Gedenken: Das Judentum (fast) hinter sich gelassen

In den Anfängen der österreichischen Gewerkschaftsbewegung finden sich einige Kämpfer mit jüdischer Herkunft. Dieser Aspekt wurde in der bisherigen historischen Auseinandersetzung allerdings weitgehend ausgeblendet.

Inhalt

  1. Seite 1 - Jüdische GewerkschafterInnen vor 1938 in Österreich
  2. Seite 2 - Kleine Gruppen als Vertretung der jüdischen Arbeiterbewegung in Wien
  3. Seite 3 - Die jüdische Herkunft bleibt oftmals unerwähnt
  4. Seite 4 - Jüdisches Erbe?
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Jüdische GewerkschafterInnen?

Anders gefragt: Wer ist aus heutiger Perspektive ein jüdischer Gewerkschafter, eine jüdische Gewerkschafterin? Nicht umsonst scheiden sich auch unter ExpertInnen die Geister. „Ich weiß nicht, ob man von jüdischen Gewerkschaftern sprechen kann, außerhalb eines jüdischen Kontexts, einer jüdischen Arbeiterbewegung“, betont der Politikwissenschafter und Soziologe John Bunzl im Gespräch mit der Arbeit&Wirtschaft.

Nach Lektüre seiner 1975 erschienenen Arbeit „Klassenkampf in der Diaspora. Zur Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung“ wird klar: Eine solche gab es vor allem in Osteuropa, zur Zeit der Monarchie in Österreich daher fast nur in Galizien. Die jüdische Arbeiterbewegung bezog ihre Identität weniger aus der Religionszugehörigkeit, sondern vielmehr aus der Sprache, dem Jiddischen, erklärt Bunzl. Anders als ZionistInnen wollte man sich im bisherigen Lebensumfeld behaupten. Das beschreibe der jiddische Begriff „Doigkeit“, was so viel bedeutet wie „hier sein, da sein“.

Eine zentrale Rolle kam dabei der 1897 gegründeten Bewegung „Bund“ zu. Im heutigen Österreich hat der Bund allerdings kaum nachhaltige Spuren hinterlassen. Bunzls These dazu hat mit Sprache zu tun: „Weil Jiddisch dem Deutschen so ähnlich ist, war der Übergang vom Jiddisch sprechenden in den Deutsch sprechenden Kontext viel leichter.“ Aufgrund der sprachlichen Nähe haben sich Juden und Jüdinnen hierzulande also nicht in eigenen Jiddisch sprechenden Gewerkschaften zusammengeschlossen, sondern in bestehende integriert.

Aber es gab auch in Wien kleine Gruppen, die sich als Vertretung der jüdischen Arbeiterbewegung verstanden. Ihnen spürte der Historiker und Judaist Thomas Soxberger in seinem 2013 erschienenen Buch „Revolution am Donaukanal“ nach. Demnach standen sich in Wien zwei Gruppen gegenüber: Jene, die dem Bund nahestanden und jene, die für die Auswanderung nach Palästina eintraten (die Poale-Zion-Ideologie). Gemeinsam war den beiden Bewegungen, dass sie für jüdische Autonomie und die Anerkennung der jiddischen Sprache eintraten. In beiden Fraktionen gab es Kräfte, welche die Annäherung oder das Aufgehen in der kommunistischen Partei anstrebten. Ansonsten konkurrierte man ideologisch.

Linker Rand

Für Poale Zion war etwa auch der Schriftsetzer Leo Rothziegel (1892–1919) aktiv. Er erhielt beim Druckerstreik 1913 die erste von vielen Gefängnisstrafen, wie Peter Haumer in seinem 2017 erschienenen Band mit dem Titel „Bitte schicken Sie uns einige Maschinengewehre und Zigaretten“ festhält. 1918 stieß der Revolutionär zur radikal linken Wehrgruppe „Rote Garde“, die von Egon Erwin Kisch und Bernhard Förster gegründet worden war und nach russischem Vorbild eine Rätediktatur anstrebte.

Die jüdische Arbeiterbewegung in der Leopoldstadt und in der Brigittenau beschränkte sich auf kleine Zirkel, die ideologisch eher am linken Rand der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei angesiedelt waren. 

