Engpass Kindergarten: In Kinder investieren

(c) Markus Zahradnik
In Österreichs Kindergärten fehlt es an Personal, an Ausstattung, an Platz, um Mädchen und Buben in kleineren Gruppen und durch mehr Pädagog:innen zu begleiten, wie sie das eigentlich bräuchten. Investitionen in die Elementarpädagogik würden aber nicht nur Kindern einen guten Start ermöglichen.
Seit Jahren weisen Elementarpädagog:innen auf die unhaltbaren Rahmenbedingungen in heimischen Kindergärten hin: Es fehlt an Mitarbeiter:innen, sodass von jenen, die im Beruf verbleiben, immer mehr in den Burnout rutschen. Meist werden 25 Kinder von einer bzw. einem einzigen Pädagog:in betreut, ein:e Assistent:in oder Helfer:in unterstützt oft nur beim Wickeln der Kleineren oder bei den Mahlzeiten. Die schwierigen Arbeitsbedingungen und die stetige Überlastung führen wiederum dazu, dass einige, welche an einer Bundesanstalt für Elementarpädagogik (BAfEP) ausgebildet wurden, gar nicht in den Beruf einsteigen und sich andere nach kurzer Zeit im Beruf nach einer anderen Ausbildung oder Tätigkeit umsehen.

Die Arbeit im Kindergarten ist aber ein Herzstück der Pädagogik. Hier machen Kinder wichtige Erfahrungen für ihre soziale Entwicklung, betont Stefanie Höhl, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Wien. „Sie spielen mit Gleichaltrigen, bauen erste Freundschaften auf und müssen sich in einer Gruppe zurechtfinden. Das trainiert wichtige Fähigkeiten wie Empathie, Fairness und Perspektivenübernahme.“

Der Kindergarten biete außerdem wichtige Lerngelegenheiten. „So wird im Morgenkreis die sprachliche Ausdrucksfähigkeit trainiert. Zudem üben Pädagog:innen wichtige Fertigkeiten für den Schulbesuch ein, wie zum Beispiel die Stifthaltung. Nicht zuletzt fallen qualifizierten Pädagog:innen Kinder mit speziellem Förderbedarf auf. Häufig ist gezieltes Training noch vor dem Eintritt in die Schule am wirksamsten, beispielsweise bei sprachlichen Fähigkeiten, die später das Lesen- und Schreibenlernen ermöglichen. Je früher ein Kind die nötige Unterstützung bekommt, desto besser“, so die Professorin.

Keine Zeit, keine Freiräume

Bekommt es diese heute aber auch in einem österreichischen Kindergarten? „Aus organisatorischer Sicht fällt auf, dass die Gruppen häufig zu groß und der Betreuungsschlüssel für diese Altersgruppe nicht angemessen ist“, betont Höhl. Gerade um auf die individuellen Bedürfnisse einzelner Kinder sensibel reagieren zu können, bräuchten Pädagog:innen genug Zeit und Freiräume, die im Alltag in großen Gruppen kaum gewährleistet seien.

Das bestätigt Nico Etschberger auch aus der Praxis. Der Elementarpädagoge ist Vorsitzender der Berufsgruppe für Elementarpädagogik Salzburg. Dem Kindergarten komme eine große Bedeutung in der individuellen Bildungskarriere von Menschen zu. Hier mehr Mittel in die Hand zu nehmen wäre auch volkswirtschaftlich sinnvoll, argumentiert er. In die frühe Bildung zu investieren sei langfristig günstiger, als später für Jugendarbeit, Sozialarbeit, die Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und Kriminalität wesentlich mehr Geld zu brauchen. Aber auch zur Integration könnte die Institution Kindergarten viel beitragen. Hier gehe es nicht nur um den Deutscherwerb von Kindern, der nicht über Sprachkurse, sondern im Rahmen von Alltagskommunikation erfolgt. „Hier haben wir auch eine Möglichkeit, die Eltern der Kinder zu erreichen und ihnen einen Platz in der Gesellschaft anzubieten.“

Link Krumpel ist ein Spätberufener. Nach zehn Jahren Werbeagentur wechselte er in die Elementarpädagogik und arbeitet heute als Elementarpädagoge und Betriebsrat.

Die Besten für die Kleinsten

Was es also brauche: viel Geld. In skandinavischen Ländern würden zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Elementarbildung ausgegeben, in Österreich seien es gerade einmal 0,6 Prozent. Was mit mehr Mitteln gemacht werden könnte? Es wäre möglich, die Gruppengröße zu reduzieren, bessere Gehälter zu zahlen, aber auch eine Ausbildungsoffensive zu finanzieren. „Es braucht die Besten für die Kleinsten – in diese Richtung muss es gehen“, so Etschberger.

Das bekräftigen auch jene drei Gewerkschaften, welche sich für die Interessen von Elementarpädagog:innen einsetzen: vida, GPA und younion. Derzeit sei qualitativ wertvolles Arbeiten aufgrund des Personalmangels bereits teilweise schwierig, betont Michaela Guglberger von der vida. Da gehe es dann eben auch um die Förderung des einzelnen Kindes. Sie fordert einerseits mehr Personal, andererseits auch eine österreichweit einheitliche Ausbildung für Assistent:innen in diesem Berufsfeld und als Sofortmaßnahme mehr Assistent:innen für Unterstützungsleistungen in den Gruppen.

