Erneuerbare Energien: Alles, was ihr volt!

Mann arbeitet an einer Photovoltaikanlage. Symbolbild für die Erneuerbare Energie.
Der Ausbau der erneuerbaren Energie ist entscheidend für die Industrie. | © Adobestock/dusanpetkovic1
Bis 2030 will Österreich seinen Strom vollständig aus erneuerbaren Energien beziehen. Das tut nicht nur der Umwelt gut. Energiekosten sind entscheidend für den Erhalt von Industrien, Wertschöpfung und Arbeitsplätzen im Land.
Die Verbund AG elektrisiert Österreich: Der Konzern – großteils im Besitz der öffentlichen Hand – produziert 40 Prozent des in Österreich benötigten Stroms. „Wir sind das wertvollste Unternehmen der Republik“, konstatiert Kurt Christof, Vorsitzender der Konzernvertretung der Arbeitnehmer:innen. Seit mehr als 45 Jahren arbeitet er im Unternehmen, seit 20 Jahren im Aufsichtsrat. Aufgrund der wichtigen Rolle der Verbund AG für die heimische Energiebranche kennt er somit wesentliche Entwicklungen auf dem Strom- und Energiemarkt aus eigener Anschauung. Und er weiß um die Probleme, die mit der Umstellung der österreichischen Wirtschaft auf erneuerbare Energien einhergehen. Die Zielvorgabe scheint klar: Bis 2030 will Österreich 100 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energien beziehen. Gefragt über den Stand der Entwicklung, meint Christof: „Wir sind sehr unglücklich darüber, wie der Umbau bislang vonstattengeht. Vor allem der dringend nötige Netzausbau stockt. Hier geht einfach nichts voran.“

Massiver Anstieg bei erneuerbaren Energien

Dieser Ansicht sind auch Expert:innen aus Arbeiterkammer und ÖGB. So vermisst die ÖGB-Energieexpertin Angela Pfister eine strategische Ausrichtung in der Politik. „Es gibt keinen Plan, wie eine Energie- und Industriepolitik aussehen kann. Dabei wäre das für den Standort extrem wichtig, damit Schlüsselindustrien und Wertschöpfung sowie Beschäftigung im Land erhalten bleiben.“ Pfister betont auch die Wichtigkeit des Ausbaus der Energie-Infrastruktur und der Netze.

Portrait Angela Pfister im Interview zum Thema erneuerbare Energien.
Angela Pfister drängt auf einen Plan für eine Energiepolitik. Dies sei entscheidend, um den Standort zu stärken und Arbeitsplätze im Land zu sichern. | © Markus Zahradnik

„Elektrifizierung wird immer bedeutender, vor allem, wenn mehr Industriezweige wie etwa die Papier- oder die Stahlindustrie auf Elektrizität setzen, um ihren Energiebedarf zu decken.“ Tatsächlich prognostizieren auch Statistiken der E-Control einen deutlichen Anstieg des Strombedarfs bis zum Jahr 2040, wobei die Bereiche Industrie, Mobilität und Wasserstoffproduktion die größten Sprünge nach oben verzeichnen.

Bei erneuerbaren Energien den Ausbau-Turbo anwerfen

Um den wachsenden Strombedarf zu bewältigen, muss das Stromnetz massiv ausgebaut werden – das birgt ein riesiges Beschäftigungspotenzial. Eine im Mai 2024 veröffentlichte Analyse des österreichischen Übertragungsnetzbetreibers Austrian Power Grid (APG) spricht von einem der größten Investitionsprogramme in Österreich für die kommenden zehn Jahre, welches insgesamt 90.000 Beschäftigungsverhältnisse schaffen könnte. Das sind rund 9.000 Vollzeitjobs pro Jahr. Wie Joel Tölgyes, Energieexperte der Arbeiterkammer Wien, betont, geht dies allerdings mit einem massiven Investitionsvolumen einher. Er spricht von Geldern in Höhe von zumindest 20 Milliarden Euro, die in den kommenden zehn Jahren bei der APG und den Verteilernetzen ausgegeben werden müssen.

