Liquidität bei Kapitalgesellschaften. Von wirklichen Betriebsschließungen war nur jedes zehnte Unternehmen in der Befragung betroffen.

Umsatzrückgänge und Gewinneinbrüche

Eingebrochene Nachfrage bedeutet automatisch eingebrochene Umsätze. Drei von vier Unternehmen dürften Umsatzrückgänge verzeichnen, jedes sechste Unternehmen verliert sogar mehr als die Hälfte des Umsatzes.

Entsprechend negativ fällt die Einschätzung zur Ertragsentwicklung aus: Jedes fünfte Unternehmen dürfte in die Verlustzone rutschen, ein Drittel rechnet mit Gewinneinbrüchen. Nur etwas mehr als 13 Prozent der befragten Betriebsrät*innen geht davon aus, dass die Gewinneinbrüche dieses Jahr noch aufgeholt werden können.

Liquidität mit Ablaufdatum

Immerhin: Mit der Corona-Kurzarbeit konnten Abertausende Arbeitsplätze gerettet werden. Allerdings: Umsätze brechen ein, Fixkosten laufen aber weiter, und mit Fortdauer der Krise erschöpfen sich die Liquiditätsreserven, die sich die Kapitalgesellschaften in den konjunkturell guten Jahren zuvor aufbauen konnten.

Große Unternehmen haben in der Regel höhere Liquiditätsreserven als KMUs. Außerdem haben sie einen größeren Verhandlungsspielraum bei Lieferantenkrediten oder Kontoüberziehungen.

Simon Schumich, Referent für Bilanzberatung und Branchenanalysen der Arbeiterkammer Wien

Simon Schumich, Referent für Bilanzberatung und Branchenanalysen der Arbeiterkammer Wien, erklärt diese etwas vorteilhaftere Situation der Kapitalgesellschaften: „Große Unternehmen haben in der Regel höhere Liquiditätsreserven als KMUs. Außerdem haben sie einen größeren Verhandlungsspielraum bei Lieferantenkrediten oder Kontoüberziehungen.“

Heinz Leitsmüller gibt zu bedenken: „Hohe Umsatzausfälle über mehrere Monate führen dazu, dass vorhandene Liquiditäts- und Eigenkapitalreserven mit der Zeit aufgebraucht werden. Dann droht Insolvenzgefahr.“

Dividenden als Insolvenzbeschleuniger

Wie dramatisch sich die Dauer der Krisenmaßnahmen insgesamt auf die österreichische Wirtschaft auswirkt, zeigt eine gemeinsame Studie des Instituts für höhere Studien (IHS), des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO) und des International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA). Demnach schrumpft die Wirtschaftsleistung Österreichs (BIP) 2020 um 6,0 Prozent, falls wirtschaftliche Tätigkeiten bis Juni nur reduziert möglich sind. Sollten die Maßnahmen Mitte Mai zurückgenommen werden, ist mit einem BIP-Rückgang von „nur“ 4,0 Prozent zu rechnen. Zum Vergleich: Die Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09 führte im Jahr 2009 zu einem BIP-Minus von 3,9 Prozent.

Etwa zwei Drittel der befragten Arbeitnehmervertreter*innen meinen, dass die Krise über drei Monate hinaus dauern wird, jede*r Vierte schätzt die Dauer sogar länger als sechs Monate ein. Monate, in denen die Fixkosten die Liquiditätsreserven der Unternehmen wegfressen. Was die Liquidität zusätzlich gefährden könnte: Wenn genau in dieser Situation Dividenden an die Aktionär*innen ausgeschüttet werden.

Die Auszahlung von Dividenden an die Aktionär*innen entzieht den Unternehmen wertvolle Liquidität und würde die Insolvenzgefahr erhöhen.

Heinz Leitsmüller, Leiter der Abteilung Betriebswirtschaft in der Arbeiterkammer Wien

Leitsmüller appelliert an das Verantwortungsbewusstsein der Kapitalgesellschaften: „Die Auszahlung von Dividenden an die Aktionär*innen entzieht den Unternehmen wertvolle Liquidität und würde die Insolvenzgefahr erhöhen. Eine sehr kurzsichtige Vorgehensweise: Sollte das Unternehmen später tatsächlich insolvent werden, haben auch die Aktionär*innen nichts davon, die Aktie wird wertlos.“

Übernahmen: satte Rabatte verhindern

Simon Schumich sieht Gefahr nicht nur in Insolvenzen – sondern warnt auch vor einem Ausverkauf heimischer Unternehmen: „Um zu verhindern, dass ausländische Finanzinvestoren die Corona-Krise als Discount-Einstiegsmöglichkeit nutzen – vor allem bei kritischen Infrastrukturunternehmen – ist eine Überarbeitung des österreichischen Kontrollmechanismus ausländischer Direktinvestitionen notwendig.“

Eine Überarbeitung des österreichischen Kontrollmechanismus ausländischer Direktinvestitionen ist notwendig.

Simon Schumich, Referent für Bilanzberatung und Branchenanalysen der Arbeiterkammer Wien

In der Verantwortung ist letztendlich also wieder der Staat – um zu regeln, was „der Markt“ nicht oder nur unzureichend regelt. Verantwortung übernommen hat auch die Sozialpartnerschaft. Leitsmüller und Schumich setzen Hoffnung darin, dass die Corona-Sozialpartnerschaft, die sich nicht nur durch das Kurzarbeitsmodell bewährt hat, auch bei anderen Themen wieder zu alten, gemeinsamen Stärken findet. Neben der Existenzsicherung von Unternehmen und Arbeitsplätzen, denen jetzt die höchte Priorität eingeräumt wird, stellen sich weitere große Fragen, die Antworten brauchen: neue Formen der Arbeitsorganisation, das Gesundheitssystem, Digitalisierung, nachhaltiges Wirtschaften und Klimaschutz – letztendlich muss es auch endlich wieder um Arbeitszeitverkürzung gehen.

Über den/die AutorIn

Michael Mazohl

Michael Mazohl

Michael Mazohl studierte Digitale Kunst an der Universität für Angewandte Kunst Wien. Als Fotograf und Journalist arbeitete er für österreichische und internationale Zeitungen und Magazine, so auch seit Jahren für die Arbeit&Wirtschaft. Seit November 2018 ist er Chefredakteur (Online) der Arbeit&Wirtschaft.