Auch für Judith Hintermeier von der younion ist das, was am dringendsten benötigt wird, mehr Budget – also mehr Mittel von der öffentlichen Hand. „Ich weiß, Geld wächst nicht auf den Bäumen, aber mit mehr Budget könnten wir mehr Standorte bauen, dann kann ich auch weniger Kinder in der Gruppe haben und mehr Pädagog:innen beschäftigen. Ich könnte mehr Menschen ausbilden, die dann auch wirklich in den Beruf gehen und einen besseren Erwachsenen-Kind-Schlüssel garantieren.“

Ähnliche Forderungen formuliert Stephanie Veigl von der GPA. Es brauche österreichweite Qualitätsstandards (Gruppengrößen, Betreuungsschlüssel, Vorbereitungszeit), einheitliche Ausbildungsstandards für unterstützendes Personal, den Ausbau der Kinderbildungseinrichtungen und einen Kollektivvertrag für private Kindergärten in allen Bundesländern. Außerdem tritt Veigl für die Ausbildung von Pädagog:innen auf Hochschulniveau ein.

Wenn sich die Bedingungen für alle – Männer und Frauen – verbessern,
wird der Beruf prinzipiell für alle interessanter.

Link Krumpel, Elementarpädagoge

Damit rennt sie bei Nicole Kalteis, Leiterin der BAfEP 21 in Wien, offene Türen ein. Die Schule biete zwar grundsätzlich eine sehr gute Ausbildung mit einer starken Praxis-Theorie-Vernetzung. „Das ist etwas, was im Gegensatz zu anderen pädagogischen Ausbildungen gut gelingt.“ Schwer sei es aber, mit 19 Jahren in den Beruf einzusteigen. „Dann allein mit 25 Kindern in einer Gruppe zu stehen, ist eine große Herausforderung.“ Die momentan herausfordernden Rahmenbedingungen würden die Situation zusätzlich erschweren.

Wien setze daher zunehmend auf die Ausbildung von Erwachsenen. Auf lange Sicht wäre hier ein Hochschulstudium wünschenswert, sagt Kalteis. Derzeit gibt es ein Kolleg, in dem Menschen, die über eine Matura beziehungsweise die Berufsreifeprüfung verfügen, in vier bis sechs Semestern zu Elementarpädagog:innen ausgebildet werden. Bereits ab dem zweiten Jahr werden sie dabei in einem Kindergarten Teilzeit angestellt, das erste Ausbildungsjahr kann über das AMS und den Wiener Arbeitnehmer:innenfonds „waff“ finanziert werden. Der Vorteil für beide Seiten: 100 Prozent dieser Absolvent:innen würden auch im Beruf verbleiben. Bei den Absolvent:innen der BAfEP als Schulform gehe nur etwa ein Drittel nach dem Abschluss in den Beruf, erklärt Kalteis, betont aber, dass es hier kein valides Datenmaterial gebe.

Nicole Kalteis, Leiterin der BAfEP 21 in Wien, zur täglichen Situation in der Elementarpädagogik: „Allein mit 25 Kindern in einer Gruppe zu stehen, ist eine große Herausforderung.“

Mehr Männer

Auch Kalteis unterstreicht die Wichtigkeit der Elementarbildung: „Es geht nicht nur darum, dass sie für spätere Bildungserfahrungen wichtig ist. Die Kinder haben auch im Hier und Jetzt ein Recht auf Bildung.“ Im Idealfall werden die Mädchen und Buben von weiblichen und männlichen Pädagog:innen in ihren ersten Lebensjahren begleitet. Auch hier helfe die Kollegform, mehr Männer in diesen traditionellen Frauenberuf zu holen, „einige Männer entscheiden sich nach einer Kinderkarenz dafür“.

Link Krumpel ist einer dieser später Berufenen. Die Ausbildung zum Elementarpädagogen hat er im dritten Bildungsweg absolviert: Er war zunächst Tischler, dann Grafiker in einer Werbeagentur. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er nun in einem Wiener Kindergarten und engagiert sich dabei auch als Betriebsrat. Dabei setzt er sich für bessere Rahmenbedingungen für seine Kolleg:innen ein. Mehr Männer in dem Beruf hält er für wichtig, um Kindern sowohl weibliche als auch männliche Bezugspersonen zu bieten. Es gebe hier aber kein besser oder schlechter, sondern unterschiedliche Perspektiven und Herangehensweisen. Wenn Männer und Frauen als Pädagog:innen im Kindergarten arbeiten, sei das für die Kinder gut, aber auch für das Team.

Ob ein besseres Gehalt den Beruf auch für mehr Männer attraktiv machen würde? Darum gehe es nicht, betont Krumpel. „Wenn sich die Bedingungen für alle – Männer und Frauen – verbessern, wird der Beruf prinzipiell für alle interessanter.“ Er selbst bereut seine Berufsentscheidung jedenfalls nicht.

Um auch andere zu motivieren, in das Berufsfeld zu gehen, fordert Kalteis eine österreichweite Imagekampagne. „Im Moment sind die Themen Überforderung und Überlastung im medialen Fokus. Wir brauchen mehr Personal, um das zu ändern: Dann müssen wir aber auch zeigen, welche Möglichkeiten und Chancen dieses tolle Berufsfeld eröffnet.“

Über den/die Autor*in

Alexia Weiss

Alexia Weiss, geboren 1971 in Wien, Journalistin und Autorin. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig, u.a. als Redakteurin der Austria Presse Agentur. Ab 2007 freie Journalistin. Aktuell schreibt sie für das jüdische Magazin WINA, für gewerkschaftliche Medien wie die KOMPETENZ der GPA-djp und sie bloggt wöchentlich zum Thema „Jüdisch leben“ auf der Wiener Zeitung. 2021 erschien ihr bisher letztes Buch "Jude ist kein Schimpfwort" (Verlag Kremayr & Scheriau).

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