Glauben, was man gerne glaubt

In Zeiten von Fake News ist Skepsis gegenüber sozialen Medien oft berechtigt. Und doch bieten sie gerade für Betriebsräte große Chancen.
Im November postete Willi Mernyi, leitender Sekretär des ÖGB, auf Face­book ein Video, in dem er die Situation von Mülkiye Laçin beschrieb. Die Freizeitpädagogin, die an einer Wiener Volksschule arbeitet, wird in der Türkei an der Ausreise gehindert. Mernyi erklärte, dass Laçin diese Arbeit seit 30 Jahren mache, und fuhr fort: „Aber gestern ist sie nicht zur Arbeit gekommen. Sie war auch vorgestern nicht bei der Arbeit. Auch am Tag davor nicht. Seit drei Monaten war sie nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz. Aber nicht, weil sie krank oder verhindert oder im Urlaub ist. Sondern, weil sie in der Türkei festsitzt.“ Gegen Ende des eineinhalbminütigen Kommentars sagt Mernyi: „Es gibt diese tolle Petition, bitte unterschreibt sie. Holen wir Mülkiye nach Hause.“

Die sozialen Medien bieten sich an, unser Kerngeschäft zu transportieren: die Emotion, die Empathie, die Solidarität.

Willi Mernyi, leitender Sekretär des ÖGB

Willi Mernyi ist ein leidenschaftlicher Nutzer sozialer Medien wie Facebook und YouTube. Regelmäßig postet er solche Videos, in denen er meist dazu aufruft, aktiv zu werden: „Ich verwende Facebook zur Mobilisation. Ich mache kaum Videos, in denen ich den Menschen die Welt erkläre, sondern sage: So ist die Situation, bitte macht was, bitte unterschreibt’s.“ Die sozialen Medien seien der richtige Ort, um Geschichten zu erzählen, die Emotionen wecken: „Die sozialen Medien bieten sich an, unser Kerngeschäft zu transportieren: die Emotion, die Empathie, die Solidarität.“

Vorteil der Bubble

Beispiele wie jenes von Mülkiye verfehlen ihre Wirkung selten – anders als nackte Zahlen. Im Jahr 2018 konnte Mernyi mit der Geschichte über den Pflasterer Günther, der täglich mehrere Tonnen Pflastersteine hebt, extrem viel Aufmerksamkeit in den sozialen Medien gewinnen. Er trug die Geschichte beim ÖGB-Bundeskongress vor – ein Ort, wo sie noch vor 20 Jahren geblieben wäre oder es vielleicht gerade noch in die Zeitung des nächsten Tages geschafft hätte. Jetzt gelangt sie über Facebook, YouTube & Co. an Zigtausende Menschen. Und sie ist nach wie vor abrufbar, während die Tageszeitung rasch im Altpapier landet.

Doch was ist diese Aufmerksamkeit wert? Schließlich werden durch Algorithmen ohnehin hauptsächlich Menschen erreicht, die empfänglich für gerade diese Botschaften sind – im konkreten Fall die Argumentation gegen den 12-Stunden-Tag. Mernyi: „Ich bin mir bewusst, dass meine 7.000 Facebook-Follower eine Bubble sind.“ Aber das habe auch einen Vorteil: „Es ist besser, man mobilisiert in seiner Bubble, als den Freiheitlichen zu erklären, warum es wichtig ist, einer Frau zu helfen, die Mülkiye heißt.“

Über Erfolge berichten

Mernyi sieht etwa die amerikanische Gewerkschaft als Vorbild, die zu Festen wie Weihnachten oder Halloween postet, welche Produkte aus gewerkschaftlicher Sicht guten Gewissens gekauft werden können. So etwas begeistert Mernyi, weil hier konkrete Handlungsanweisungen gegeben werden: „Wir sind Weltmeister darin, den Leuten zu erklären, was sie nicht tun sollen, und raunzen, dass man nicht bei Amazon einkaufen soll. Aber wenn du den Menschen erzählst, was sie guten Gewissens kaufen können, ist das ein positiver Zugang.“ Mernyi sieht noch viel ungenutztes Potenzial. Besonders gut kann er sich vorstellen, dass BetriebsrätInnen diese Kanäle nutzen, um für ihre Anliegen mobilzumachen und über Erfolge zu berichten.

BetriebsrätInnen leisten großartige Arbeit, aber vergessen oft darauf, diese zu verkaufen. Dankbarkeit ist keine politische Kategorie. Man darf darüber reden, wenn man Gutes tut.

Norbert Ramp, Teamleiter Online und Kommunikation der AK Oberösterreich

Doch gerade in dieser Zielgruppe sind nicht alle sozialen Medien gegenüber offen. Das weiß Norbert Ramp, Teamleiter Online und Kommunikation in der Arbeiterkammer Oberösterreich. Er leitet immer wieder Seminare zum Thema im ÖGB und sieht soziale Medien als große Chance für BetriebsrätInnen – aus praktischer Sicht wie aus Gründen der Eigenwerbung: „BetriebsrätInnen leisten großartige Arbeit, aber vergessen oft darauf, diese zu verkaufen. Dankbarkeit ist keine politische Kategorie. Man darf darüber reden, wenn man Gutes tut.“ Abgesehen davon, bieten sich Messenger-Dienste zur schnellen und unkomplizierten Koordinierung an. Ramp weiß etwa von Transportunternehmen, in denen die MitarbeiterInnen verstreut arbeiten, dass WhatsApp, Signal & Co. die Abstimmung im Alltag extrem erleichtern. Gleiches gelte für Schichtbetriebe: „Man überwindet Raum und Zeit.“

Graue Haare bei Deep Fake

Die Problematik von Deep Fake:

Durch künstliche Intelligenz werden Bilder und Videos hergestellt, die nur noch von Profis als Fälschungen erkannt werden.