„Das heißt, dass wir in diesem Zeitraum doppelt so viel in die Stromnetze investieren müssen, wie wir es in den vergangenen zehn Jahren getan haben“, sagt er. Laut Angaben der APG dürfte sich dieser Aufwand jedoch lohnen. Deren Studie spricht von einer Bruttowertschöpfung in Höhe von 6,6 Milliarden Euro aufgrund des bis 2033 geplanten Investitionsprogramms. Stimmen diese Zahlen, würden über 70 Cent jedes ausgegebenen Euros in Österreich verbleiben. In einem Ende September 2023 veröffentlichten „10-Punkte-Plan für Standort und Beschäftigung“ bestätigt auch der ÖGB das wirtschaftliche Potenzial eines Umbaus im Stromsektor.

Infografik: Bis zum Jahr 2033 will die APG 9 Milliarden Euro in das Stromnetz in Österreich investieren.

Überschuss-Probleme

Doch warum braucht es überhaupt derartige Investitionen? Hier kehren wir zu den Äußerungen von Kurt Christof über die stockende Energiewende in Österreich zurück. Er berichtet von starken Ungleichgewichten im österreichischen Stromnetz. „Der Ausbau von Photovoltaik-Anlagen wird durch den Staat gefördert. Durch diese Anlagen entstehen aber Erzeugungsspitzen, die wir nicht wegkriegen. Wir können auch den durch Photovoltaik hergestellten Strom nicht speichern, da der Ausbau von Speicherkapazitäten bislang versäumt wurde. Das heißt, dass wir etwa Wasserkraftwerke zeitweise abregeln müssen, wenn es gerade einen Überschuss an durch Photovoltaik produzierten Strom gibt.“ Auch hier stimmt Joel Tölgyes zu: „Das Stromnetz muss immer austariert sein. Es muss immer so viel eingespeist werden, wie verbraucht wird.“

Photovoltaik und Windenergie seien sehr volatile Formen der Stromgewinnung und Schwankungen immer eine Möglichkeit. „Es kann zu Überschüssen kommen, die dann entweder ins Ausland abgegeben oder gespeichert werden müssen. Kommt es umgekehrt zu Engpässen, braucht es Kraftwerke, die im Notfall zugeschaltet werden können.“ Derartige Notfallmaßnahmen, die in der Branche „Redispatch-Maßnahmen“ genannt werden, kosten Geld. „Wir haben voriges Jahr 130 Millionen Euro für Ausgleichsmaßnahmen ausgeben müssen“, berichtet Kurt Christof in Bezug auf die APG. Zu verhindern seien solche Vorfälle nur durch einen langfristigen und sorgfältig geplanten, effizienten Ausbau des Stromnetzes, so Tölgyes.

Portrait Kurt Christof, Arbeitnehmer:innenvertreter bei der Verbund AG im Interview zu erneuerbaren Energie.
Das Stromnetz müsse dringend ausgebaut werden, sagt Kurt Christof, Arbeitnehmer:innenvertreter bei der Verbund AG. Aber da gehe einfach nichts voran. | © Markus Zahradnik

Wer zahlt’s?

Wer soll nun die riesigen Kosten stemmen? Schon die Stromgewinnung an sich hat ihren Preis. „Energiekosten sind ein wesentlicher Standortfaktor“, sagt Angela Pfister, auch mit Blick auf die USA, wo Strom um bis zu zwei Drittel billiger sei als in EU-Ländern. China und die USA hätten zudem schon lange begonnen, massiv in ihren Umbau zu investieren. In der Europäischen Union habe es hingegen lange keine aktive Industriepolitik gegeben. Stattdessen habe man auf Export und Globalisierung gesetzt. Energiekosten kämen in der aktuellen Standortdiskussion zu kurz. Dabei sind energieintensive Unternehmen von hohen Energiepreisen besonders betroffen – darunter fallen die Metallerzeugung und -bearbeitung, die Papierindustrie, die chemische und pharmazeutische Industrie sowie die Herstellung von Glas, Keramik und Zement.

Hinzu kommt, dass private Haushalte einen überproportional hohen Anteil der Netzkosten tragen, wie Joel Tölgyes betont: „Haushalte sind für rund ein Viertel des Stromverbrauchs verantwortlich, tragen aber 40 Prozent der Netzkosten. Die Großindustrie verbraucht ungefähr gleich viel Strom wie die privaten Haushalte, nämlich 28 Prozent des Stromverbrauchs in Österreich. Sie trägt aber nur 11 Prozent der Netzkosten.“ Es brauche mehr Planungssicherheit bei den Energiepreisen. „Die Energieversorgung muss für Haushalte und Unternehmen zu leistbaren Preisen sichergestellt werden. Die gemeinwirtschaftliche Verantwortung von Energieunternehmen muss entsprechend rechtlich festgeschrieben werden.

