Helikoptergeld: Wenn es tausend Euro regnet

Wirtschaft Krise Illustration Helikoptergeld
Illustration (C) Natalia Nowakowska
Helikoptergeld. Früher waren es eher nur ein paar Spinner*innen unter den Ökonom*innen, die vorschlugen, der Staat solle jedem Bürger bzw. jeder Bürgerin einfach einen hohen Geldbetrag überweisen. Jetzt wird diese Idee populär. Selbst der Finanzminister will eine solche Maßnahme nicht ausschließen. Was wären die Vorteile einer solchen Aktion?
Wer vergangene Woche Finanzminister Gernot Blümel in der „ZiB 2“ sah, der traute Augen und Ohren nicht. Erst verkündete der Finanzminister, dass ihm auch ein Budgetdefizit von mehr als fünf Prozent keine schlaflosen Nächte bereiten würde, da lebenserhaltende Maßnahmen für Unternehmen und Arbeitsplätze wohl wichtiger wären; und zum Abschluss wollte er auch den Einsatz eines besonders gewagten ökonomischen Instrumentes nicht ausschließen: „Helikoptergeld“. In einer Lage wie dieser, so Blümel, könne man zu Maßnahmen greifen, die man noch vor Tagen für undenkbar gehalten hätte, aber „Helikoptergeld“ wäre allenfalls dann sinnvoll, wenn das Virus besiegt sei und die Wirtschaft angekurbelt werden müsse.

Davor hatte schon Donald Trump angekündigt, die US-Regierung oder die US-Notenbank werde demnächst jeder Bürgerin und jedem Bürger rund 1000 Dollar überweisen, und wenn die Krise länger andauere, sogar mehrmals.

Was ist also jetzt „Helikoptergeld“

… und warum kam es gerade in den vergangenen Jahren in die Diskussion?

Zunächst handelt es sich um eine simple Geldüberweisung von Regierung oder Zentralbank an die Bürger. Natürlich fliegt kein Hubschrauber herum und bewirft die Menschen mit Geldbündeln. Seinen schlagzeilenträchtigen Namen hat die Idee wohl aufgrund eines Gedankenexperimentes, das der marktradikale Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman 1969 aufstellte: „Lasst uns einmal annehmen, eines Tages fliegt ein Helikopter über das Land und wirft 1000-Dollar-Noten aus dem Himmel herab, die die Menschen natürlich sofort einsammeln …“

Lasst uns einmal annehmen, eines Tages fliegt ein Helikopter über das Land und wirft 1000-Dollar-Noten aus dem Himmel herab …

Milton Friedman, marktradikaler Ökonom, 1969

Helikoptergeld ist also eine direkte Geldleistung des Staates an die Bürger, entweder direkt durch die Zentralbank, die, wie der Volksmund sagt, das Geld einfach „druckt“ (heute eher: die es mit einer Computeroperation per Buchung schafft), oder durch die Regierung, die sich wiederum bei der Zentralbank über Kreditaufnahme das Geld besorgt (die Zentralbank schafft dann das Geld). Für die Einzelnen ist das irrelevant, aber für die Bilanz der Notenbank nicht ganz.

Aber würde das Geld in die Realwirtschaft fließen?

Diese Idee hat in den letzten Jahren erheblichen Zuspruch in der akademischen Welt gefunden, da die Stabilisierungsmaßnahmen nach der Finanzkrise ein paar ungewollte Folgen zeitigten: die Notenbanken finanzierten die normalen Banken mit billigem Geld, in der Hoffnung, die würden dann das Geld an die Realwirtschaft weitergeben und die Konjunktur würde stärker anspringen. Tatsächlich ist aber sehr viel Geld in die Finanzmärkte geflossen, es wurden Aktien, Wertpapiere, Finanzderivate, Immobilienimperien auf billige Weise zusammengekauft. Die Reichen wurden reicher, und in der Realwirtschaft kam nur ein Bruchteil des Geldes an. Die Idee wurde populär, weil durch Direktzahlungen an die Bürger*innen der Finanzsektor einfach übergangen werden hätte können.

Helikoptergeld zur Konjunkturbelebung?

Letztendlich ist Helikoptergeld eine rein konjunkturbelebende Maßnahme. Es gibt freilich auch viele Expert*innen, die sie für eine nicht ganz schlaue Idee halten. Natürlich, würde man Bürger*innen  1000 Euro schenken, würden viele einen Großteil des Geldes ausgeben und der Konsum würde wieder die Wirtschaft beleben. Viele würden es aber auch sparen oder ihre Schulden bezahlen. Wenn man also die Wirtschaft beleben will, ist es sinnvoller, dass der Staat selbst das Geld investiert, etwa in Straßenbau, neue Energieversorgung, in den ökologischen Umbau, in die Bundesbahnen, in Wohnungsbau und -sanierung, in Schulen … Kurzum: Gibt der Staat das Geld aus, fließt es vollständig in die Wirtschaft, geben es Privatpersonen aus, nur zum Teil – ein Teil landet am Sparbuch oder in anderen Anlagen.

Gibt der Staat das Geld aus, fließt es vollständig in die Wirtschaft, geben es Privatpersonen aus, nur zum Teil – ein Teil landet am Sparbuch oder in anderen Anlagen.

Andererseits wäre Helikoptergeld natürlich eine eher „gerechtere“ Form der Wirtschaftsbelebung. Jeder Bürger und jede Bürgerin erhält den gleichen Betrag, da es aber mehr Gering- und Normalverdiener als Superreiche gibt, würden die „normalen Menschen“ überproportional profitieren.

Was, wenn die Wirtschaft mangels Konsummöglichkeiten nicht belebt werden kann?

Eines gilt es aber noch zu bedenken, und da hatte Gernot Blümel sicher recht: All das funktioniert natürlich nur in einer „normalen“ Krise. In einer Situation, in der die Firmen geschlossen sind, die Fabriken nicht produzieren, die Geschäfte nichts verkaufen können (da sie geschlossen sind), würde die Wirtschaft natürlich nicht wirklich stimuliert, wenn man den Bürger*innen einfach Geld auf das Konto überweist. Die Maßnahme wäre auch nicht besonders treffsicher: Nicht alle Menschen haben im Augenblick vergleichbare Einkommensverluste. Beschäftigte in Firmen, die weiterarbeiten, haben zur Zeit keine Einbußen, Staatsbedienstete und Rentner*innen ebenso wenig, andere wiederum verlieren gerade hundert Prozent ihres Einkommens.

Aber wie gesagt: Wenn die Gesundheitskrise gelöst ist, die Menschen wieder Arbeit haben und die Firmen wieder aufsperren, kann es ein Instrument sein, bei dem die Vorteile seine unerwünschten Nebenfolgen überwiegen.

Redaktioneller Hinweis

Unser Autor Robert Misik analysiert hier das Für und Wider einer möglichen Maßnahme in einer Krise, die gerade diskutiert wird. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass es sich dabei um eine Forderung von Gewerkschaften, ÖGB oder Arbeiterkammer handelt.

Über den/die AutorIn

Robert Misik

Robert Misik

Robert Misik, 54, ist Journalist, Ausstellungsmacher und Buchautor. Jüngste Buchveröffentlichung: "Die falschen Freunde der einfachen Leute" (Suhrkamp-Verlag, 2020). Er kuratierte die Ausstellung "Arbeit ist unsichtbar" am Museum Arbeitswelt in Steyr. Für seine publizistische Tätigkeit ist er mit dem Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet, 2019 erhielt er den Preis für Wirtschaftspublizistik der John Maynard Keynes Gesellschaft.