Historie: Der Teufelskreis der Bildungsarmut

Wandbild im Gemeindebau Sandleitenhof
Wandbild im Gemeindebau Sandleitenhof. Mit besseren Wohnungen, fortschrittlichen Kindergärten und Schulen baute das „rote Wien“ nach 1918 die ersten Bildungsbarrieren ab. Was auch bis heute fehlt, zeigte sich in den Pandemie-Lockdowns.
(C) Sammlung Pellar
Bildungsarmut war über Jahrhunderte für die Mehrheit der Arbeitenden Normalzustand. Der Sozialstaat hat viel verbessert, aber ganz konnte er die Bildungsbarrieren noch immer nicht beseitigen. AK und ÖGB kämpfen dafür, diese Ungerechtigkeit zu beenden.
Meine Großmutter kam vor 120 Jahren aus dem ungarischen Siebenbürgen nach Kärnten. Sie erzählte mir oft, dass sie mit zwölf Jahren nicht mehr in die Schule gehen durfte und sich manchmal unter das Fenster des Klassenzimmers schlich, um zuzuhören, und dabei oft bitterlich weinte. Ihr ging es damals wie fast allen Kindern aus Arbeiter:innen-Familien und aller anderen Armen: Die Tür zu Bildung und Wissen war für sie fest verrammelt. In Österreich und Böhmen endete die Schulpflicht zwar mit 14 Jahren, aber die Behörden schauten bei Kinderarbeit sehr oft weg. Wenzel Holek aus Böhmen, der später ein engagierter Gewerkschafter wurde, schilderte in seinen Erinnerungen den Teufelskreis der Bildungsarmut:

„Sehnsüchtig wartete ich, bis wir zum Lesen kämen … Ich ahnte ja nicht, dass meine Eltern schon wieder einen neuen Wanderplan beschlossen hatten. … Nach meiner Heimkehr nahm ich meinen Schulbesuch wieder auf. … Bevor der Winter verging, … hatte (ich) meine Kameraden so ziemlich eingeholt … Schlechter ging es mir dann, als ich kurze Zeit später wieder der Schule entrissen wurde und auf einen neuen Bahnbau wandern musste.

Zu Hause ermutigte mich niemand. … Die Mutter verstand von all dem, was die Schule betraf, nichts und blieb höchst gleichgültig. … Heute weiß ich wohl, dass nicht sie allein die Schuld trifft, dass es vielmehr der Fluch der gesellschaftlichen Verhältnisse war, der von einer Generation Armer auf die andere übertragen wird. Und mich traf das Unglück der geistigen Verkrüppelung doch noch nicht so hart wie meine Geschwister. Sie alle haben noch viel weniger, ja fast gar nichts in der Schule gelernt.“

Solche Zeiten sind vorbei, seit der Sozialstaat aufgebaut wurde, aber die Folgen jahrhundertelanger Diskriminierung wirken nach. Noch immer sind die Bildungschancen in Österreich ungleich verteilt, wie zuletzt die Lockdowns wieder sichtbar machten. Deshalb ist es so wichtig, dass AK und ÖGB nicht lockerlassen, wenn es um den Kampf gegen Bildungsarmut geht.

Über den/die Autor*in

Brigitte Pellar

Brigitte Pellar ist Historikerin mit dem Schwerpunkt Geschichte der ArbeitnehmerInnen-Interessenvertretungen und war bis 2007 Leiterin des Instituts für Gewerkschafts- und AK-Geschichte in der AK Wien.