Historie: Im Alltagskampf

Foto (C) Bildarchiv des ÖGB
Nach 2000 zielte die österreichische Regierungspolitik auf die Einschränkung des Sozialstaats und der gewerkschaftlichen Mitbestimmung ab. Vom ÖGB organisierte Protestaktionen und Streiks (hier auf der Baustelle des neuen Innsbrucker Bahnhofs 2003) konnten viele dieser Pläne verhindern oder wenigstens abschwächen. Auch damals ging es schon um Sozialversicherung, Arbeiterkammern und Arbeitszeit.
Foto (C) Bildarchiv des ÖGB
Gewerkschaften sind Kampforganisationen für die Demokratisierung der Wirtschaft, war vor 90 Jahren in "Arbeit und Wirtschaft" zu lesen.
Als Österreich 1918 demokratische Republik wurde, erhielt die Gewerkschaftsbewegung einen neuen Stellenwert. Ihre Bedeutung bei der Durchsetzung einer gerechteren Gesellschaft wurde von vielen aber geringgeschätzt. Das sei, so argumentierten sie, nur einer politischen Bewegung möglich. Die Gewerkschaften würden den Klassenkampf gegen „die da oben“ eher hemmen, weil sie sich mit kleinen Schritten zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensverhältnisse begnügen würden. Dem widersprach Richard Robert Wagner, der Begründer der Wiener Gewerkschaftsschule, 1928 in der „Arbeit und Wirtschaft“ vehement.

Er schrieb: Wenn die freien Gewerkschaften heute lange nicht mehr Vereine unter anderen Vereinen im Gesellschaftsleben sind, die irgendwelche Sonderinteressen ihrer Mitglieder vertreten, also in unserem Fall mehr Lohn und bessere Arbeitszeit, sondern wenn sie immer größere Massen zu gemeinsamen Wirtschaftswillen zusammenschließen und immer größere Macht im Gesellschaftsleben gewinnen, dann wandelt sich ihre Funktion, Gruppenvertretung in den gegebenen zu sein, zu der allgemeinen gesellschaftlichen Funktion, die Wirtschaftsverhältnisse bewusst zu beeinflussen und mitzugestalten …

Damit wandelt sich aber auch wesentlich die soziale Lage der Arbeiterschaft … aus den passiven Arbeitstieren werden mitdenkende, mitlenkende arbeitende Menschen, aus den Wirtschaftsobjekten werden Wirtschaftssubjekte.

Aber die Klassengesellschaft verhindert, dass diese … Entwicklung organisch und friedlich vor sich gehe. Die Herrschaftsklasse versucht, die Arbeiter wieder in die Galeerentiefen hinabzustoßen. Und so vollzieht sich der Aufstieg in erbittertem, zähem Klassenkampf, im Alltagskampf der freien Gewerkschaften um schrittweise Vergrößerung des Lohnanteiles an den Arbeitsprodukten, um Verkürzung der Arbeitszeiten, Verbesserung der Betriebsverhältnisse und der sozialpolitischen Rechte, kurz um Durchsetzung der Wirtschaftsdemokratie gegenüber den absolutistisch gesinnten, feudal-herrschaftlich auftretenden Unternehmern.

Das Image gewerkschaftlicher Interessenvertretung als Routineangelegenheit ohne Emotionen war für Wagner so falsch, wie es nur sein kann:

Ist denn unser Gewerkschaftskampf, also unser Wirtschaftskampf im Produktionsprozess, seitdem er über die bloße Lohn- und Arbeitszeitfrage hinausgekommen ist, eine gewisse Lohnhöhe und eine bestimmte Freizeit errungen hat, wirklich so alltäglich grau, nüchtern und ideallos? Rückt der Funktionswandel der freien Gewerkschaften nicht die gleichen hohen Ziele gesellschaftlicher Macht, menschlicher Freiheit und Selbstbestimmung vor unsere Augen wie der politische Kampf?

Die Sprache der 1920er-Jahre ist uns fremd geworden und im überparteilichen Österreichischen Gewerkschaftsbund verzichtet man auf Begriffe wie „Klassenkampf“. Die Aussage Wagners könnte aber aktueller nicht sein: Sozialer Fortschritt und demokratische Mitbestimmung im ArbeitnehmerInneninteresse werden nie freiwillig zugestanden, sie müssen erkämpft und verteidigt werden – besser am Verhandlungstisch, aber bei Notwendigkeit auch mit Demonstrationen und Streiks.

Ausgewählt uns kommentiert von
Brigitte Pellar
Historikerin

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 8/18.

 

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