Soziale Medien haben nicht nur einen guten Ruf. In den vergangenen Jahren wurde publik, wie persönliche Daten dieser Plattformen und Netzwerke verwertet, verkauft, gehackt und ausspioniert wurden. Es herrscht auch eine Grund­skepsis darüber, ob man die dort verbreiteten Informationen überhaupt glauben kann – Stichwort Fake News. Norbert Ramp: „Jene Betriebsrätinnen und Betriebsräte, die eh schon eine Skepsis mitbringen, sind dadurch noch mehr abgeschreckt.“ Manche lehnen daher soziale Medien per se ab. Dabei seien Falschnachrichten keine Erfindung sozialer Medien. Sie finden sich auch in klassischen Medien, Boulevard- und Gratiszeitungen und werden über Presseaussendungen verbreitet. In seinem Seminar vermittelt er, wie sich Nachrichten und Bilder verifizieren lassen und dass eine Portion Hausverstand beim Hinterfragen von Informationen nützlich ist. Allerdings werden die Methoden, mit denen falsche Informationen verbreitet werden, immer undurchschaubarer. Mittels Deep Fake werden etwa durch künstliche Intelligenz Bilder und Videos hergestellt, die nur noch von Profis als Fälschungen erkannt werden. Ramp „Bei Deep Fake bekomme auch ich graue Haare.“ Ramp ist gespannt, welche weiteren Entwicklungen die Zukunft bringen wird.

Doch viele sind einfach unsicher, ob und wie sie Kommunikationsplattformen wie Twitter, Facebook, YouTube und WhatsApp für sich nutzen können. Sie wissen nicht, was sie veröffentlichen dürfen und was nicht. Im Seminar erfahren sie etwa, dass sie sich an das Medienrecht halten müssen. Ramp: „Vorwürfe, die man nicht belegen kann, und Aussagen, die kreditschädigend sein können, sollte man nicht posten.“ Das Medienrecht regelt auch, welche Bilder man verwenden darf. BetriebsrätInnen, die im Aufsichtsrat sitzen, müssen sich ebenfalls an Regeln halten und dürfen etwa nicht aus Sitzungen posten. Generell ist Ramps Eindruck, dass BetriebsrätInnen sehr vorsichtig sind und sich in der Regel „dreimal absichern“, bevor sie etwas posten. Der Ausspruch „Ein Schriftl, ein Giftl“ habe schließlich Berechtigung – egal, ob das „Schriftl“ gedruckt wird oder auf einem Bildschirm erscheint.

Kontrollverlust durch Zeitknappheit

Christoph Höllriegl, stellvertretender Leiter der ÖGB Kommunikation, weist unter anderem in Seminaren für den VÖGB (Verband Österreichischer Gewerkschaftlicher Bildung), in denen es um das postfaktische Zeitalter geht, darauf hin, dass Nachrichten schon immer manipuliert wurden. Früher seien es reiche Kaufleute und andere Mächtige gewesen, und mit dem Buchdruck nahm die Verbreitung manipulierter News zu. Durch die „Neuen“ Medien, die ja gar nicht mehr so neu sind, passiere es heute, dass Nachrichten oft keiner eindeutigen Quelle zuzuordnen sind: „Wenn etwas plakatiert wird, sieht man schnell, wer dahintersteckt. Bei Dark Posts in sozialen Medien kann man das oft nicht mehr einfach kontrollieren.“

Wenn etwas plakatiert wird, sieht man schnell, wer dahintersteckt. Bei Dark Posts in sozialen Medien kann man das oft nicht mehr einfach kontrollieren.

Christoph Höllriegl, stellvertretender Leiter der ÖGB Kommunikation

Ein großes Problem sieht Höllriegl in der schnellen Mediennutzung, wenn wir etwa in der U-Bahn binnen Sekunden durch etliche Nachrichtenhappen zappen, ohne über ihren Wahrheitsgehalt nachzudenken: „Es gibt eine Breite, Fülle und Masse an Informationen, und in begrenzter Zeit kann man nicht so gut bewerten, ob sie stimmen.“ Außerdem glaube man gern, was man gerne glaube: „Wenn mich das richtige Posting auf der Gefühlsebene trifft, denke ich vielleicht nicht mehr darüber nach, ob es ein Fake sein könnte oder wer es verfasst hat.“ Komplexe Themen wie etwa die Selbstverwaltung in der Sozialversicherung via soziale Medien zu erklären, sei hingegen eine besondere Herausforderung.

Die eine Lösung für diese komplexen Entwicklungen gibt es wohl nicht. Aber es gibt etwas, das einen wichtigen Beitrag leistet. Höllriegl: „Ich glaube, dass wir an einer grundsoliden Bildung bis ins hohe Alter nicht vorbeikommen werden.“ Dann lässt man sich vielleicht nicht mehr sofort von einem wütend oder traurig machenden Posting emotional mitreißen, sondern hinterfragt erst mal den Hintergrund einer jeden Information.

Weiterbildungsangebote:
www.voegb.at/seminare

Von
Alexandra Rotter
Mediensprecherin von AK-Präsidentin Renate Anderl

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 10/19.

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Über den/die AutorIn

Alexandra Rotter

Alexandra Rotter

Alexandra Rotter hat Kunstgeschichte in Wien und Lausanne studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin in Wien und schreibt vor allem über Wirtschaft, Gesellschaft, Technologie und Zukunft.