Thomas Soxberger, Judaist

Grundsätzlich hält Soxberger aber fest: „Die jüdische Arbeiterbewegung in der Leopoldstadt und in der Brigittenau beschränkte sich auf kleine Zirkel, die ideologisch eher am linken Rand der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei angesiedelt waren.“

In der Sozialdemokratie selbst finden sich einige jüdische VertreterInnen und ebenso in den freien Gewerkschaften. Sie lebten meist aber kein religiöses Leben, waren assimiliert und einige von ihnen verstanden sich auch nicht mehr als Juden und Jüdinnen. Für Bunzl stellt sich daher die Frage, „warum man auf die jüdische Identität hinweist. War es ihre eigene Identität?“

Denn an jenen, die mit der Fremdzuschreibung arbeiten, mangelt es nicht: Neben den Antisemiten, die dies aus niederen Motiven tun, gibt es auch jüdische PatriotInnen oder Nationalis­tInnen, „die unbedingt überall herausfinden wollen, ob er oder sie Jude oder Jüdin war, um ihn oder sie für das Judentum zu vereinnahmen“, so Bunzl. Er ergänzt: „Ich glaube, beides ist nicht ganz koscher.“ Man müsse also klarstellen: Er oder sie war von der Herkunft her jüdisch, nicht aber vom Selbstverständnis. Die Historikerin Brigitte Pellar kommt zu einem anderen Schluss. Zwar betont auch sie, dass sich die meisten GewerkschafterInnen jüdischen Glau­bens nicht als solche wahrnahmen, es von daher problematisch ist, sie nun rückwirkend als jüdisch zu definieren. Zugleich betont sie aber: „In der historischen und politischen Einschätzung können wir auf jeden Fall nicht mehr hinter den Holocaust zurück.“ Dem ist viel abzugewinnen, sieht man sich die Biografien von Gewerkschaftern wie Bermann oder Ackermann an.

Der Nationalsozialismus brachte einen Bruch in den jeweiligen Biografien. Bloß eins muss auch festgehalten werden: Ihre Verfolgung war nicht, wie dies in historischen Abrissen der Gewerkschaftsbewegung, aber auch auf entsprechenden Gedenktafeln bis heute insinuiert wird, nur auf ihr politisches Engagement als Sozialdemokraten oder Gewerkschafter zurückzuführen. Diese Männer wurden auch rassisch verfolgt. Pellar verweist zudem auf den Umstand, dass auch Gewerkschafter wie Hugo Breitner (1873–1946), der sich weder zum religiösen noch zum zionistischen Judentum bekannte, antisemitischen Angriffen ausgesetzt waren. Die jüdische Herkunft spielte also im Umfeld sehr wohl eine Rolle.

Die Historikerin Anna Staudacher publizierte 1988 unter dem Titel „Sozialrevolutionäre und Anarchisten“ zu frühen ArbeiterInnenorganisationen in der Monarchie. Darin hielt sie fest: „Jüdische Arbeiter hatten in dieser Zeit noch keine eigenen Organisationen, sie traten den lokalen Arbeitervereinen und Gewerkschaften bei. Manche verließen ihre Religionsgemeinschaft, legten ihre jüdische Identität ab, andere behielten sie. Der Anteil jüdischer Arbeiter am Aufbau der frühen österreichischen Arbeiterbewegung wurde bis jetzt – wohl aus politischen Gründen, in der Befürchtung, man könne dadurch der Sache schaden – kaum untersucht.“

Foto (C) Christian Fischer
Der Manfred-Ackermann-Hof in Wien-Brigittenau. Dem Gewerkschafter und Sozialdemokraten gelang in der NS-Zeit die Flucht in die USA – in den 1960er-Jahren kehrte er jedoch wieder nach Österreich zurück.

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  1. Seite 1 - Jüdische GewerkschafterInnen vor 1938 in Österreich
  2. Seite 2 - Kleine Gruppen als Vertretung der jüdischen Arbeiterbewegung in Wien
  3. Seite 3 - Die jüdische Herkunft bleibt oftmals unerwähnt
  4. Seite 4 - Jüdisches Erbe?
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Über den/die AutorIn

Alexia Weiss

Alexia Weiss

Alexia Weiss, geboren 1971 in Wien, Journalistin und Autorin. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig, u.a. als Redakteurin der Austria Presse Agentur. Ab 2007 freie Journalistin. Aktuell schreibt sie für das jüdische Magazin WINA, für gewerkschaftliche Medien wie die KOMPETENZ der GPA-djp und sie bloggt wöchentlich zum Thema „Jüdisch leben“ auf der Wiener Zeitung. 2014 erschien ihr bisher letzter Roman ENDLOSSCHLEIFE (Verlag Iatros).