Design, das süchtig macht
Im Zentrum der Studie rund um die Aufmerksamkeit steht das sogenannte Addictive Design: gezielt entwickelte Funktionen, die Nutzer:innen möglichst lange auf Plattformen halten sollen. Forschende des Instituts für Höhere Studien (IHS) analysierten 55 Kriterien solcher Designelemente und bewerteten TikTok und Instagram mit einem Ampelsystem. Demnach fördern TikTok und Instagram klar ein suchtähnliches Nutzungsverhalten. Besonders gefährdet sind Kinder und Jugendliche, deren Selbstkontrolle und Belohnungssysteme noch in Entwicklung sind. „Was auf sozialen Medien zu beobachten ist, durchzieht aber die gesamte digitale Ökonomie – von Dating-Apps über Fitness-Tracker bis zu Online-Shops. Überall dort, wo Geschäftsmodelle auf der Aufmerksamkeit von Nutzer:innen aufbauen, haben sich Praktiken durchgesetzt, die systematisch auf Kontrollverlust abzielen,“ so Laura Wiesböck, IHS-Studienautorin.
Überall dort, wo Geschäftsmodelle auf der Aufmerksamkeit
von Nutzer:innen aufbauen, haben sich Praktiken durchgesetzt,
die systematisch auf Kontrollverlust abzielen.
Laura Wiesböck, IHS-Studienautorin
Zu den wichtigsten Methoden des Addictive Designs zählen die Möglichkeiten des endlosen Scrollens, sowie das automatische Abspielen von Videos und Push-Benachrichtigungen. Infinite Scroll, also das scheinbar unendliche Scrollen, verhindert natürliche Pausen. Auto-Play lässt hingegen Inhalte ohne aktive Aufforderung starten, während Push-Benachrichtigungen am Smartphone eine künstliche Dringlichkeit erzeugen. Hinzu kommt die intransparente Rolle der Algorithmen: Sie spielen vor allem Inhalte aus, welche die Verweildauer maximieren, nicht das Wohlbefinden. Und bei dem, was uns aufregt, bleiben wir hängen. Deshalb verbreiten sich Falschnachrichten zum Beispiel über Asylpolitik auch auf Social Media so schnell.
Altersbeschränkung trotz Datenschutz
Parallel zu den Suchtmechanismen untersuchte das Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften die Altersverifikation im Netz für soziale Medien und Webseiten, die europaweit diskutiert und getestet wird. Das Ergebnis: Viele bestehende Verfahren greifen tief in die Privatsphäre der Nutzer:innen ein, etwa durch biometrische Gesichtserkennung oder Ausweiskontrollen.
Gleichzeitig wird diskutiert, ob es staatliche Lösungen geben könnte. Besonders die bewährte ID-Austria würde sich dafür anbieten, um im Web das Alter von Menschen zu bestätigen. Allerdings könnten diese neue Überwachungsrisiken bieten, wenn es beispielsweise um Pornographie-Plattformen, Spieleplattformen oder Ähnliches geht. Die zentrale Herausforderung ist, dass Jugendschutz nicht zum Datenschutzproblem werden darf.
Welche Mechanismen setzen #SocialMedia Plattformen ein, um Nutzer:innen möglichst lange am Bildschirm zu halten?
Mit dieser Fragestellung hat sich die IHS-Studie ADDICT beschäftigt, die im Auftrag der Arbeiterkammer Wien erstellt wurde.
irihs.ihs.ac.at/id/eprint/73…— Institut für Höhere Studien (IHS) (@ihs.ac.at) 12. Februar 2026 um 09:41
Verantwortung der Unternehmen
Die Arbeiterkammer fordert aufgrund dieser Studien strengere Regeln auf EU-Ebene, etwa im geplanten Digital Fairness Act der Europäische Kommission. Er soll Praktiken im Internet regulieren, um beispielsweise vulnerable Gruppen wie Kinder und Jugendliche zu schützen. Organisationen in ganz Europa können Vorschläge einbringen. Konkret wünscht man sich unter anderem Verbote bestimmter Designpraktiken wie Infinite Scroll oder Autoplay, mehr Transparenz bei Algorithmen, versteckte Like-Zahlen für Minderjährige sowie echte Kontrollmöglichkeiten über die eigene Nutzungszeit. Plattformen sollen zudem stärker haftbar gemacht werden, anstatt die Verantwortung allein auf Nutzer:innen zu übertragen.