Rassismus-Blockade gegen Gewerkschaften

Afrikanische Delegierte beim Gründungskongress des Internationalen Gewerkschaftsbunds in Wien 2006. Die einheimischen Arbeitnehmer*innen aus den ehemaligen Kolonialgebieten der europäischen Mächte hatten erst sehr spät die Chance auf anerkannte gewerkschaftliche Organisation.
© Thomas Reimer/ÖGB
Die europäischen Kolonialmächte verboten einheimischen Arbeitnehmer*innen in Afrika, Asien und Lateinamerika fast immer, Gewerkschaften zu gründen. Mit den Befreiungsbewegungen kam ihre Chance – aber die Globalisierung setzt sie unter neuen Druck.
Wer Ende der 1950er-Jahre zum ersten Mal Geografieunterricht hatte, bekam einen Atlas, der schon nach wenigen Schulstufen überholt war. Er zeigte große Teile Afrikas, viele Gebiete Asiens und auch einige in der Karibik als Kolonien europäischer Staaten, vor allem Großbritanniens und Frankreichs, aber auch der Niederlande, Belgiens, Portugals und Spaniens. Sie hatten ihren riesigen Besitz „in Übersee“ mit Gewalt, Betrug und schäbigen Tricks zusammengeraubt und ihn manchmal auch zum Nachteil von Konkurrenten vermehrt. Dem Vereinigten Königreich gelang dies zum Beispiel nach dem Ersten Weltkrieg, als es die afrikanischen Kolonien des besiegten Deutschlands als Völkerbundmandate übernahm.

Trotzdem wirft der Völkermord nach dem Aufstand einer Befreiungsbewegung im damaligen Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, seine dunklen Schatten bis in das 21. Jahrhundert, wie die aktuellen Nachrichten über Wiedergutmachungsverhandlungen zwischen Deutschland und Namibia sichtbar machen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als auch die Sieger über Hitler-Deutschland und dessen Verbündete geschwächt waren, konnten Befreiungsbewegungen fast überall die Unabhängigkeit erkämpfen, was zum Aktualitätsverlust des Schulatlas führte. Das fiel in die Zeit des Kalten Krieges zwischen den neuen Supermächten USA und Sowjetunion, die in dieser Situation versuchten, ihre Einflusssphären zu sichern und zu vergrößern.

Gegenwind

Vor diesem Hintergrund formierte sich die Gewerkschaftsbewegung außerhalb Europas, abgesehen von Nordamerika, Australien und Neuseeland, wo sich in der Gesellschaft weißer Siedler*innen zum Teil früher als etwa in Österreich Arbeitnehmer*innen zusammenschlossen, aber die indigene Bevölkerung sehr lange Zeit brutal zur Seite gedrängt wurde. Der Gewerkschaftsaufbau in den europäischen Kolonien, die – mit oder ohne einheimische Marionettenregierungen – direkt von den europäischen Mächten kontrolliert wurden, gestaltete sich dagegen besonders schwierig. Wie in den Siedler*innenkolonien wurde den einheimischen Arbeitnehmer*innen auch hier sehr lange das Koalitionsrecht vorenthalten, aber selbst der Organisierung der wenigen weißen Arbeitnehmer*innen waren die Kolonialverwaltungen noch weniger freundlich gesinnt als in den Staaten Europas. Ausnahmen wie Guyana bestätigten nur die Regel: Hier bestand ein enger und guter Kontakt zu den britischen Gewerkschaften.

Das Verhalten der europäischen Gewerkschaften, auch jener, die aus der sozialdemokratischen Arbeiter*innenbewegung hervorgingen, war allerdings oft ebenso wenig frei von rassistischen Vorurteilen wie die Gewerkschaften der weißen Zuwanderer*innen in den Kolonien. In Südafrika gehörten etwa die großen Gewerkschaften der weißen Arbeitnehmer*innen zu den Stützen des Apartheid-Systems.

Die rechtlosen einheimischen Arbeiter in den südafrikanischen Goldminen erfanden vor über hundert Jahren einen Geheimcode durch das Klatschen auf ihre Gummistiefel, um sich ohne Gefahr verständigen zu können. Daraus wurde Gumboot-Dancing. © Bonile Bam

Lebensgefahr

1913 wurde das Siedlungsgebiet der afrikanischen Mehrheitsbevölkerung auf sieben Prozent des Landes beschränkt, die kleinen Landwirtschaften konnten die Familien nicht ernähren, und so suchten die Männer als Wanderarbeiter Jobs in den Bergwerken, jedes Jahr woanders. Sie hatten dadurch kaum eine Chance, sich zu organisieren, als sie es aber trotzdem versuchten, war es lebensgefährlich. Einer von ihnen besuchte in den 1920er-Jahren die österreichischen Arbeiterkammern in Wien und Linz, um über die schwierige Situation zu informieren. Er wurde nach seiner Rückkehr 1928 ermordet.

Später spielten die schwarzen Gewerkschaften Südafrikas eine wichtige Rolle in der Bewegung, die die Apartheid beseitigte. Fast überall in Afrika und Asien beteiligten sich die Gewerkschaften der Einheimischen, die sich mittlerweile zum Teil illegal, zum Teil mit Duldung der Behörden bilden konnten, aktiv an den Befreiungskämpfen. Trotzdem kam es auch in vielen der neuen Staaten weiter zur Verfolgung von Gewerkschafter*innen. Sie hörte manchmal bis heute nicht auf oder sie setzte wieder ein, als die Ausbeutung möglichst billiger Arbeitskräfte Leitmotto der globalisierten Wirtschaft wurde – auch zum Schaden der Arbeitnehmer*innen in den reichen Ländern wie Österreich.

Über den/die Autor*in

Brigitte Pellar

Brigitte Pellar ist Historikerin mit dem Schwerpunkt Geschichte der ArbeitnehmerInnen-Interessenvertretungen und war bis 2007 Leiterin des Instituts für Gewerkschafts- und AK-Geschichte in der AK Wien.