Der Ausbau von Photovoltaik-Anlagen
wird durch den Staat gefördert. Durch
diese Anlagen entstehen aber Erzeugungs-
spitzen, die wir nicht wegkriegen.

Kurt Christof,
Betriebsrat bei der Verbund AG

Erneuerbare Energien brauchen gerechteres Kostensystem

Die Energiewende und der damit verbundene Ausbau der Netze seien damit nicht nur eine technische, sondern auch eine soziale Frage, so Tölgyes. „Private Verbraucher:innen sind in der Regel an unteren Netzebenen angeschlossen. Sie finanzieren aber die oberen Netzebenen mit. Großverbraucher:innen sind oft an höheren Netzebenen angeschlossen und zahlen deshalb weniger.“ Diese Aufteilung sei aber aufgrund der Veränderungen bei der Stromversorgung nicht mehr zeitgemäß, meint Tölgyes. Eine zunehmende Zahl an Privathaushalten hat inzwischen Photovoltaikanlagen auf dem Dach. Diese Haushalte speisen Strom zumeist auf einer niedrigen Netzebene ins Stromnetz ein.

Der Strom fließt nicht mehr nur von oben hinunter, sondern auch von unten hinauf, und dann wieder hinab. Das sei die Folge einer zunehmend dezentralen Struktur bei der Stromproduktion und ein weiterer Grund dafür, warum es so großen Planungsbedarf beim Ausbau der Stromnetze gibt. Nötig sei auch eine „solidarische Finanzierung“ des Netzausbaus, wie der 10-Punkte-Plan des ÖGB formuliert, denn „die Finanzierung der Netzinfrastruktur wird derzeit zum größten Teil von Endverbraucher:innen sichergestellt“.

Merit-Order-System verhindert Kostengerechtigkeit

Für mehr Kostengerechtigkeit sei auch eine Abkehr vom derzeitigen Merit-Order-System im Strommarktdesign nötig, betonen Tölgyes und Pfister übereinstimmend. Im Merit-Order-System wird, vereinfacht erklärt, der Strompreis am Angebot des teuersten zur Deckung des Strombedarfs benötigten Kraftwerks ausgerichtet. Das sind oft Gaskraftwerke. Die Vorteile günstigerer Stromproduktion, etwa durch Windkraftwerke oder Photovoltaikanlagen, können so oft nicht an die Verbraucher:innen weitergegeben werden. Mit einer Hinwendung zu einem gerechteren Kostensystem sei aber in den kommenden Jahren nicht zu rechnen, so Tölgyes.

Zusätzlich kritisiert Angela Pfister, dass die Preispolitik der Anbieter völlig intransparent sei. Das belaste vor allem private Haushalte. „Wir fordern deshalb konkrete Maßnahmen, um hohe Energiepreise für die Bevölkerung abzumildern und diesen auch in der Zukunft entgegenzuwirken. Oberstes Ziel muss es sein, alle Menschen mit leistbarer Energie zu versorgen.“ Unmittelbar umsetzbar, so Pfister, wäre die Einrichtung eines effektiven Preismonitorings. Damit könnte man untersuchen, inwieweit die Preispolitik der Energieversorger gerechtfertigt ist.

Haushalte verbrauchen rund
ein Viertel des Stroms, tragen aber
40 Prozent der Netzkosten. 

Joel Tölgyes,
AK-Energieexperte

Bei erneuerbaren Energien drängt die Zeit

Aus der Sicht von Kurt Christof drängt die Zeit. Wichtige Fragen, so der Betriebsrat, werden beim Netzausbau und der Energiewende immer wieder verschleppt. „Die Inflation bleibt nicht stehen. Viele nötige Infrastrukturen hätte man billiger bekommen können, wenn es schneller gegangen wäre. Ein großer Faktor sind die Genehmigungsverfahren, die viel zu lange dauern.“ Als eine Lösung fordert der ÖGB eine übergeordnete Infrastrukturstrategie und eine verbindliche Planungskoordination von Bund, Ländern und Gemeinden für die nötige Infrastruktur. Dann klappt es vielleicht auch mit dem Umbau bei der Stromproduktion.

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